„RUNthrough III“ von CocoonDance

Wippen in Blau

Auftakt des Festivals tanz nrw 2023 in Mühlheim an der Ruhr

Die Bonner Company CocoonDance eröffnet mit „RUNthrough III“ die diesjährige Festival-Ausgabe.

Mühlheim an der Ruhr, 06/05/2023

Von Tamora Dinklage

 

Am Donnerstag begann das Festival tanz nrw im Ringlokschuppen Ruhr – eine besondere Ehre sei es, so Bürgermeisterin Ann-Kathrin Allekotte, dass das Festival, das biennal an neun Orten in NRW stattfindet, zum ersten Mal in Mühlheim an der Ruhr eröffnet wird. Vor dem Halbkreis der Spielstätte herrschte entspannte Atmosphäre. Weit entfernt schien die Tatsache, dass das Festival 2021 eine reine Online-Ausgabe war. Das umfangreiche Programm der „digital stage“ ist sicherlich eine Errungenschaft, die das Umdenken durch pandemiebedingte Einschränkungen der letzten Jahre hervorgebracht hat.

Der Festivalauftakt stand im Zeichen dieser Hybridität zwischen Präsenz- und digitaler Veranstaltung: Neben der Performance „RUNthrough III“ der Bonner Company CocoonDance können Besucher*innen vor und nach der Vorstellung das Filmscreening von MOUVOIR/Stephanie Thierschs „Insular bodies“ sehen. Damit wurden für den ersten Abend des 14-tägigen Festivals zwei Arbeiten von etablierten und international renommierten Vertreter*innen der zeitgenössischen Tanzszene NRWs ausgewählt. So blieb auch die Auszeichnung von Rafaële Giovanola mit dem Faust-Theaterpreis bei der offiziellen Begrüßung nicht unerwähnt.

Die sich füllenden Publikumsreihen wurden von subtilen und doch prägnanten Beats bespielt. Es waren die ersten Sounds des DJ Franco Mentos, die gemeinsam mit dem Blau seiner Kleidung auf die Tanzperformance von CocoonDance einstimmten. Dieses Setting rahmte die Begrüßungsreden ebenfalls performativ, die unter den drei Lichtelementen von „RUNthrough III“ stattfanden. Zu Wort kamen vier Vertreter*innen aus der Kultur und der Politik NRWs und Mühlheims. Ina Brandes, Ministerin für Kultur und Wissenschaft in NRW lobte die Tanzszene als Vorreiterin in der Umsetzung des vielfach formulierten Vorhabens, Kunst- und Kulturveranstaltungen für ein diverses Publikum zugänglich zu gestalten. Neben ihr stehend übersetzte eine Gebärdensprachdolmetscherin für das Publikum vor Ort und im Live-Stream.

Nach den Reden kamen die Beats zurück. Zwischen den noch beleuchteten Publikumsblöcken trat die erste performende Person in kobaltblau auf die durch weißen Tanzboden markierte Fläche des ansonsten schwarzen Bühnenraums. Im millimeterkleinen, akkuraten Wippen der Fersen wird der Rhythmus aufgegriffen und visualisiert, der sich akustisch bereits etabliert hatte. Weitere Ensemblemitglieder folgen und stimmen in den visuellen Rhythmus mit ein, während sich das Publikumslicht langsam verdunkelt und die zuschauenden Blicke auf das Bühnengeschehen fokussiert. Der Abstand zwischen Boden und Fersen vergrößert sich graduell und minimal, bis die acht blau gekleideten Tänzer*innen auf ein Mal im doppelten Tempo wippen.

Der Produktion „RUNthrough III“ gingen vier einwöchige Recherchephasen voraus, in denen die Company mit Expert*innen aus den Bereichen Voguing, serbischem Folkloretanz, Rap und inklusivem Theater arbeitete. In der Performance werden die Wurzeln dieser Traditionen sichtbar: die komplexe rhythmische Fußarbeit, das wiederkehrende Kreiselement in sich verändernder Ausführung und die vibrierende Brust scheinen von der serbischen Folklore inspiriert, während einige Bodenelemente und Handplatzierungen aus dem Voguing stammen. Gleichzeitig vereinen sie sich zu einer konsequenten und der Company eigenen Bewegungssprache, die sich besonders durch die präzise Etablierung eines Bewegungselements auszeichnet, das daraufhin in (teilweise überraschenden und trotzdem) subtilen Shifts graduell transformiert wird. Das einstündige Spiel mit den Rhythmen zwischen den Tänzer*innen untereinander und dem Sound Franco Mentos bildet eine treibende Basis für die Performance.

 

Dieser Text entstand im Rahmen einer Kooperation mit dem Zentrum für Zeitgenössischen Tanz (ZZT) der Hochschule für Musik und Tanz Köln mit Tanzwissenschaft-Studierenden und dem Festival tanz nrw. Mit dem gemeinsamen Projekt möchten die Institutionen – zumindest temporär – eine Lücke schließen in der überregionalen Kulturberichterstattung über die freie Tanzszene in NRW.

 

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