„Pulcinella“ / „New Ballets Russes“ von Richard Siegal, Tanz: Seu Kim, Òscar Alonso

Narrheit und Puppen

Richard Siegal präsentiert „New Ballets Russes“ am Staatstheater Nürnberg

Unter programmatisch-ehrgeizigem Titel zeigt Richard Siegal einen vielfältigen Strawinsky-Doppelabend mit zeitgenössischen Überschreibungen von „Pulcinella“ (Siegal-UA) und „Petruschka“. Auf Satire folgt hier manipulative Zauberei. Und Margarida Neto erobert als Petruschka-Interpretin die Herzen aller Zuschauer.

Nürnberg, 24/02/2026

Richard Siegal ist kein Choreograf der Düsternis. Womöglich einer seiner wichtigsten Selling Points. Aus dem Programmheft zu seinem aktuellen Abend „New Ballets Russes“ erfährt man, dass der ehemalige Forsythe-Tänzer als Teenager einen Sommer lang mit einer Schauspieltruppe tourte, die Stücke der italienischen Stegreifkomödie zur Aufführung brachte. Der Titel „New Balletts Russes“ bezieht sich allerdings nicht auf eine Commedia-dell’arte-Truppe. Er umfasst zwei von Igor Strawinsky meisterhaft vertonte ältere Stücke, die aus heutiger Sicht voller No Go’s stecken: Sexismus, Rassismus, Exotik, kulturelle Aneignung und Blackfacing. 

Allʼ dies im Geist der Vergangenheit, aber mit Blick auf die Gegenwart neu zu denken, hat im Hinblick auf die Geschichte des Tanzrepertoires methodisch seine volle Berechtigung. Als noch frischgebackener Ballettchef eines Staatstheaters und als jemand, der zuvor höchst selten kanonische Arbeiten abgeliefert hat, erscheint es sinnvoll für Siegal, an diese Tradition anzuknüpfen und zugleich eine neue Herausforderung zu suchen. Das Tolle dabei ist: Sein individueller Einfallsreichtum scheint keine Grenzen zu kennen.

Pulcinella

Kostümfarben und fahrbare Wände in Siegals Uraufführung „Pulcinella“, dem Auftaktwerk von „New Ballets Russes“, erstrahlen geradezu im Licht. Jean-Marc Puissants Ausstattung ist eine Augenweide und steckt voller dynamischer Möglichkeiten für räumliche Veränderungen. In loser Anlehnung an das Originallibretto hat Richard Siegal gemeinsam mit dem Dramaturgen Evan Supple Texteinblendungen geschaffen. Sporadisch an unterschiedlichen Stellen auf das wandelbare, schlichte Dekor projiziert, dienen diese dem Tanz als inhaltlich flankierender Kommentar. Beides gleichermaßen zur Gänze zu rezipieren, kann beim ersten Sehen nur danebengehen. Die Idee, Handlung durch geschriebene Worte voranzutreiben, wäre beim Stummfilm besser aufgehoben geblieben.

Live on stage verschwinden ganze Absätze – in ein mobiles Setting eingebunden und wohl gedacht als mentale Rutsche zwischen den Erzählebenen – bloß angelesen hinter parallel dazu interagierenden Paaren, prompten Ortswechseln und 16 Protagonist*innen, die gestisch mal mehr, mal weniger aufgeregt die Blicke auf sich ziehen. Zudem beginnt Siegals Version von „Pulcinellas Geschichte oder die Verherrlichung des Narren“ so schwungvoll, dass es kaum zu schaffen ist, gedanklich gleich Rollennamen plus Personenbeschreibungen mit den von überall her schnell nacheinander auf die Bühne stürmenden Charakteren in ihren Beziehungskonstellationen zu verinnerlichen.

Dabei könnte Siegal locker auf den Erzählfluss der bewusst gebrochenen oder oft übertrieben manierierten Handgesten und flinken Füße von Abigail Weber (Pimpinella), Livia Gil (Columbiana), Furbo (Avery Reiners), Prudenza (auf Spitzen: Ian Sanford) Rosetta (Renata Peraso), Cloviello (Lucas Axel) und Seu Kim (Florindo) vertrauen. Dass Pier-Loup Lacour als hier für böse Intrigen offener, fremdenfeindlicher Pulcinella mit Königsallüren und selbstherrlicher Scharlatanerie allein alles und über jeden bestimmen will, versteht sich von selbst. Ähnlichkeiten mit lebenden Politikern? Sicherlich nicht rein zufällig!

