„InterSomnia“ der Junior Company Bonn

Traumhaft unterfördert

„InterSomnia“ der Junior Company Bonn

Junge Tänzer*innen erkunden schlafwandlerisch Zwischenzustände – allen Einschränkungen einer wenig traumhaften Fördersituation zum Trotz.

Bonn, 05/07/2026

Von Hannah Emami

 

„Ich nehme sie, wie sie sind. Und für mich sind es fertige Tänzer*innen.“ Rafaële Giovanola, die im kommenden Jahr für ihr Lebenswerk mit dem renommierten Deutschen Tanzpreis ausgezeichnet wird, spricht zufrieden über die Arbeit der Junior Company Bonn. 

Die 17 Tänzer*innen zwischen Acht und Anfang Zwanzig präsentieren ihr neues Stück „InterSomnia“. Und es ist wirklich ihr Stück: Thema, Konzept, Bewegungen, Choreografie, Kostüme – alles kommt direkt von den jungen Tanzschaffenden. Vor zwei Jahren wagte das Ensemble zum ersten Mal den Versuch, das Stück „Fatigateau“ ohne die erfahrene choreografische Hand Giovanolas ganz selbst zu gestalten. Damals ging es um Erschöpfungszustände, ausgelöst durch die heutige Lebenswelt. Die neue Arbeit knüpft an diese Auseinandersetzung an: Es bewegt sich in Zustände von Schlaf, Träumen, Ausruhen, aber auch in Albträume und unklare Zwischenzustände. 

Jugendliches Schlafwandeln

Wie in Trance schwanken die Tänzer*innen über die leere Bühne. Der quadratische Tanzteppich und Vorhang im Hintergrund heben sich strahlend weiß vom sonst dunklen Raum ab. Markiert wird hier eine andere Bewusstseinsebene, die von den Performenden bewusst als Grenze überschritten wird. Immer wieder schlafen sie ein, schmelzen Richtung Boden. Die Augen schließen sich, bis die Körper mit einem Aufseufzen wieder hochschrecken in einem stetigen Ankämpfen gegen den Bewusstseinsverlust. Das plötzliche, abwechselnde Einatmen hat fast etwas Chorisches. 

Hochkonzentriert und achtsam zeigen die jungen Performenden der Junior Company eine eindrucksvolle Reife im Umgang mit ihren Mitperformenden, dem Raum und der Musik. Schlafwandeln sie eben noch wankend durch eigene Traumwelten, rennen sie bald schon mit hektischem Schulterblick auf der Stelle, wie von Albträumen gejagt. Zuletzt bildet das Ensemble einen Pulk auf allen Vieren. So eng aneinander lassen die Auf-und-Ab-Bewegungen der Rücken einen flimmernden gewebten Teppich entstehen. Eine Tänzerin erhebt sich noch einmal über diese atmende Körperfläche und wird wieder eingesogen.

Kein Geld für Träume

Trotz alldem ist die Fördersituation des beispielhaften Kollektivs der Junior Company, die als Modell sonst mehr an Stadt- und Staatstheatern zu finden ist, prekär und nun schon länger in der Schwebe. Seit drei Jahren müssen Giovanola und ihr Team wachsende finanzielle Lücken ausgleichen. Sie selbst erfüllt ihre Rolle als künstlerische Betreuung und outside eye neben ihrer Arbeit mit CocoonDance ehrenamtlich. Und hört natürlich trotzdem nicht auf zu träumen: etwa von mehr Outreach-Projekten in Schulen oder davon, eine*n Sozialarbeiter*in einzustellen, um die künstlerische Arbeit mit jungen Menschen noch besser zu begleiten. 

Die Früchte langfristiger und kontinuierlicher Arbeit kommen hier zur Geltung, und es zeigt sich, was möglich wird in Sachen Nachwuchsförderung, wenn jungen Tänzer*innen in der richtigen Umgebung ein hohes Maß an Eigenständigkeit und Selbstwirksamkeit zugetraut wird. Angesichts der zunehmend alles andere als traumhaften Förderperspektiven in der freien Tanzszene in Deutschland wirkt das alles fast schon wie ein utopisches Szenario. Wie lange dürfen wir noch träumen, bevor wir hochschrecken müssen?

 

Bewegungsmelder – Nachwuchswerkstatt für Tanzjournalismus aus NRW

Dieser Text entstand im Rahmen des Projekts „Bewegungsmelder – Nachwuchswerkstatt für Tanzjournalismus aus NRW“, einer Kooperation von tanznetz mit dem Masterstudiengang Tanzwissenschaft des Zentrums für Zeitgenössischen Tanz (ZZT) an der Hochschule für Musik und Tanz Köln und dem nrw landesbuero tanz.

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