Im Nirgendwo
„New Artefacts“ in der Schwankhalle Bremen
Klimawandel hin oder her: Für mitteleuropäische Gewohnheiten fühlt es sich ungewohnt an, im Dezember bei 20 °C und Sonnenschein über den Weihnachtsmarkt „Fairyland“ am Rand von Vallettas Altstadt zu schlendern. Entsprechend wirkt der Titel „Winterdance“, mit dem auf einem großen Plakataufsteller direkt neben dem Parlamentsgebäude Werbung für den neuen Tanzabend gemacht wird, irgendwie nicht so ganz in die Jahreszeit passend.
Bereits seit einiger Zeit kooperieren Malta und Bremen tänzerisch miteinander. Nachdem Matthew William Robinson, Leiter der Company auf Malta, bereits in Bremen seine Arbeit „Arcadia“ gezeigt hatte, sind die Bremer im Dezember nach Valletta gereist. Im Gepäck hatten sie die Arbeit „Fulgence“, die der Brasilianer Samir Calixto für die Company schon Anfang 2025 kreiert hatte.
Der Titel verweist auf etwas Strahlendes, das hier direkt Verkörperung erfährt: Tiago Reis steht zu Beginn im Spotlight, reglos, stark, selbstbewusst. Sein inneres Strahlen, wenn man so will, zieht die Blicke an. Bewunderung. Dahinter aber liegt mehr, im Wortsinn. Sobald er sich zu bewegen beginnt, erfährt jede seiner Regungen indirekte Verlängerung durch einen zweiten Tänzer dahinter, in Schwarz, fast versteckt. Fremdgesteuert?
Dieses herausgestellte Sein, es gilt als attraktiv also nachahmenswert. Aufmerksamkeit tut dem Menschen gut. Deshalb kommen die einzelnen Tänzerinnen und Tänzer nacheinander auf die Bühne und suchen das Spotlight, das Zentrum, für ein Solo, das jeweils nur ihnen ganz allein gehört. Außerhalb des Lichtkegels ist alles Sein irrelevant. Dann sind alle gleich, alle in schwarzen Kostümen.
Immer wieder richtet sich alles an einem Zentrum aus, eine Orientierung an einem wörtlich „höheren“ Ziel. Da wird mit sehnsuchtsvoller Geste gemeinsam der Raum über den Köpfen fixiert, wie ein Hoffen auf einen himmlischen Segen. Das eigene Strahlen, so scheint es, ist nur durch Impulse von außen möglich. Bis sich schließlich alle aus den schwarzen Kostümen schälen und, fast nackt, unmissverständlich befreit und losgelöst wirken. Und plötzlich ist es da, das innere Strahlen. In warmem Licht suchen die Einzelnen nicht mehr nach dem, was von außen kommt. Stattdessen sind sie einfach. Zum Schluss ein ruhiger, offener Blick ins Publikum.
Der Tod hat den längeren Atem
Wenn Calixto mit „Fulgence“ Wirkung hinterfragt, scheint für „White Echo“ der Begriff des Einwirkens passend. Helge Letonja, Leiter von Of Curious Nature, hat mit dieser Uraufführung auf sichtbar sensible Weise eine Formensprache gefunden, die er dem Ensemble von ŻfinMalta direkt auf den Leib geschneidert hat. Dort, wo seine eigene Company stark vom Contemporary Dance geprägt auftritt, zeigt sich in den Bewegungen der Tänzer*innen um Robinson eher eine Nähe zur klassischen Ausbildung. Letonja schärft das noch durch den Einsatz von Mahlers elegischer Version von Schuberts „Der Tod und das Mädchen“.
Obwohl „White Echo“ den Zyklus der Natur im Kern hat, das Werden und Vergehen über die Zeit hinweg, liest sich das Miteinander der Tänzer*innen klar als Sinnbild menschlicher Interaktionen. Fast wie eine Vanitas setzt Letonja einen einzelnen Tänzer ins Zentrum, der als Tod auftritt, als letzte Instanz, der niemand entkommen kann.
Das Leben pulsiert dabei sichtbar in den Kurven eines dünnen Seils, das rhythmisch quer über die Bühne bewegt wird. Sinuskurven als Beweis für Lebendigkeit. Gleichzeitig funktioniert das Seil als Fessel, die alles stoppt und jeden Plan zunichte macht. Der Tod, er verschnürt eine Tänzerin zum Bündel und trägt sie ohne emotionale Regung von der Bühne. So hat er viel zu tun. Immer wieder hebt er einzelne Tänzerinnen und Tänzer aus der Mitte, reißt sie aus dem Moment, als wären sie nur Bausteine eines größeren Ganzen. Zwar gelingt manchen die Rückkehr, aber der Tod ist geduldig. Er hat den längeren Atem. Dabei steht er nicht außerhalb. Er ist Teil der Gruppe und stellt deshalb kein Ende dar, nur eine Zäsur. Der Tod schafft kein Bewusstsein. Alles läuft weiter wie bisher.
Die Sensibilität, die hier in der Interpretation sichtbar wird, zeigt, wie erfolgreich solche Kooperationen sein können, wenn sich Menschen aufeinander einlassen. Ist doch ein guter Gedanke fürs neue Jahr.
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