In satirischer Hinsicht hätte die Posse durchaus noch mehr Pfeffer und choreografischen Schmiss vertragen können. Statt wie sonst in schlussendlichen Hochzeiten zu kulminieren, gehen hier Heuchelei und ein Täuschungsmanöver nach hinten los: San Pulcinello – Siegals narzisstischer Souverän – verliert am Ende seine Getreuen ebenso wie das Spiel gegen (heimlich) Liebende und vermeintliche Widersacher. Das hat zeitlose Aussagekraft.

Stylisch virtuos, inhaltlich abstrakt und musikalisch computergeneriert ist Richard Siegal vor einigen Monaten mit einem ersten Dreiteiler erfolgreich in Nürnberg gestartet. Anders als im Laufe der Jahre bei seinem Vorgänger Goyo Montero überwiegt in seiner choreografischen Laufbahn bislang das abstrakte Kurzformat. Zentrales Scharnier bei „Noise Signal Silence“ zu Spielzeitbeginn war dann auch die fränkische Erstaufführung des 2013 mit dem Bayerischen Staatsballett uraufgeführten „Unitxt“: Siegals erste eigene Arbeit mit Spitzenschuhen und technisch innovativ schon wegen der mit Schlaufen versehenen futuristischen Kostüme des Industriedesigners Konstantin Grcic.

Petruschka

Seitdem lässt sich dieses in die Outfits integrierte Hilfsmittel für rabiatere Partneraktionen und Bewegungssequenzen in Siegals Produktionen immer wieder finden. Auf diese Weise hebeln sich nach der Pause in „Petruschka“ die fabelhafte Margarita Neto (eine überwältigende Alleskönnerin und Siegal-Tänzerin seit bald zehn Jahren) als herausragende Interpretin der Titelfigur, Luiza Yuk (Nürnberger Neuzugang) in der Rolle der in starken Arabesken sprechenden Ballerina und Lukas Axel (seit 2019 am Haus) als sprungaffiner Soldat – sich eigentlich selbst genug – mit übergroßem Ego gegenseitig wiederholt wunderbar aus. Die herrlich modisch extravaganten Kostüme, die wie einst Ballets-Russes-Ausstatter Léon Bakst dem Stück zusätzlich das gewisse Etwas verpassen, hatte Flora Miranda Siegals Ballet of Difference bereits vor vier Jahren maßgeschneidert, als seine zweite live von einem Orchester begleitete Produktion in Koproduktion mit der Oper Köln herauskam.

Dem ambitionierten Vorstellungstitel „New Ballets Russes“ wird der gebürtige Amerikaner damit durchaus gerecht – und er liefert an Charakterzeichnungen quasi nach, was die langsam neu zusammenwachsende Kompanie in „Noise Signal Silence“ mit drei Arbeiten in Folge, die ganz vom Kick perfekter tänzerischer Ausführung leben, vermissen ließ: Dem energetischen, architektonisch durchstrukturierten Abend, der seinerzeit trotz hoher Formvielfalt zu wenig ästhetische Abwechslung bot, fehlte einfach das menschlich Emotionale.

Für seine zweite Premiere in der Frankenmetropole stand Siegal thematisch kein geringerer als der legendäre Ballets-Russes-Impressario Sergej Diaghilew Pate – mit einem Erbe, das Anfang des 20. Jahrhunderts Rollenbilder wie Bühnentanz revolutionierte. „Petruschka“ wurde in Nürnberg zuletzt 2019 in einer dunklen Adaption von Douglas Lee getanzt. Ganz anders geht Siegal bei seiner märchenhaft-bezaubernden Neuinterpretation ans Werk. Drahtzieher ist ein Zauberer (Oscar Alonso), der unterstützt von seinem Gehilfen (Pier-Lou Lacour) manipulativ eine Gruppe in Kapuzenshirts durch den Raum dirigiert. Petruschka, die Ballerina und der Soldat schweben noch leblos vom Schnürboden herab. Aufeinander losgelassen, startet das Puppen-Trio ein Eigenleben auf Zeit – mitunter fremdgesteuert als Verkupplungsexperiment. Margarida Neto – in der Rolle des Petruschka zunehmend händeringend – gefällt das gar nicht.

In das Abenteuer einer Suche nach Seele und Menschlichkeit stürzten sich die Tänzer*innen des Staatstheater Nürnberg Ballet of Difference mit lebhafter Erzählfreude und darstellerischer Verve. Musikalisch wurden sie bestens getragen von den Musiker*innen der Staatsphilharmonie Nürnberg unter der Leitung des Ersten Kapellmeisters Jan Croonenbroeck. „Pulcinella“ verwunderte mit einem erstaunlich kodifizierten, fast retro-klassischen Schrittvokabular insbesondere für die schwarz-weiß eingekleidete Entourage des macht- wie selbstverliebten Anführers eines imaginären Städtchens. Siegals ältere Kreation „Petruschka“ überzeugte dagegen umso mehr.

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