„Frühlingsstimmen“ von Andreas Heise

Ein Hoch auf die Klassik

„Radical Classical“ mit den Gauthier Dance Juniors in Stuttgart

Den roten Faden liefert die ausschließlich klassische Musik. Herausgekommen ist eine hinreißende Liebeserklärung an die Macht der Musik und das in Wort, Bild und Tanz.

Stuttgart, 24/01/2026

Dieser Tanzabend beginnt nicht mit Tanz, sondern mit der Musik. Sie steht im Mittelpunkt der kurzen Porträts, die Kameramann Rainhardt Albrecht-Herz (Produktion fiorfeld) und Regisseur Kai Thomas Geiger von Künstler*innen gestaltet haben: Mezzosopran Maria Theresa Ulrich, Countertenor Yuri Mynenko, Geigenbauer Markus Steinbeck und Percussionistin Leonie Klein, Oboist Juri Vallentin und Pianist Maximilian Schairer. Die Kamera begleitet sie in die Stuttgarter Oper, in den Probenraum und in die Geigen-Werkstatt. In nur wenigen Minuten wird in ausdrucksstarken Bildern das Faszinosum klassische Musik vermittelt.

Auch wenn das Motto des Abends „Radical Classical“ sich also auf die Musik bezieht, so spielt das Plakatmotiv, ein Spitzenschuh mit Dornen aus Stahl, doch mit der Assoziation Ballett. Und der Bezug zum klassischen Tanz scheint mehr als einmal durch im Programm und wenn es in dem Bemühen ist, sich davon radikal abzugrenzen.  

So beginnt der Abend mit dem Frühlingsstimmenwalzer von Johann Strauß Jr. Choreograf Andreas Heise lässt die Juniors zu Walzerklängen auf schwarzen Socken Pirouetten drehen, trippelnd in Formationen tanzen und immer wieder den Walzerschwung zum Pas de Deux nutzen. Eine temporeiche Parodie choreografiert 2025 für das Ballett Schwerin. 

Wie mächtig Musik mitunter ist, zeigt sich wohl am deutlichsten bei Ravels „Bolero“. Der israelische Choreograf Ohad Naharin (Batsheva Dance Company) wählte zwar eine durch Synthesizer verfremdete und vor allem verkürzte Version, aber auch diese Arbeit folgt dem Prinzip der immer und immer wiederkehrenden Bewegungen, von denen sich die zwei Tänzerinnen (Naia Dobrota, Ashton Benn) erst zum Schluss freigetanzt haben.  

Körperbeherrschung

Auch schon ein Klassiker und jetzt auch im Repertoire von Gauthier Dance ist „La Morte del Cigno“ des italienischen Choreografen Mauro de Candia. Camille Saint-Saens schrieb die Ballettmusik 1905. Vladimir Malakov machte das Werk endgültig berühmt. Hier eindrucksvoll getanzt von Ensemblemitglied Rong Chang.

Avantgardistisch und immer wieder verstörend ist die Adaption von Nijinskys „L’Après-midi d’un faune“ durch die Kanadierin Marie Chouinard. Sie besetzt die Rolle des liebestollen Fauns durch eine Tänzerin (Carolina Fernandes). Die Partie verlangt auch heute noch Mut und Körperbeherrschung.

Und das gilt auch für das Duett der Choreografin Aszure Barton. Eine Frau beißt sich an der Zunge eines Mannes fest (Giuseppe Iodice, Ashton Benn). Die Idee zu dieser Arbeit ist so kreativ wie die Bewegungen, mit denen die beiden die Verbindung versuchen zu halten. Ein guter Einstieg; die Kanadierin ist neue Artist in Residence bei Gauthier Dance.  

Hommage an die Mitbegründerin

Das war auch er viele Jahre: Marco Goecke. Auf eigenen Wunsch und als Hommage an Gudrun Schretzmeier, Mitbegründerin des Theaterhauses und Vertraute der Compagnie schuf er ein neues Werk: „Furia“ – Wut, ein Stück für zwei Tänzer*innen (Mathilde Roberge, Atticus Dobbie) auf Musik des Barock.

Der schnelle, ja fast nervöse Rhythmus passt perfekt zur Tanzsprache Goeckes, der die Figuren und Positionen des klassischen Tanzes seziert und daraus Neues kreiert hat. Die Hände greifen immer wieder nervös ins Nichts, fuchtelnde Arme, suchende Blicke, der Wunsch nach Nähe und der unvermeidliche Verlust. Aus dem Licht geht es ins Dunkel. Langer Applaus für den aus Basel angereisten Ballettchef.  

Mit einem Klassiker des Repertoires endet der Abend versöhnlich. Eric Gauthiers „Orchestra of Wolves“, ein heiteres Stück aus dem Jahr 2009 zu Beethovens Fünfter Sinfonie. „The sunny side of modern dance“ wollte Gauthier damals zeigen. Daran erinnert dieses Stück, aber auch, wie weit sich die Compagnie seitdem entwickelt hat.

Dafür steht auch dieser Abend mit den acht Juniors von Gauthier Dance. Und dass der nicht nur musikalisch „Radical classical“ war, zeigte sich auch im Publikum. Von Ballettikonen wie Marcia Haydée, Georgette Tsinguirides bis Egon Madsen waren alle gekommen, um zu sehen, in welche Richtung sich die Tanzwelt bewegt.

 

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