Chores or Choice?
Leïla Ka’s performance “Maldonne” at Sommerszene Salzburg
Halbnackte Körper in langen Röcken ragen am Freitag Nachmittag auf acht Meter Höhe zwischen den Bäumen in den regnerischen Himmel des Illmparks in Weimar. Unweit von Goethes berühmten Gartenhäuschen startet die Company Gratte Ciel mit der Performance das Kunstfest Weimar. Die französische Truppe ist dem Genre des Neuen Zirkus zuzuordnen. In „RoZéo“ kreiseln die zwei Artistinnen zusammen mit einem männlichen Kollegen auf den Stahlrohren hin und her, kreiseln, bringen sich in unerwartete Schieflagen oder schwingen auf den Kolossen hin und her, das man meint, das Rohr müsse brechen. Aber hier bricht nichts, sondern es gilt alles der Schönheit und dem Spektakel.
Dazu gibt es einen Live-Soundtrack samt Gesang und Geräuschen, der mal mystisch, mal rhythmisch, mal mit französischen Ansagen daher kommt. Unermüdlich sind die drei Performenden aktiv, wirbeln mit den Haaren, nutzen lange Stöcke wie Lanzen oder geben die Dynamik der Stangen in ihre Körper weiter. Es ist gleichermaßen harmonisch wie gefährlich, und irgendwann versammelt sich das Publikum nicht nur um die Stangen, sondern unter ihnen, und die Körper fliegen schlicht über die Menge. Allerdings, ein wirkliches Gemeinsames zwischen den Performenden ist nicht zu erkennen. Zwar übertragen sich einzelne Muster oder Bewegungen, aber die Performance kommt an keinem Moment in ein gleiches Schwingen. Ob dies einfach der Komplexität des Materials geschuldet ist oder eben Konzept, bleibt offen. So ist „RoZéo“ vor allem eine performative Installation, die theoretisch endlos weiter gehen könnte. Praktisch aber ist nach 45 Minuten Schluss.
Das Kunstfest will raus
Mit diesem spektakulären Start setzt das neue Leitungsteam des Kunstfestes ganz klar einen Ton. Katharina Germo und Juliane Hahn wollen nach draußen, raus aus den Theatersälen, auch raus aus Weimar, hin zum Publikum. Neuer Zirkus spielt da eine Rolle, am gleichen Abend zeigte auch Masamitsu Araki ein Performance mit Autos und Sounds auf der Festwiese Apolda.
Zum Start im Deutschen Nationaltheater gab es dann ein großes Tanzstück. „Maldonne“ von Leïla Ka stand auf dem Programm. Das vorgeblich typisch Weibliche wird hier tänzerisch durchexerziert irgendwo zwischen Wut aber auch viel Respekt. Es geht um die (Kleidungs-)schichten der Frau. Das Stück tourt seit letztem Jahr über die europäischen Bühnen (ausführliche Rezensionen finden sich hier und hier) und überzeugt durch seine Präzision und seine unaufdringliche Politik des Empowerments. Das überträgt sich auch in Weimar auf das Publikum, wenn die fünf Performerinnen zu Leonard Cohens „Dance Me to the End of Love“ schlussendlich die zuvor wechselnden Kleider abwerfen, nachdem sie durch Barockmusik und Elektrobeats zwischen Unterworfenheit und Selbstbehauptung changiert haben.
Das Kunstfest geht noch bis zum 6. September und tänzerische Höhepunkte sind die Deutschlandpremiere „Izithukuthuku: The Tattered Soul of the Worker“ von VAP, Vusi Mdoyi und Phala Ookeditse Phala ein Höhepunkt sowied ie Triple Bill „AUSBRECHEN: International Evening of Contemporary Dance“ mit Arbeiten von Stéphanie Mwamba, Islam Elarabi sowie Hana Umeda und Sada Hanasaki.
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