„How a Falling Star Lit up the Purple Sky...“ von Jeremy Nedd & Impilo Mapantsula

„How a Falling Star Lit up the Purple Sky...“ von Jeremy Nedd & Impilo Mapantsula

Zwischen Energie und Lethargie

Sehr unterschiedliche Tanzproduktionen beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg

In „How a Falling Star Lit up the Purple Sky...“ codieren Jeremy Nedd & Impilo Mapantsula das Genre Western durch eine Schwarze Lesart um. In „Ugly Part 3: Blue“ thematisiert Raja Feather Kelly das Gefühl der Fremdheit im eigenen Körper.

Hamburg, 26/08/2022

Kaum ein Filmgenre ist derzeit zurecht umstrittener als der Western. Schlagworte wie Exotisierung und Dämonisierung der Native Americans, Glorifizierung des Völkermords an ihnen, Verharmlosung von Gewalt und Romantisierung des wild-westlichen Lebensstils kursieren in diesem Kontext und erfahren große Brisanz, wenn es um Diskussionen wie Karnevalskostümierungen sowie Neuveröffentlichungen in Film und Buch geht – diese Woche wieder erlebbar angesichts der vom Ravensburger Verlag zurückgenommenen Adaption von „Winnetou“. Und trotzdem übt v.a. das Bild des Cowboys bis heute bei Klein und Groß eine immense Faszination, ein Gefühl von Sehnsucht, Abenteuerlust und Heldenhaftigkeit aus.

An diesem Punkt setzen der US-amerikanische Choreograf Jeremy Nedd und das Tanzkünstler*innen-Netzwerk Impilo Mapantsula in ihrer neuen Produktion „How a Falling Star Lit up the Purple Sky...“ an und stellen die Frage, was passiert, wenn sich die Erzählung des Westerns von Gewalt, Landraub und Rassismus entfernen und „stattdessen eine Bildsprache schaffen würde, die die harmonische Ökologie des Landes mit verantwortungsbewussten Hütern für die Zukunft glorifizierte.“ Angesichts dessen, dass der historische Fakt, dass 30% der Cowboys in den USA Schwarz waren, popkulturell und geschichtskritisch nicht repräsentiert wird, eignet sich die Gruppe das Narrativ des Cowboys nun an und entwirft in einem den südafrikanischen Pantsula-Tanz zelebrierenden Fest ein utopisches Gegennarrativ des friedlichen Schwarzen Cowboys.

Was hier in der zweiten Woche des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel in Hamburg auf die Bühne gebracht wird, ist an überbordender Energie kaum zu toppen. Das zehnköpfige Ensemble, bei dem im Gegensatz zu „The Ecstatic“ – dem ersten Stück der Kollaboration Nedd & Impilo Mapantsula, dieses Mal auch zwei Frauen mittanzen, brilliert v.a. in den Sequenzen, in denen sich die Performer*innen durch Rhythmus kreierende Anfeuerungsrufe und -pfiffe zu tänzerischen Höchstleistungen im Tanz des Pantsula animieren. Der Klang der blitzschnell und präzise aufstampfenden Füße hallt durch die brüllend-heiße K1, während sich die Tänzer*innen in verschiedenen Formationen fast bis zur Erschöpfung weiter anstacheln.

Begeisterten Szenenapplaus handelt sich eine Szene ein, in der die Tänzer einer nach dem anderen mit Handbewegungen Schusswaffenduelle mimen, dann aber abgehen und der Hauch von Gewalt in der Luft von den beiden Tänzerinnen in ein friedliches Tanzduell umgewandelt wird. Sich gegenseitig anlächelnd legen sie nacheinander – wie in einem Wettbewerb – bunte Decken um Kopf, Hals, Oberkörper und Hüften und lassen einzelne, verlangsamte Schrittfolgen der zuvor energiegeladenen Szene wieder auftauchen.

Leider gelingt die Verschränkung der inhaltlichen Beschäftigung mit Western und Cowboy-Bildern mit der choreografischen Ebene des Pantsula über die 75 Minuten hinweg nicht immer so gut wie in dieser Duellszene. Inhaltliche Anknüpfungspunkte an den Western und textliche Bausteine in Schrift und Wort werden plakativ genutzt und nicht immer dramaturgisch schlüssig verknüpft. So ist die kurze Texteinblendung zur Mitte des Stücks, dass in afrikanischer Kosmologie kein Mensch ein Land besitzen kann und sich viele Menschen aufgrund des Landraubs weißer Kolonialist*innen heimatlos fühlen, sehr eindeutig, zu schnell aber werden diese nachdenklichen Momente wieder aufgelöst.

