Tanzwissenschaftlerin ausgezeichnet
Gabriele Brandstetter erhält am Samstag die Ehrung für herausragende Entwicklung im Tanz
Auszeichnungen für Rafaële Giovanola, Martin Schläpfer und Joy Alpuerto Ritter
Die Bekanntgabe der Preisträger*innen zählt zweifellos zu den mit größter Spannung erwarteten Momenten der deutschen Tanzszene – bei der heutigen Pressekonferenz wurde im Beisein von Michael Freundt, Jury-Mitgliedern und Geehrten das strenggehütete Geheimnis gelüftet: Der Hauptpreis geht an die Choreografin Rafaële Giovanola mit ihrer Bonner Kompanie CocoonDance, der Preis für das Lebenswerk längst verdient an den Choreografen Martin Schläpfer und der Preis als herausragende Interpretin an die Berliner Tänzerin und Choreografin (Christine) Joy Alpuerto Ritter.
Die Preisvergabe 2027 steht zugleich im Zeichen der Schweiz: Mit Rafaële Giovanola, der Gründerin und künstlerischen Leiterin von CocconDance, und Martin Schläpfer werden gleich zwei schweizerische Künstlerpersönlichkeiten geehrt, deren Wirken die Entwicklung des Tanzes in Deutschland und Europa seit Jahrzehnten nachhaltig prägt.
Hauptpreis für CocoonDance
Mit dem Hauptpreis für Giovanola und CocoonDance ehrt die Jury gemeinsam mit der Powerfrau selbst auch indirekt eine der profiliertesten Kompanien des zeitgenössischen Tanzes hierzulande. Gegründet wurde sie 2000 von der Choreografin und dem Dramaturgen Rainald Endraß. Seit 2004 ist das Ensemble im Theater im Ballsaal in Bonn beheimatet und hat von dort aus eine nationale wie auch internationale Erfolgsgeschichte geschrieben: Auch wenn das nicht überall bekannt ist - rund fünfzig Produktionen wurden bislang auf fünf Kontinenten gezeigt.
Die Arbeiten von CocoonDance bewegen sich zwischen Tanz, Theater und Performance und hinterfragen konsequent Wahrnehmungs- und Erzählmuster. Charakteristisch sind ihre intensive Ensemblearbeit, die dramaturgische Präzision und die Erforschung neuer Körperkonzepte. Besonders in den vergangenen Jahren hat sich die Kompanie mit dem „ungedachten Körper“ beschäftigt und dabei tradierte Vorstellungen von Körperlichkeit, Identität und Geschlecht aufgebrochen. Die neueste Arbeit "Choreia - ein PolyBallett" begeistert in einer Kombination aus fein komponierter, grotesker Körperlichkeit, Stimmeinsatz und Partizipation des Publikums, durch die sich die Company souverän und humorvoll manövriert.
Internationale Anerkennung erhielt Giovanola unter anderem mit dem Theaterpreis DER FAUST für ihre Choreografie „Sphynx“. 2018 und 2020 wurden die Arbeiten "Momentum" und "Vis Motrix" zur Tanzplattform Deutschland eingeladen. Der Deutsche Tanzpreis würdigt nun das Gesamtwerk einer Künstlerin, die den zeitgenössischen Tanz in Deutschland nachhaltig prägt und kontinuierlich weiterentwickelt. Die Jury würdigt Giovanolas "über 25 Jahre außergewöhnlichen künstlerischen Leistungen, ihren kompromisslosen künstlerischen Weg, der zwischenmenschlichen Beziehungen in ihrer Vielfalt nachfühlt." Hervorgehoben werden darüber hinaus "ihre außergewöhnliche Ausdauer bei der Erforschung eines bestimmten Themas, ihre unermüdliche Neugier" wie auch ihr herausragendes Verständnis "verschiedene Bewegungspraktiken miteinander zu verbinden." Die Künstlerin zeigt sich bei der Pressekonferenz aufgeregt und tief bewegt von der Auszeichnung und bedankt sich bei allen Wegbegleiter*innen. Je länger sie mit Rainald Endraß und ihrem Team arbeitet, desto mehr Spaß hat sie, desto mehr Kraft generieren ihre Stücke, die alle aufeinander aufbauen. Diese Kraft und den großen Preis können sie und ihr Mann brauchen, denn das Budget für ihren Spielort wurde seit 2004 nicht erhöht, was de facto Kürzungen im aktuellen finanziellen Spielrahmen bedeutet.
Lebenswerk für Martin Schläpfer
Der Preis für das Lebenswerk geht an Martin Schläpfer, einen der bedeutendsten Choreografen und Ballettdirektoren Europas. Nach seiner Ausbildung in St. Gallen und London begann der Schweizer seine Karriere als Tänzer, bevor er sich als Leiter und Erneuerer großer Kompanien einen Namen machte.
