Der Tanzdenker
Zum Tod Hans van Manens
In dieser Abfolge gabs die drei Stücke „Bella Figura“, „The Old man and me“ und „Le spectre de la Rose“ noch nie im Dialog. Alle drei Choreografen sind Vertreter der klassischen Technik, haben aber jeder eine eigene Sprache. Das Zusammenspiel zeigt Sinnlichkeit und Leichtigkeit, aber auch Kompromisslosigkeit.
Die Reihenfolge im Titel entspricht dem Alter der Choreografen, nicht aber dem Ablauf des Abends. Der beginnt mit „Bella Figura“ von Jiří Kylián von 1995. Nach einem Warm-up der Tänzer*innen auf der Bühne entwickeln sich aus Solos Duos und Trios. Elegische Bewegungen unterstreichen die zum Teil chorale Musik. Es ist ein bewegungsreiches Stück, das neben dynamischen Momenten auch Platz für Ruhe hat. Mit den für Kylián typischen weitgreifenden Bewegungen und einer großen Bandbreite von Varietäten reihen sich die Tänze wie Perlen aneinander.
Schwarze Vorhänge prägen die Inszenierung, präzise abgestimmt auf Tanz und Musik. Zusammen mit den roten Röcken beherrschen Rouge-et-Noir-Impressionen die Bühne. Kylián zeigt mit einer Vielfalt von Einzelheiten, wie auch abstraktes Ballett fesseln kann. Oder wie Ken Ossola, mitverantwortlich für die Einstudierung, im Interview sagt: „Es ist keine erzählte Geschichte, sondern eine emotionale Landschaft, die das Publikum einlädt, zu fühlen, statt zu analysieren.“
Verletzlichkeit und Haltung
Die ausgezeichneten Tänzer*innen zeigen Verletzlichkeit, aber auch Haltung. Denn „Bella Figura“ bedeutet nicht nur schöner Körper, sondern auch Widerstandskraft und gute Miene. Großer Applaus schon nach diesem ersten kraftvollen und gleichzeitig fragilen Stück.
Hans van Manen hat „The Old Man and Me“ 1996 für das von Kylián gegründete NDT 3 geschaffen. Das Duett über eine Beziehung, über Liebe und Vertrauen, ist aufs Äußerste durchdacht, mit Ausdruck, Technik und Präsenz ausgestaltet statt Virtuosität. Inspirieren ließ sich van Manen von kontrastierenden Klangwelten, vom Blues bis zum Adagio aus Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 in A-Dur.
Aus Ausgelassenheit und Verführung wird zärtliche Komik. In einer zarten Annährung zeigen Lydia Caruso und Rosario Guerra nach zwischenzeitlicher Entfremdung eine enge Verbundenheit. Vertrauen bildet die Brücke zwischen Jugend und Alter. Verdichtung und Konzentration werden aufgelockert durch Leichtigkeit und Humor. „The Old man and Me“ ist ein nur etwa 15 Minuten dauerndes Bijou und ein unvergängliches Juwel der Tanzgeschichte.
Drei Generationen
Applaus nicht nur für die beiden großartigen Tanzenden, sondern auch für den Kreator Hans van Manen. Der vor wenigen Monaten verstorbene Meister wollte ursprünglich noch an dieser Premiere dabei sein. Das Theater Basel widmet ihm denn auch diesen Abend, der einen Höhepunkt der ersten Spielzeit von Marco Goecke darstellt.
Die Auswahl erfüllt nicht nur einen künstlerischen Anspruch von drei wichtigen Choreografen des zeitgenössischen Balletts, sondern ist auch persönlich geprägt. Denn Hauschoreograf Marco Goecke kannte die Werke von Kylián und van Manen schon aus seiner Ausbildungszeit in Den Haag. Das Programm vereint damit drei unterschiedliche künstlerische Linien, aber auch Begegnungen und Freundschaften über drei Generationen hinweg.
Spannung nach der Pause: Wie wird Goecke das von Mikhail Fokine für die Ballets Russes kreierte und 1911 in Monte Carlo uraufgeführte Ballett – mit Nijinski in der männlichen Hauptrolle und seinem ikonischen Grand jeté durchs Fenster – vertanzen? Wie passt Goeckes nervöser Tanzstil zu einem romantischen Ballett und wie kam es überhaupt dazu? Goecke erhielt 2009 aus Monte Carlo die Anfrage, das Werk nach fast hundert Jahren genau dort neu zu inszenieren. Als Goecke, der das Werk nur aus der Tanzgeschichte kannte, die dazugehörende Musik von Carl Maria von Weber zum ersten Mal hörte, habe ihn „schier de Schlag getroffen“. Aber nur er, meinte der Intendant Jean-Christophe Maillot damals, könne daraus eine neue, zeitgemäße Version machen.
Räuspern, Hüsteln, Lachen
Nach anfänglichem Räuspern, Hüsteln und sogar Lachen, als die Tänzer*innen mit Goeckes typischen spitzigen, eckigen und hektischen Gesten und trippelnden Füßen die Bühne einfangen und das so gar nichts mit dem Original zu tun zu haben scheint, lässt sich das Premierenpublikum aber schon bald auf das Neue ein.
„Le spectre de la Rose“ erzählt die Geschichte von einem jungen Mädchen, das nach der Rückkehr von einem Ball mit einer Rose in der Hand einschläft und vom Geist dieser Rose, die durch das Fenster in ihr Zimmer springt, träumt und mit ihm tanzt, bevor er wieder verschwindet. Bei Goecke verfällt das Mädchen nicht etwa in einen Traum, sondern ist hellwach und nicht nur von einem Rosengeist, sondern von gleich sechs Männern umgeben.
Sie alle rütteln und flattern, schwingen und schlenkern, dass die Rosenblätter auf der Bühne nur so herumwirbeln. Der Gegensatz von Musik und Tanzstil ist ein interessanter Spagat, der fast unmerklich verschwindet. In einer ruhigeren Phase entfernt sich das Mädchen (Sandra Bourdais) und überlässt dem Rosengeist (Louis Steinmetz) seinen großen Soloauftritt, mehr hüpfend denn springend. Goecke fügte der „Aufforderung zum Tanz“ ein weiteres Stück des Komponisten an, „Der Beherrscher der Geister“, und verlängerte so das ebenfalls sehr kurze Stücke ein wenig.
Das Publikum zeigte sich aufgeschlossen und applaudierte frenetisch, als großes Lob auch an das super Ensemble, das die verschiedenen Stile exzellent beherrscht. Goecke ist mit diesem Abend ein Coup gelungen.
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