„Millenials“ von Marcos Morau, Tanz: MiR Dance Company

Virtuos bis durchwachsen

OsterTanzTage am Staatsballett Hannover

Ein bemerkenswertes Gastspiel von „Acosta Danza“ und ein Gala-Abend zum 40. Internationalen Wettbewerb für Choreografie, bei dem sich ästhetisch vieles ähnelte.

Hannover, 08/04/2026

Er hat eine rasante Karriere hingelegt, die sogar in einem Film („Yuli“, 2018) festgehalten wurde: Carlos Acosta, gebürtiger Kubaner, Gewinner des Prix de Lausanne 1990, viele Jahre lang gefeierter Star des Royal Ballet in London. Nach seinem Bühnenabschied gründete er 2015 Acosta Danza in Havanna mit eigener angeschlossener Schule, ein junges Ensemble, das durch die ganze Welt tourt und mit wechselnden Choreograf*innen arbeitet. Seit 2020 ist Carlos Acosta auch noch Direktor des Birmingham Royal Ballet. Dass Goyo Montero den karibischen Tausendsassa mit Acosta Danza jetzt im Rahmen seiner OsterTanzTage nach Hannover holen konnte, verdankt sich der engen Freundschaft zwischen beiden – Montero wurde u.a. an der Schule des kubanischen Nationalballetts ausgebildet und ist seit 2019 Hauschoreograf von Acosta Danza.

Das vierteilige Programm beginnt mit „La Ecuación“ von George Céspedes, wörtlich übersetzt „die Gleichung“. Und so beginnt es auch mathematisch: in einem Würfelskelett, in dem drei Tänzerinnen und ein Tänzer den Raum nach allen Seiten ausloten, ungemein rhythmisch und mit rasanten Wechseln.  

Danach folgt mit „98 Días“ (2023) von Javier de Frutos eine getanzte Version eines Gedichts von Federico Garcia Lorca; den Text spricht de Frutos selbst aus dem Off. Der Titel bezieht sich auf die 98 Tage, die Lorca 1930 auf Kuba verbrachte. Es ist eine Hymne an das Leben, eine Liebeserklärung an den Spirit der Karibik, von den zehn ausgezeichneten Tänzer*innen grandios in Bewegung umgesetzt. 

In Sidi Larbi Cherkaouis „Faun“ zu einer Musik-Collage aus Débussy und Nitin Sawhney beweisen Amisaday Naara und Paul Brando große Wandlungsfähigkeit und fügen sich bruchlos in die sehr eigenen Bewegungsmuster, die immer wieder Assoziationen zu der Ursprungsfassung von Vaslav Nijinsky wecken und doch eine ganz eigene Version darstellen. 

„Paysage, Soudain, La Nuit“ von Pontus Lidberg bringt dann nochmal einen ganz anderen Stil auf die Bühne und feiert die Jugend. Das 13-köpfige Ensemble hat hier nochmal Gelegenheit, seine Virtuosität, seine enorme Anpassungsfähigkeit und seine ansteckende Freude am Tanz zu zeigen. In Hannover war Acosta Danza zwar zum ersten, aber sicher nicht zum letzten Mal. 

Spannender Vorgeschmack 

Ein Gala-Abend der Ballett-Gesellschaft Hannover am 5. April gab einen Vorgeschmack auf die vom 11.-13. Juni 2026 stattfindende „choreography 40“, den internationalen Wettbewerb für Choreografie im Theater am Aegi in Hannover, der in diesem Jahr zum 40. Mal stattfindet.

Die Gala gab einen Überblick, wie wichtig die Arbeit der Ballettgesellschaft ist, die diesen Wettbewerb ausrichtet: Alle Eingeladenen haben den Wettbewerb schon einmal gewonnen und sind heute selbst renommierte Choreograf*innen und Ballettdirektor*innen. Den Anfang machte jedoch der Gastgeber selbst: Goyo Montero legte mit seinen 22 Tänzer*innen und „It’s Alright, Ma“ zu dem legendären Bob-Dylan-Song die Messlatte ganz hoch. In schwarzen Anzügen mischten sie packend und dynamisch die Bühne auf. Das setzte Maßstäbe, denen die nachfolgenden Stücke nicht in jedem Fall das Wasser reichen konnten. 

Dennoch boten sie einen vielfältigen Querschnitt durch den zeitgenössischen Tanz der vergangenen 35 Jahre: Stephan Thoss (Preisträger 1990) zeigte mit seinem Tanzensemble des Nationaltheater Mannheim einen Auszug aus „Shakespeare & Love“, das Ensemble TANZ_KASSEL hatte Eyal Dadons (Preisträger 2015) „Shuv“ im Gepäck, Gregor Zöllig (Preisträger 1996) brachte mit dem Tanztheater am Staatstheater Braunschweig einen Auszug aus „Das Rauschen der Stadt“, Sofia Nappi (Preisträgerin 2021) landete mit „The Fridas“ für zwei Tänzer aus der Gruppe KOMOCO einen speziellen Publikumserfolg. Nicht fehlen durfte natürlich auch Marcos Morau (Preisträger 2013) mit einem Auszug aus „Millennials“ in bodenlangen schwarzen Gewändern und großen schwarzen Hüten, von der MiR Dance Company Gelsenkirchen brillant zelebriert. Von Edward Clug (Preisträger 2003) zeigten Jasmine Cameron und Luke Ruben Talirz vom NRW Juniorballett Dortmund einen Auszug aus „Radio & Juliet“, und Honji Wang und Sébastien Ramirez (Preisträger 2012) waren mit ihrem Pas de Deux „À l’Origine“ vertreten. Den Abschluss bildete „A Thousand Steps to Silence“ von Tú Hoàng (Preisträger 2020 und 2023) mit dem Ensemble Of Curious Nature – steptext dance project Bremen. 

Auffällig war in der Gesamtschau jedoch, dass – abgesehen von „It’s Alright, Ma“ – wenig wirklich Neues dabei war. Vor allem in der Bewegungssprache ähneln sich viele Stücke: Man tanzt mit weichen Knien und geschmeidigen, meist raumgreifenden Bewegungen, unterbrochen von zackigen Ausfallschritten oder gerissenen Battements. Vielleicht bringt der Wettbewerb im Juni dann noch mehr Abwechslung? 

 

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