„RUNthrough III“ von Rafaële Giovanola / Cocoondance Compagnie. Tanz: Ensemble.

Horden geisterhafter Gestalten

Mit „RUNthrough III“ hat die Cocoondance Kompanie eine faszinierende Produktion geschaffen

Ein „choreografischer Remix“ bei den Regensburger Tanztagen, der gleichzeitig begeistert und verstört.

Regensburg, 24/11/2022

Mit lautem Sarkasmus könnte man von der „Wiedergeburt der Natur aus dem Geist der Maschine(n)“ sprechen. So plastisch und aufgeladen allerdings wollen vermutlich weder Choreografin Rafaële Giovanola, noch Cocoondance die jüngste Produktion der Bonner Tanzkompanie verstanden wissen. „RUNthough III“ ist angekündigt als „choreografischer Remix“, als eine „Mischung verschiedener Bewegungskonzepte und Körpersprachen“.

Zunächst einmal ist es ein pulsierender Herzschlag, ein gradliniger Rhythmus. Einer, der die acht Tänzerinnen und Tänzer bitzelnd unter Strom setzt. Kaum merklich beginnen die am jeweiligen Platz montierten Blaumenschen zum Puls zu wippen. Eine kollektive, dennoch isoliert wirkende Minibewegung, die sich mit der lauter und intensiver werdenden Musik stetig ausdehnt und erweitert. Drehungen des Oberkörpers kommen hinzu. In den maschinell getakteten Groove mischen sich verfremdete Vokalgeräusche, die auf Entsetzensschreie ebenso zurückgehen können, wie Anrufungen.

Vereinzelt tanzen welche aus der Reihe, blicken andere an, es kommt zu Berührungen, gegenseitigen Kontakten. Fast flehentlich drehen sich die Körper, während sie mit einem Fuß weiter wie am Platz verwurzelt stehen, suchen nach der Annäherung wie die Pflanze nach der Sonne.

Die hämmernden Rhythmen und Vokalsequenzen werden intensiver, die Tanzenden hopsen scheinbar zufällig über die Tanzfläche, formieren sich, treiben auseinander. Es wirkt jetzt wie eine wissenschaftliche Versuchsanordnung, in der Miniaturroboter so programmiert sind, dass sie sich nach und nach selbst organisieren. Wieder zunächst kaum merklich gerät die „Maschine“ aus dem Takt. Die Musik zerfleddert, Rhythmen prallen aufeinander, das Licht wechselt und die seltsamen grotesken Bewegungsabläufe finden neuen Widerhall in einem naturhaften Kontext. Hälse werden gereckt und gestreckt wie bei einer Schar von Gänsen oder anderen Lebewesen.

Neugierig bewegt sich der tanzende Pulk auf eine seitliche Lichtquelle zu, ruckt hierhin und zurück. Es ist ein fantastisches Spiel wie aus einer surrealen Graphic Novel, deren eigentliche Geschichte sich bei jeder Annäherung letztlich einer Interpretation entzieht. Es lassen sich ökologische Heilserzählungen ebenso herauslesen, wie ein Heraufdämmern dystopischer Entwicklungen. Gegen Ende verharren die acht blau gekleideten Tanzenden mit Gesicht und Bauch nach oben auf allen Vieren. In grünes Licht getaucht sausen und schnellen sie krabbenartig schnell in Richtung des berauschten Publikums, das trotz einer niedrigen Abtrennung zurückzuzucken scheint. Tatsächlich wirken die vereinzelt und im Schwarm „angreifenden“ Kreaturen ein wenig bedrohlich, als würden sie ihr Territorium verteidigen.

Der „choreografische Remix“, den Rafaële Giovanola zusammen mit den Ensemblemitgliedern entwickelt hat, begünstigt eine assoziative Vielfalt die gleichermaßen fasziniert und verstört. Was letztlich zählt ist die Kraft und Energie des kollektiven Miteinanders, getanzt von einem vielfältigen Ensemble technisch und künstlerisch großartiger Tänzer*innen. Dafür lohnt es sich, mit offenem Mund weiter auf die entleerte Bühne zu starren – denn Horden von geisterhaften Gestalten tanzen weiter, wenn die bemerkenswerte Musik von Franco Mento längst verklungen ist.

 

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