Sophie Burke erhält den Karlsruher Tanzpreis 2026 - Raimondo Rebeck (Ballettdirektor), Sophie Burke (Preisträgerin), Prof. Dr. med. Christian Raulin & Dr. med. Sabine Raulin (Stifter*innen)

Beglückend

Gala des Badischen Staatsballetts Karlsruhe 2026

Drei Stunden reines Tanzglück für das Publikum. Und für Sophie Burke der Karlsruher Tanzpreis.

Karlsruhe, 20/07/2026

Eine frische Brise gefällig? Kein Problem für das Badische Staatsballett. Seit Anfang der Spielzeit hat es „B.R.I.S.A.“ im Repertoire, und die acht Tänzerinnen und Tänzer sorgen gleich zu Anfang der Gala mit einer passenden Szene aus der Choreografie von Johann Inger für frischen Wind, und das nicht nur im übertragenen Sinn. Spielerisch entfaltet sich das Werk zum „Sinnerman“-Song von Nina Simone und erprobt in der Folge nicht nur die unterschiedlichsten Möglichkeiten der Abkühlung, sondern auch die Konkurrenzsysteme innerhalb eines Ensembles, das sich hier allerdings am Ende wieder in einer gemeinsamen Aktion eint. Ganz so, wie es Ballettdirektor Raimondo Rebeck in seinem Grußwort analog zur gleichzeitig stattfindenden Weltmeisterschaft durchaus berechtigt formuliert: „Das Ballett wie die Arbeit am Theater ist – wie der Fußball – ein Mannschaftssport.“

Und von dem bekommt das Publikum zum Abschluss der Tanz-Fest-Woche 2026 im ausverkauften Großen Haus eine ganze Menge zu sehen: Angefangen mit einem Ausschnitt aus dem „Fellini“-Ballett der Hauschoreografin Kristina Paulin, dem Lucia Solari und Christopher Evans auf der leergeräumten Bühne eine Gefühlsintensität abgewinnen, die selbst in den höheren Ränge des Theaters noch zu spüren ist. Bis hin zu der Clubszene und einem Duett aus den abendfüllenden „Dracula“-Ballett von Kenneth Tindall, die auch ohne Bühnenbild und Orchester ahnen lassen, warum gerade dieses Werk zum „absoluten Hit für unsere Compagnie und unser Publikum“ geworden ist. Stimmungsgewaltig getanzt vom Ensemble wie von den beiden Protagonisten Carolin Steitz und Pablo Polo, die der Zwiespältigkeit ihrer Gefühle eine fast klassische Form geben.

Rebeck und seine Dramaturgin Silke Meier-Brösicke führen plaudernd durch das Programm, als wären sie mit allen Anwesenden per du. Dazu passt, dass bei der Gala nicht nur so arrivierte Künstler wie Marco Goecke, Hans van Manen, John Neumeier, Uwe Scholz und Christian Spuck zum Zuge kommen. Kristina Paulin steuert mit „One“ als Uraufführung ein Solo bei, bei dem Khanya Mandongana zum Abschied noch einmal alle Ausdrucksmöglichkeiten aus seinem Körper herausholt. Pablo Polo erkundet in „1 hour 7 years“ die Weite des Raums. Lasse Caballero nimmt dem Vorwurf „Du lässt dich gehen“ nicht ohne Verkleidungswitz alle geschlechtsspezifische Bedeutung. Und Rebeck himself reiht sich mit „Knocking on Heaven’s Door“ ganz sympathisch unter die Nachwuchskräfte ein, zu denen unzweifelhaft auch die blutjunge Mariaelena Colombo gehört, die an der Seite des sprungstarken Daniel Rittoles in „Le Corsaire“ ihren ersten Solo-Auftritt absolviert. Passend in diesem Rahmen: Sophie Burke, die sich als Lucy an Draculas Seite den gut dotierten Karlsruher Tanzpreis mehr als verdient hat.

Ein Name für die Gala

Maßstäbe setzen wie meist bei Gala-Gelegenheiten die Großen: Christian Spuck mit seinem „Nocturne“, mehr noch Uwe Scholz mit einem Trio aus seiner „Suite Nr. 2“, vor allem aber Marco Goecke mit seiner Stoccata-Choreografie „Furia“, bei der die beiden Gauthier-Youngsters Mathilde Roberge und Atticus Dobbie keine Sekunde lang ins Stocken geraten. Schön wäre es gewesen, wenn Neumeier für die Gala einen Pas de deux aus seiner „Kameliendame“ beigesteuert hätte. Sein „Epilogue“ zum Adagietto aus Mahlers Fünfter lässt vergleichsweise viele Fragen offen. Aber Alina Cojocaru, an der Seite des Ex-Hamburgers Christopher Evans tanzend, hat noch jede Choreografie veredelt. Das tut sie auch hier, jede Bewegungsregung ergründend, auf ihre unverwechselbare Art.

Ganz grandios gelingen Salome Leverashvili und Giorgi Patskhishvili die „Sarkasmen“ des vor wenigen Monaten verstorbenen Hans van Manen: ein nach wie vor höchst aktueller Gender-Kommentar, der nichts von seiner Klassizität, nichts von seinem provozierenden Witz, nichts von seiner punktgenauen Musikalität verloren hat. Birgit Keil, einst Ballettchefin in Karlsruhe und zusammen mit Vladimir Klos als Ehrengäste eingeladen, wird sich vermutlich beglückt einer ihrer einstigen Paraderollen erinnert haben.

Ebenso beglückt erlässt Raimondo Rebeck sein Publikum nach drei Stunden noch vor Ende der Fußballweltmeisterschaft in die laue Sommernacht – nicht ohne ihm vorher eine Aufgabe gestellt zu haben. Das nächste Mal soll die Ballettgala einen Namen haben. Er ist für alle Vorschläge offen.

 

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