Lebendige Tanzmaschinen
Sacre meets Picasso beim neuen Mannheimer Tanzabend von Stephan Thoss
Zum neuen Mannheimer Tanzabend „Shakespeare & Love“ von Stephan Thoss
Als die Mannheimer Theaterwelt noch in Ordnung war – vor der aus dem Ruder laufenden Generalsanierung – durfte die Tanzsparte einmal pro Spielzeit „große Oper“ spielen, im Opernhaus und mit dem Orchester des Nationaltheaters. Diese traditionelle Selbstverständlichkeit gab es zuletzt 2021, noch unter auslaufenden Corona-Maßnahmen. Erst in der laufenden Spielzeit hat der Mannheimer Tanzchef Stepan Thoss zum ersten Mal wieder die Gelegenheit, die Opern-Infrastruktur für ein abendfüllendes neues Stück zu nutzen (in der Interimsspielstätte OPAL).
Aus dem Vollen schöpfen
Es scheint, dass dieser abendfüllende Tanzabend – zusätzlich zum eigenen künstlerischen Gewicht – die ausgefallenen Gelegenheiten ein wenig aufwiegen soll. „Shakespeare & Love“ sammelt Superlative für Sehen und Hören. Dabei macht die Musik dem Tanz deutlich Konkurrenz. Der Abend enthält allein fünfzehn live gespielte höchst unterschiedliche Musikstücke, von Minimal Music bis Gustav Mahler, von Solo-Percussions bis Prokofiev, von zeitgenössischem Drive bis zu großen musikalischen Gefühlen aus Skandinavien. Musik erklingt nicht nur aus dem Orchestergraben, sondern auch auf der Bühne: Flügel, Cello, Percussions… alles zusammengehalten von Markus L. Frank am Pult. Er und die beteiligten Musikerinnen und Musikern haben hörbar Spaß an der ungewohnten Aufgabe.
Stephan Thoss durfte (zusammen mit Bühnenbildnerin Romy Liebig) zum ersten Mal wieder bühnentechnisch aus dem Vollen schöpfen, und das tat er auch: mit Drehbühne, aufwändigem Bühnenbild (verschiebbare geschwungene Wände, durch vertikale Lichtelemente gegliedert) und Videoprojektionen. Auch in Sachen Kostüme war Romy Liebig aktiv. Es gab viel für sie zu tun, denn unter dem Stichwort Shakespeare nimmt der Choreograf auf nicht weniger als sechs Dramen Bezug. Für sein Tanzstück hat er sich von zentralen Szenen mit hohem Wiedererkennungswert inspirieren lassen: dem Verfall von Macbeth, Hamlets Wahnsinn, Othellos zerstörerischer Eifersucht, amüsanten Liebesverirrungen im Sommernachtstraum, dem Machtmissbrauch des King Lear und der tragischen Liebe von Romeo und Julia. Ein weiterer inhaltlicher roter Faden der stürmischen Choreografie: die allmähliche Loslösung der gekrönten Hauptakteure von dominanten Mutterfiguren, die im vorangestellten Prolog erst golden, dann schwarz auf überhöhten Podesten die Szene dominieren.
Von Macbeth bis zum Sommernachtstraum
Bei so viel kompliziertem Inhalt hätte der Tanz etwas ins Hintertreffen geraten können, wäre Stephan Thoss nicht in den besten Momenten des Abends sein choreografisches Markenzeichen gelungen: den Tanz so wirken zu lassen, als wäre die Musik den Tänzer*nnen und ohne Umweg direkt in die Glieder gefahren. Das gesamte Mannheimer Ensemble ist an diesem Abend in wechselnden Rollen in Bestform so aktiv, dass man gerne an mehr als die beteiligten siebzehn Ensemblemitglieder glauben konnte.
Nach der Pause richtet Stephan Thoss den Blick auf eine weitere Überlieferung, in der die Liebe im Mittelpunkt steht: Platons Mythos vom perfekten Kugelmenschen mit zwei Gesichtern und vier Armen und Beinen. Mit deren Spaltung verurteilen die Götter uns Menschen zur Suche nach ihrer verlorenen Hälfte. Um die beiden ungleichen Teile dieses Abends inhaltlich zusammenzuhalten, wird auch hier die Rahmenhandlung von Mutter und Sohn fortgeführt. Anfangs dominiert ein munteres Dating-Geschehen der großen Gruppe – individuell und doch gruppenzugehörig gekennzeichnet in Schwarz-Weiß -Glitzer-Kostümen. Erst, als sich die Gruppe gemeinschaftlich zusammenfindet, kann die Paarsuche über Zufallsbegegnungen hinausgehen. Zum versöhnlichen Ende teilt das perfekte Paar den Alltag.
Der überbordende Abend wird vom Publikum gebührend gefeiert; nicht zuletzt kann auch die Mannheimer Tanzcommunity zum ersten Mal seit langem wieder das Gefühl einer großen Gemeinschaft auskosten.
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