Mit dem Berner Ballett, dem ballettmainz, dem Ballett am Rhein und zuletzt dem Wiener Staatsballett formte Schläpfer Ensembles von unverwechselbarem Profil. Besonders das Ballett am Rhein entwickelte sich unter seiner Leitung zu einer der führenden Ensembles im deutschsprachigen Raum und wurde viermal zur „Kompanie des Jahres“ gewählt.
Sein choreografisches Schaffen umfasst mehr als achtzig Werke. Schläpfer verbindet klassische Tradition mit zeitgenössischer Ausdruckskraft und hat das Ballett über Jahrzehnte hinweg entscheidend weiterentwickelt. Zahlreiche Auszeichnungen – vom Prix Benois de la Danse über den Schweizer Tanzpreis bis zum Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland – unterstreichen seine herausragende Stellung. Mit der Ehrung durch den Deutschen Tanzpreis – der für viele Wegbegleiter*innen Schläpfers ein langerhofftes Ereignis darstellen wird – wird nun ein Lebenswerk gewürdigt, das die Tanzlandschaft im deutschsprachigen Raum seit Jahrzehnten nachhaltig geprägt hat. Die Jury hebt in ihrer Begründung hervor, dass "Martin Schläpfer stets künstlerische Expression auf höchstem Niveau entwickelte. Der Künstler prägte Generationen an Tänzerinnen und Tänzer, die sich ihrer Zeit stellen. Über Jahrzehnte hat Schläpfer ohne Rast seine Kreationen auf die Bühne gebracht.
Der gebürtige Schweizer hat die deutschsprachige Tanzlandschaft in außergewöhnlicher Weise geprägt und verändert." Schmunzelnd fügt der Choreograf allerdings bei der Pressekonferenz hinzu, dass der Deutsche Tanzpreis für das Lebenswerk ja etwas "irgendwie Finales sei, er aber noch im Saft stehe." Insofern kann man durchaus auf weitere Arbeiten des profilierten Künstlers in der Zukunft hoffen - konkret wurde Martin Schläpfer hier aber noch nicht. Sehr konkret wurde Schläpfer auf der Pressekonferenz aber in Bezug auf seine stets geforderten strukturellen Verbesserungen für den Tanz. "Wir müssen als Tanzschaffende etwas verlangen" sagt er, und ist dabei eher eine Ausnahme als ehemaliger Ballettdirektor von Stadt- und Staatstheatern. Beliebt gemacht hat er sich damit nicht immer, denn solche starken Forderungen hört man sonst meist nur aus der freien Szene.
Preis als herausragende Interpretin für Joy Alpuerto Ritter
Alpuerto Ritter steht wie wenig andere Künstler*innen für die Offenheit und Vielfalt des zeitgenössischen Tanzes. Die in Los Angeles geborene und in Freiburg aufgewachsene Tänzerin und Choreografin verbindet in ihrer Arbeit klassisches Ballett, zeitgenössischen Tanz, philippinische Traditionen, urbanen Tanz, Voguing und Show und ist damit eine tänzerische Grenzgängerin in Deutschland. In der Jurybegründung wird sie als "Grenzgängerin mit jedoch immer eigener Handschrift" bezeichnet, die "über Tanzgrenzen hinwegschwebt".
Nach ihrer Ausbildung an der Palucca Hochschule Dresden arbeitete sie unter anderem mit der Akram Khan Company, Wang Ramirez, Christoph Winkler und dem Cirque du Soleil. International bekannt wurde sie auch durch ihre eigenen choreografischen Arbeiten wie das gefeierte Solo „Babae“, das 2020 in das renommierte Aerowaves-Netzwerk aufgenommen wurde.
Die Künstlerin versteht Tanz als Ort des Austauschs zwischen Kulturen, Szenen und Generationen. Neben ihrer eigenen künstlerischen Arbeit engagiert sie sich intensiv als Pädagogin, Mentorin und Vermittlerin. Die Auszeichnung würdigt daher nicht nur ihr vielseitiges Werk, sondern auch ihren Beitrag zu einer offenen, diversen und zukunftsorientierten Tanzkultur.
Dass sie auch eine knallharte Arbeiterin, bedeutet, dass sie sich zur Pressekonferenz aus dem Tanzstudio zuschaltet, um auch für diesen Anlass keine Probe ausfallen zu lassen.
Drei Auszeichnungen, ein starkes Zeichen
Mit Rafaële Giovanola und CocoonDance, Martin Schläpfer und Christine Joy Alpuerto Ritter zeichnet der Deutsche Tanzpreis 2027 drei Positionen aus, die die Vielfalt des Tanzes in besonderer Weise verkörpern: eine national wie international erfolgreiche freie Kompanie, einen prägenden Erneuerer des Balletts des 21. Jahrhunderts und eine Künstlerin, die kulturelle Grenzen überschreitet wie auch neue Perspektiven eröffnet. Gemeinsam stehen sie für die künstlerische Qualität, Innovationskraft und gesellschaftliche Relevanz, die den Tanz in Deutschland und der Welt heute auszeichnen.
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