Künstliche Intimität getanzt

Choreografin und Tänzerin Rafaele Giovanola ist mit ihrem Solo „Close to you“ zu Gast in der Wachsfabrik

Köln, 10/02/2010

Schon lange hat man sie nicht mehr tanzen sehen. Seit den Erfolgen von CocoonDance ist Rafaele Giovanola mehr als Choreografin denn als Tänzerin gefragt. Für das 2. Internationale Tanzsolo-Festival in Bonn hat sie für sich selbst ein Solo choreografiert, das jetzt in der Wachsfabrik seine Köln-Premiere hatte. „Close to you“ – „Nah bei Dir“ – ist ein Spiel um Nähe und Distanz einer Sängerin zu ihrem Publikum und spürt der Bewegung in Musikperformances nach. Inspiration für das Konzept von Dramaturg Rainald Endraß war die fast schon tänzerische Bewegungsexzentrik der Sängerin Catherine Ringer und ihre Gruppe „Les Rita Mitsouko“. Aus deren Repertoire hat Komponist Jörg Ritzenhoff mit dem Song „Close to You“ eine Musikcollage zusammengestellt und mit eigenen Texten und Geräuschelementen perfekt ergänzt.

Bis auf die nackte Wand ist die Halle der Wachsfabrik leergeräumt. In der Mitte steht einsam ein Mikrophon. Für Rafaele Giovanola ist es Orientierungspunkt, Ziel jeder Bewegung und Kontaktmedium zum imaginären Publikum. Das echte Publikum drückt sich derweil stehend an den Wänden herum. Strahlend, mit ausgebreiteten Armen tritt Giovanola an, rollt Schritt um Schritt im Gehen einen roten Teppich aus, den sie später noch aufgebracht durch den Raum wirbeln oder als schützenden Mantel um sich legen wird. Der Gang zum Mikro wiegt schwer. Hat sie es erst in der Hand, wird sie eine andere sein. Also dehnt sie die Zeit und den Körper, streckt den Oberkörper bis zum Fall nach vorn, um dann lächelnd zum Mikro zu dribbeln.

Angst und Erwartung schwingen mit. Es ist der Moment des Wandels der Künstlerin vom Individuum zur Kunstfigur. Wie in einer Versuchsanordnung wird dieser Wandel in den nächsten Szenen wiederholt und variiert. Die Choreografie inszeniert dies mit dem Wechsel von Tanz und Backstage-Momenten auf der Bühne. Mal ist Giovanola Bühnenstar, mal liegt sie erschöpft am Boden. Wie die Pop-Sängerin mit jedem Song in eine neue Rolle schlüpft, so wechselt auch Giovanola ihre Rollen und ihren Tanzstil von Szene zu Szene: erst zeitgenössisch-modern, dann klassisch auf Spitze, dann flippig rockend, um schließlich als Diva im schwarzen Dress zum melancholischen „Close to you“-Song anzusetzen.

In der leeren Halle wirkt die Performerin etwas verloren. Die Atmosphäre einer brodelnden Konzerthalle muss Musikarrangeur Ritzenhoff durch Einspielungen simulieren. Doch was anfangs nachteilig erscheint, verstärkt unversehens ein Anliegen der Inszenierung: die Künstlichkeit der Intimität zwischen Sängerin und Publikum bewusst zu machen, die die Nähe zu seinem Idol im Konzert schon als Authentizität versteht. Als „ideologisches Projekt“ versteht indes CocoonDance seine künstlerische Arbeit, so Dramaturg Endraß. Man wolle die Erzählform Tanz mit den Erzählstrategien anderer Genres konfrontieren und in diesem Prozess ausdifferenzieren. Dass auch die Sinnlichkeit und Ästhetik des Tanzes dabei nicht zu kurz kommen, beweist die Choreografin und Tänzerin Rafaele Giovanola mit ihrer Solo-Performance überzeugend. 

www.wachsfabrik-koeln.de
www.cocoondance.de

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