Tanzwelt schaut nach Essen
Deutscher Tanzpreis verkündet Gala-Programm 2026
Gabriele Brandstetter erhält am Samstag die Ehrung für herausragende Entwicklung im Tanz
Bild-Sprung, Licht-Spiel, Tanz-Lektüren, Defiguration und Deplacement, Schwarm(E)Motion ... das sind nur einige der eingängigen Wortschöpfungen und Denkbilder, die Univ.-Prof. Dr. Dr. h. c. Gabriele Brandstetter über die Jahre in ihrer Lehre und Forschung prägte. Am Wochenende erhält sie in Essen den Tanzpreis für „ihre Pionierarbeit in der Tanzwissenschaft“. Es ist das erste Mal in der Geschichte des Deutschen Tanzpreises, dass eine der drei Auszeichnungen an eine Repräsentantin der Wissenschaft des Tanzes geht. Die beiden anderen Preise ehren den Choreografen und Intendanten Christian Spuck und – posthum für sein Lebenswerk – den Butoh-Meister Tadashi Endo.
Dass nun auch die Tanzwissenschaft mit einem Preis bedacht wurde, das kann sicherlich auch als Konsequenz der Arbeit von Gabriele Brandstetter gelesen werden, hat sie doch für die Institutionalisierung, die öffentliche Wirksamkeit, die Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung der Tanzwissenschaft Bahnbrechendes geleistet.
Tanzwissenschaftliche Forschung gab es im deutschsprachigen Raum freilich schon vor Gabriele Brandstetter. Sie selbst wirkte an den Universitäten in München, Bayreuth, Salzburg, Basel und Gießen, doch spätestens 2003 mit ihrem Ruf ans Institut für Theaterwissenschaft an der Freien Universität in Berlin konnte man in der deutschen Hochschullandschaft erstmals den Studiengang Tanzwissenschaft belegen. 2004 erhielt sie den prestigeträchtigen Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, eine Auszeichnung für wissenschaftliche Spitzenleistungen, zugleich Ausdruck kultureller Wertschätzung und – nicht zu vergessen – eine substanzielle finanzielle Spritze für das Fach. Ein Jahr später eröffnete Gabriele Brandstetter das Zentrum für Bewegungsforschung, und 2006 etablierte sie die Valeska Gert Gastprofessur.
Davor, dazwischen und danach stand sie unzähligen Sonderforschungsbereichen, Forschungsprojekten, Forschergruppen, Kollegen und Tagungen vor, sie lehrte international. Sie schrieb und sie veröffentlichte. In diesem Zusammenhang habe ich sie kennengelernt. Für das Magazin tanzdrama, in dessen Redaktionsteam ich damals gerade frisch gekommen war, verband sie in einem Artikel über den Glanz drapierter, seidener Schleierschals auf virtuose und ausgreifende Weise die Tänzerin Ruth St. Denis mit Hugo von Hofmannsthal und Mariano Fortuny. Das muss im Umfeld ihrer Habilitation Lecture corporelle. Tanz, Theater und Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts (1993) gewesen sein, die in einer Teilveröffentlichung unter dem Titel Tanz-Lektüren. Körperbilder und Raumfiguren der Avantgarde als Fischer-Taschenbuch ein großes Publikum erreichte und neue Blicke auf die Epoche warf. Die präzisen Lektüren der Literaturwissenschaftlerin führten über die Theaterwissenschaft mit langem Atem und in Kreuz- und Querzügen zur Tanzwissenschaft. Ihr Prinzip des „Darüber hinaus“, das sich nie in sicheren Feldern und additiven Erweiterungen einrichtete, ließ Gabriele Brandstetter als Lehrende, Forscherin, Autorin und Herausgeberin unerwartete Anschlüsse und neue, kreative Kombinationen suchen und finden: wie Tanz-Avantgarde und Bäderkultur oder „Mignons Eiertanz“, eine Untersuchung von „Goethes Auftrittsszene im theater- und literaturgeschichtlichen Kontext“.
Schreiben gehörte auch zu den Schwerpunkten im neuen Studiengang in Berlin, wie sie in einem Interview formulierte: „Es geht tatsächlich um eine kritische ästhetische Praxis, in der Bewegung im Zentrum steht. Wichtig ist uns dabei das Schreiben über und zu Tanz. Wir machen viele Schreibübungen, Sehpraxis als Schreibpraxis.“ (Jahrbuch tanz 2011).
Genaues Wahrnehmen und Hinschauen, das Erspüren von Atmosphären und deren analytische Durchdringung, das dynamische, produktive Denken von traditionellen Theaterelementen wie etwa der Pose oder des Vorhangs, Kunst- und Medienpraxen, choreografische Verfahren, Methodik, Theorie – es ist eine umfassende Auseinandersetzung mit allen Dimensionen des Tanzes und des Tanzens, die Gabriele Brandstetter geleistet hat und sicherlich auch weiterhin verfolgen wird.
Obwohl ich nie Studentin von Gabriele Brandstetter war, habe ich viel von ihr gelernt – und werde es glücklicherweise weiterhin tun können, denn laut Metzler Verlag wird im Juni 2028 von ihr ein theoretisch informierter Einführungsband zur Tanzwissenschaft erscheinen: Grundlagenwissen für die erstarkte, lebendige Disziplin.
Herzlichen Glückwunsch!
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