"Dust" von Akram Khan am English National Ballet

"Dust" von Akram Khan am English National Ballet

Kleinere Schwester ganz gross

70 Jahre English National Ballet

Das English National Ballet feiert den 70. Geburtstag und zeigt einmal mehr, dass es längst nicht mehr die zweite Geige neben dem Royal Ballet spielt.

London, 21/01/2020

Von Lilo Weber

Es war einer der magischen Momente in der Geschichte des English National Ballet (ENB): Die Tänzerinnen und Tänzer verbunden über die Arme, bilden eine Welle, ein Auf und Ab zwischen hier und dort, zwischen heute und gestern, eine nie endende Bewegung von Leben in den Tod und in die Erde. „Dust“ war Akram Khans unvergesslicher Beitrag zum Abend „Lest We Forget“, den die Künstlerische Direktorin Tamara Rojo 2014 zum Gedenken an den 1. Weltkrieg bei drei britischen Choreografen in Auftrag gegeben hatte. Der Abend markierte einen Neuanfang für das englische Nationalballett und die Welle jenes magischen Moments hat uns nun im Opernhaus London Coliseum wieder erfasst, fast sechs Jahre später, zur Feier des 70. Geburtstags der Kompanie.

Die Welle, die enge, sich stets in Bewegung befindende Verbindung von heute und gestern, der Tänzer*innen und des Publikums steht für den Geist, in dem diese Kompanie arbeitet. Seit ihrer Gründung 1950 hat sie sich zur Aufgabe gemacht, Ballett einem breiteren Publikum zugänglich machen. Und das tut sie heute mehr denn je – und mit einem breiteren Repertoire denn je, wurden doch in den letzten Jahren neben der kontinuierlichen Pflege des Erbes aufregende neue Stücke kreiert.

Während langer Zeit fristete das English National Ballet neben dem Royal Ballet ein Aschenputtel-Dasein. Es hatte ständig Geldsorgen und kein so prächtiges Kostüm, sprich klares Profil, das es aus den großen englischen Ballettkompanien heraushob. Doch dann trat eine Prinzessin auf, fand ihm den richtigen Schuh und das ENB begann zu fliegen. Und überflog zuweilen sogar die Stiefgeschwister vom königlichen Opernhaus. Die Lösung war von ebenda gekommen. Tamara Rojo war zwölf Jahre lang Erste Solistin beim Royal Ballet, bevor sie 2012 zu der Kompanie zurückkehrte, bei der ihre Karriere in London begann. Sie wurde Künstlerische Direktorin des ENB und tritt auch als Erste Solistin auf. Sie hat sich als unglaublich inspirierte Direktorin erwiesen. Und dies nicht, indem sie Kompanie und Repertoire einfach umkrempelte, sondern indem sie auf die ursprünglichen Ziele baute und das ursprüngliche Profil schärfte und weiterentwickelte.

Das English National Ballet arbeitete bis 1989 als London’s Festival Ballet, gegründet von ehemaligen Tänzer*innen der Ballets Russes Alicia Markova und Anton Dolin und dem Impresario Julian Braunsweg. Ziel war eine populäre Ballettkompanie mit zwei Stars an der Spitze, die gutes Ballett zu einem erschwinglichen Preis anbot. Dem ist das ENB treu geblieben. Es tourt landauf und ab, macht auch in kleineren Städten halt und legt viel Gewicht auf Vermittlung, etwa mit Tanzkursen für Kinder oder für Parkinson-Patient*innen mit ihren Angehörigen. Seit 1997 bringt es regelmäßig seinen Arena-Schwanensee in die Royal Albert Hall, mit 60 Schwänen, die aus allen Himmelsrichtungen zum See in der Mitte streben; und 2014 brachte das ENB Akram Khans „Dust“ sogar ans Glastonbury Festival.

Tamara Rojo hat seit 2012 die besten Talente des Landes mit Stücken beauftragt und konnte vor zwei Jahren William Forsythe überreden, für das ENB eine neue Arbeit zu kreieren. Sie setzte zwei Abende mit Arbeiten von Frauen an und ließ als erste UK-Kompanie Pina Bauschs „Frühlingsopfer“ einstudieren. Sie hat Augen und Türen geöffnet: dem Publikum, ihren Tänzerinnen und Tänzern wie auch den Choreografinnen und Choreografen.

So war „Dust“ die erste Arbeit Akram Khans mit einer klassischen Kompanie. Sie stand am Anfang einer einzigartigen Verbindung von zeitgenössischem Tanz und Ballett, die zwei Jahre später mit seiner großartigen Neuinterpretation von „Giselle“ weitergeführt wurde. Der asiatisch-britische Choreograf versetzte Giselle in die Textilindustrie Bangladeschs – und die Produktion ging um die Welt und wurde mehrfach ausgezeichnet. Auch daraus war ein Ausschnitt an der fabelhaften Gala-Feier zum 70. Geburtstag im London Coliseum zu sehen, getanzt diesmal von den Studierenden der English National Ballet School, die im Sommer zusammen mit dem ENB in ein neues Haus auf London City Island gezogen ist.

Der Gala-Abend war ein schillernder Schaukasten eines unglaublich vielfältigen Repertoires und einer Kompanie in hervorragender Form. Der erste Teil präsentierte Ausschnitte aus 16 Stücken von Balanchine zu Forsythe, von Bournonville zu Annabelle Lopez Ochoa, aus deren Stück „Broken Wings“ Tamara Rojo mit Fabian Reimair den wunderbar innigen „La Llorona pas de deux“ tanzte, als Frida Kahlo und Diego Rivera.

Der zweite Teil des Abends gehörte den „Etudes“ von Harald Lander, das seit der Kreation 1955 zum Repertoire des ENB gehört. Es zeigt den Weg der täglichen Arbeit, von der Stange zur Bühne, vom Tendu zur Cabriole und zu atemberaubenden Pirouetten. Und es präsentiert die technische Virtuosität der Truppe, was einigermaßen unnötig scheint, ist die doch in sämtlichen Stückausschnitten des Abends enthalten. Das Publikum tobt bei jedem Sprung und staunt ob all der sauber ausgeführten Fouéttés, die Tänzerinnen und Tänzer freuen sich sichtlich ob der technischen Herausforderung – vom künstlerischen Anspruch her aber tanzt das ENB heute in einer anderen Liga. Am 1. April bringt die Kompanie Akram Khans neustes Auftragswerk zur Uraufführung: „Creature“, inspiriert von Mary Shelleys Frankenstein und Georg Büchners Woyzeck.
 

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