Ganz offenbar erscheint dies am Ende der Performance. Zu einem melancholischen E-Gitarren-Sound finden Jeremy Nedd und ein weiterer Tänzer in einem Mix aus weicheren Pantsula-Schritten und anderen zeitgenössischen Techniken mit lautlosen Drehungen, Kicks und Slides zu einem wunderschönen Duett zusammen. Die dadurch kreierte nachdenkliche Atmosphäre, die sich perfekt als Schlussmoment angeboten hätte, wird allerdings durch eine ausgelassen festliche Zugaben-Sequenz wieder entkräftet. Sich in zwei Gruppen gegenüberstehend, zeigen die Tänzer*innen noch einmal eine Art Best-of des Pantsula. Da die Tänzer*innen in Bezug auf Kraft und Choreografie in der sehr ähnlichen Sequenz zu Anfang des Stücks den energetischen Höhepunkt aber schon erreicht hatten, schaffen die abschließenden Minuten keinen Mehrwert und entlassen das Publikum vielleicht etwas zu sehr in Feierlaune, als es das Thema der Performance eigentlich zulassen sollte. Der Begeisterung des Publikums tut das aber – vielleicht gerade deshalb – keinen Abbruch. Tosender Applaus, zahlreiche Jubelrufe und Standing Ovations für die fantastischen Tänzer*innen.

Eine Woche später zeigt der in Brooklyn lebende Performer Raja Feather Kelly mit „Ugly Part 3: Blue“ ein Solo, das sich auf choreografischer Ebene und ästhetisch von „How a Falling Star Lit up the Purple Sky...“ kaum stärker unterscheiden könnte. Das Solo ist der dritte Teil von Kellys „Pop-Queer-Empathie-Trilogie“ „Ugly“, in der er sich durch einen sehr persönlichen Bezug mit der popkulturellen Ausgrenzung queerer Schwarzer Identität auseinandersetzt. „Ugly“, so liest man im Programmzettel, beziehe sich hierbei nicht aufs Ästhetische. Vielmehr sagt Kelly dazu: „Ich bin ein hässlicher Mann, weil ihr euch weigert mich zu sehen.“

In einem überwiegend blauen Zimmer-Setting verfolgt das Publikum den Performer – gekleidet in einen hautengen blauen Ganzkörperanzug, der auch das Gesicht verdeckt und verzerrt – bei scheinbar alltäglichen Handlungen wie Staubwischen und Umziehen, die immer wieder unterbrochen werden von kurzen Versuchen, in tänzerische Performancesequenzen zu fallen. So rennt Kelly mit einem langen blauen Tüllrock durch den Raum oder inszeniert sich als elegant-kriegerischer Schwertkämpfer. Doch auch diese Versuche brechen immer wieder – oft durch äußere Einflüsse wie Weckerklingeln oder Türklopfen – ab. Während aus den Lautsprechern und von einem sich über die gesamte Bühnenbreite ziehenden Bildschirm ein loser, abgehakter und sich überlagernder Wust an popkulturellen Referenzen auf den Performer einprasseln, wirkt er selbst fast wie ein Ausstellungsobjekt in einem Museum. Schnell fühlt man sich erinnert an das Gefühl des Eingesperrtseins im Corona-Lockdown, während man von außen durch mediale Einflüsse bombardiert wird.

Während der audiovisuelle Score aus Filmschnipseln, Videocollagen, divergierenden Musikstilen und Alltagsgeräuschen äußerst beeindruckt, wird man auf der Suche nach dem roten Faden in der eher lethargischen Performance nicht durchgehend fündig. So erinnert zwar der Auftritt eines Huhn-Maskottchens an die Kultur der Memes, irritiert durch den nicht zu Ende gedachten Zusammenhang aber vornehmlich. Erst am Ende, wenn Raja Feather Kelly mit dem Rücken zum Publikum seinen Monolog „The Alien will not perform“ verliest, findet das Szenengefüge seinen Zielpunkt. Durch die gesellschaftliche Prägung, die Schwarze queere Menschen ausschließt und unterrepräsentiert, fühlt Kelly sich selbst als Alien, als fremd in seinem eigenen Körper. Allerdings findet er mit dem Ende des Monologs, der sicher die stärkste Szene des Abends ist, einen hoffnungsvollen Ausgang. „The Alien will live“ heißt es zum Schluss, der Performer lässt sich auf einer Hebebühne über den Schnürboden fahren und kreiert durch den Weg zurück nach unten den Moment einer Ankunft, eines Starts in ein selbstermächtigtes und selbstbestimmtes Leben.

Äußerst spannend wäre gewesen, auch Teil 1 und 2 von Kellys „Ugly“-Trilogie im Zusammenhang zu sehen. Vielleicht hätte man dann mit der Vorerfahrung und der Teilhabe an den gedanklichen Brücken des Performers auch „Part 3: Blue“ von Beginn der Performance an noch besser wertschätzen können.


Außerdem zeigte das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel das hochpolitische Tanztheater „Jurrungu Ngan-Ga“ der trans-indigenen australischen Kompanie Marrugeku. (Besprechung dieser Produktion bei Tanz im August sh. tanznetz vom 06.08.22)
Am Abschlusswochenende zeigt das Sommerfestival Florentina Holzingers „A Divine Comedy“. Weitere Infos unter: https://kampnagel.de
 

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