Tanzwissenschaftlerin ausgezeichnet
Gabriele Brandstetter erhält am Samstag die Ehrung für herausragende Entwicklung im Tanz
Am Samstag zeigte sich die großartige Landschaft des Tanzes bei der Gala zum Deutschen Tanzpreis 2026 in all ihrer Diversität. Das renommierte, sachkundige Publikum aus ganz Deutschland spiegelte einmal mehr die Vielfalt und den Reichtum der Tanzlandschaft wider: zahlreiche Intendanten, ehemalige Preisträger*innen, Journalist*innen sowie Professionelle und Tanzbegeisterte waren im Publikum vertreten. Den Auftakt machte die Urban Dance-Choreografie „Water“ von Souhail Jalti, der auf urban-zeitgenössische Tänze sowie kulturelle und künstlerische Bildung in Essen spezialisiert ist. Im Gegenlicht erschienen Körper auf der Bühne des Aalto-Theaters, die sich wie ein fließender Organismus bewegten. Die Architektur der Körper zeugt von einer präzise gearbeiteten Choreografie der Street Dancer der Stadt und gibt den Ton des Abends an: Qualität und Vielfalt. Ob Urban Dance, klassisches Ballett, Butoh oder zeitgenössische Formen, gefeiert wurde der Tanz in seiner ganzen Bandbreite.
Prof. Dr. Gabriele Brandstetter, Pionierin der Tanzwissenschaft in Deutschland, hat selbst stets in und mit dieser Vielfalt gearbeitet. Mit der Ehrung für herausragende Entwicklungen im Tanz wurde ihr Wirken „in und aus Bewegung“ gewürdigt: Sie verbindet Kunstwissenschaft und Praxis, fördert den Austausch zwischen Künstler*innen und Wissenschaftler*innen, gründete den ersten Studiengang für Tanzwissenschaft an einer deutschen Universität und rief das Zentrum für Bewegungsforschung an der Freien Universität Berlin ins Leben. So wurde Tanzforschung als eigenständige universitäre Disziplin etabliert, gleichberechtigt neben Theater-, Musik-, Kunst- und Literaturwissenschaft. Indem sie das Verständnis von Tanz auch einem breiteren Publikum zugänglich machte, setzt sich Brandstetter für „einen Tanz für alle“ ein – für eine Kunstform, die uns gemeinsam gehört.
Dass eine Persönlichkeit aus der akademischen Welt ausgezeichnet wurde, unterstreicht nicht nur die Bedeutung des Diskurses über den Tanz, sondern rückt ihn auch verdient ins Rampenlicht, und genau das halte ich für ein großartiges und wichtiges Signal dieser Tanz-Gala 2026.
Gemeinschaft ist ein weiterer zentraler Wert des Tanzpreises 2026. Körper entfalten gemeinsam Linien im Raum, vereinen sich in „Nocturne“ oder in „Romeo und Julia“ von Christian Spuck. Der Dialog steht im Zentrum des Schaffens des Preisträgers des Deutschen Tanzpreises 2026.
Die Laudatio von Dr. Dorion Weickmann zeugte von den zahlreichen Projekten, die Christian Spuck umgesetzt hat. Doch vor allem berührte seine anschließende Rede, erfüllt von Dankbarkeit gegenüber seinen Institutionen und Angehörigen. Er betonte die Bedeutung der Zusammenarbeit, innerhalb des Staatsballetts Berlin und darüber hinaus. Tanz verbindet. Tanz ist eine Gruppenangelegenheit, wie auch in seinem Werk „Beethoven“, das von den Tänzer*innen des Staatsballett Berlin meisterhaft interpretiert wurde.
Als Intendant des Staatsballett Berlin versteht Spuck Tanz als Raum, in dem Körper einander zuhören und Verantwortung füreinander übernehmen. Welche Rolle spielt die Kunst? In einer instabilen Welt voller Krisen, wie es an diesem Abend mehrfach anklang, nutzt er das Vokabular des Tanzes, um unsere Verpflichtung für die Zukunft zu thematisieren.
Die Tänzer*innen der MiR Dance Company verkörperten dieses Miteinander in „Hasard & Bolero“ von Sita Ostheimer und „Millennials“ von Marcos Morau in virtuoser Weise: Die Mitglieder der kleinen Kompanie aus Gelsenkirchen machten ihre Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft sichtbar, ohne dabei ihre Individualität zu verlieren. Hut ab vor der Arbeit von Guiseppe Spota!
Unter Einsatz der Stimme zeigte „Not Butoh Solo“ von Thomas Bradley einen auf der Bühne getanzten Monolog – ein Butoh-Solo in zeitgenössischer Interpretation. Butoh in all seinen Formen war auch die lebenslange künstlerische Suche von Tadashi Endo. Noch einige Wochen vor seinem Tod am 25. Mai 2025 erfuhr Tadashi Endo von seiner Auszeichnung mit dem Deutschen Tanzpreis für sein Lebenswerk. Entgegennehmen konnte er den Preis leider nicht mehr. Stattdessen empfing sein Sohn Akira Endo gerührt den Preis. Als Butoh-Tänzer, Leiter des MAMU Butoh Centrums und Pädagoge verband Tadashi Endo poetische Sensibilität mit gesellschaftlichem Engagement. Endos Arbeiten thematisierten die Krisen der Welt und schlugen Brücken zwischen westlicher und östlicher Kultur. „Das Leuchten der Schwere“, wie es die Filmemacherin und Opernregisseurin Doris Dörrie in ihrer persönlichen und ergreifenden Laudatio beschrieb.
In seinem künstlerischen Porträt wurde die Flüchtigkeit des Tanzes spürbar, eine Vergänglichkeit, die über das Menschliche hinausweist. „Er tanzt nicht selbst, sondern er wird getanzt“, hieß es darin. Diese Worte hallen über den Abend hinaus.
Vielleicht ist genau das der verbindende Kern der drei Ausgezeichneten: die tiefe Leidenschaft für Bewegung. Als Kunst, als Dialog, als gemeinsames Erleben. Auch dank ihnen wurde die Gala ein langer, sorgfältig kuratierter Abend, der zwischen bewegenden oder humorvoll gefärbten Reden und intensiven Tanzmomenten wechselte.
Noch während der Ausgabe 2026 wurde die Verleihung des Tanzpreises 2027 bereits für den 13. März 2027 angekündigt. Eine Frage liegt bereits in der Luft: Wer wird dann geehrt werden? Und aus welchen Horizonten werden die Ausgezeichneten kommen?
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