HOMEPAGE



München

GRANDIOSE URAUFFÜHRUNG VON „THE LAND“

Bei Dance 2015 bereichert eine Kooperation mit Peeping Tom das Residenztheater.



In „The Land“ zeigt die Bühne des Münchner Cuvilliestheaters grüne Wiesen und Wälder mit Bauernhöfen zwischen sanften Hügeln, auf einem eine Kirche. Doch schon bald dröhnt über der voralpenländischen Natur drohend Helikopterlärm.


  • Dance 2015: "The Land" von Peeping Tom am Residenztheater München Foto © Andreas Pohlmann
  • Dance 2015: "The Land" von Peeping Tom am Residenztheater München Foto © Andreas Pohlmann
  • Dance 2015: "The Land" von Peeping Tom am Residenztheater München Foto © Andreas Pohlmann

Peeping Tom heißt „Spanner“, wie Gabriela Carrizo augenzwinkernd verriet. Die Argentinierin, die im Jahr 2000 die längst weltberühmte Tanztheaterkompanie dieses Namens mit Franck Carthier gegründet hatte, brachte soeben erstmals ein Stück mit einem Sprechtheater-Ensemble zur Uraufführung. In „The Land“ zeigt die Bühne des Cuvilliestheaters grüne Wiesen und Wälder mit Bauernhöfen zwischen sanften Hügeln, auf einem eine Kirche. Solch voralpenländische Natur könnte das Bild der sonntäglichen Sehnsucht von Großstadtmenschen sein. Doch schon bald dröhnt darüber drohend Helikopterlärm. Der erste Mensch tritt auf, in Franck Carthiers Modell der Landschaft so groß, dass Baumgipfel und Kirchturmspitze ihm nur bis zur Wade reichen. Wie aus Flughöhe leuchtet er mit einem Handstrahler die Elemente auf dem Boden ab. Alles wirkt real, nur die Relation von Mensch und Raum nicht. Als ein Strahler von der Decke die Funktion des Handstrahlers übernimmt, wird der eben noch suchende Mann als Teil der Landschaft selbst zum Objekt der Beobachtung. Von da an konstituiert die Kombination unterschiedlicher Dimensionen auf der Bühne die Handlung, ein Ausgangspunkt, zu dem Gabriela Carrizo und Franck Carthier eine Miniaturlandschaft des belgischen Malers Michael Borremans inspiriert hat, in der Menschen knien und darauf starren.

Ideen, was in diesem Land passieren könnte, wurden per Improvisation gesammelt. Das übliche Töten von Tieren trägt in die vermeintlich idyllische Bauernwelt das Potenzial der Gewalt. Die überschaubare Weite des Dorfes wird zur Enge eines Lebensraums, in dem keiner vor dem anderen verbergen kann, wozu seine Begierden ihn treiben. Man hat dort animalische Phantasien, die alle Konventionen sprengen. Weil kein fertiger Text die Schauspieler des Residenztheaters einengte, fanden sie zu einer ungewohnten Freiheit im Assoziieren und wurden zu Co-Autoren dieses Tanz-Theaterstücks, in dem Gabriela Carrizo ihnen am Ende fast keinen Text ließ, sondern sie alles physisch auszuagieren hatten. Was von der Menge des Materials als folgerichtig beibehalten wurde, ergab einen ebenso überraschenden wie plausiblen Bilderbogen, und in der Konzentration auf die Einzelbilder wurden diese körperlich extrem ausgearbeitet. Soziale Zusammenhänge und seelische Zustände wurden dadurch vielleicht tiefer gespürt, jedenfalls aber eindringlicher sichtbar gemacht, als verbale Darstellungen das können. Das Zittern einer Frau, die sich zwischen dem Interesse am Nahen eines Mannes und der Angst davor zerreißt, die stockende Überwindung der Angst des Mannes bei seinem Wagnis, sich der Frau zu nähern, oder das unsicher tastende Wanken eines anderen, der die Frau verlor, weil nun unter ihm der Boden schwankt. Immer wieder schafft Angst den thematischen Zugang, auch die vor der Gewalt, die zu einem Mord führt. Und die Angst, die Abgründe nicht unter einer heilen Oberfläche verbergen zu können. Das wiederum ruft die surreale Dorfkapelle auf den Plan. Und dass im Ensemble Kinder großartig mitspielen, verleiht all den Verletzungen auch zeitlich eine zusätzliche Dimension. Ungeachtet dessen stellen diese abgründig Verstrickten ihr Dorf für sich und mögliche Touristen als heile Welt dar, was grotesk-komische Momente hat.

Diese Inszenierung entwickelt mit ihrer Mikro-/Makrokosmos-Atmosphäre vom ersten Moment an den Sog einer Faszination, der man sich nicht entziehen kann. Schließlich muss man die Residenz-Schauspieler Philip Dechamps, Artur Klemt, Michaela Steiger, Valery Tscheplanova, Lukas Turtur und Paul Wolff-Planegg, die durch die Sängerin Snejinka Abramova und die Performerin Marie Gyselbrecht von Peeping Tom wunderbar ergänzt waren, für ihre mentale und körperliche Leistung bewundern. Wie schön, dass dieses Stück im Repertoire des Residenztheaters bleibt! Es ist ein starkes Zeugnis dafür, wie eine physische Arbeitsweise wie die bei Peeping Tom die Arbeit von Schauspielern bereichert. Und umgekehrt.

Veröffentlicht am 11.05.2015, von Karl-Peter Fürst in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 2879 mal angesehen.



Kommentare zu "Grandiose Uraufführung von „The Land“ "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    BETÖREND

    Christian Rizzo mit "d'après une histoire vraie“ beim Dance-Festival in München

    Nur wenig Licht lässt den hellen Tanzboden leuchten. Rechts hinten auf dem Podest blitzt das Metall zweier Riesenschlagzeuge. Ein Kerl in grauer Jeans und Shirt, barfuß, durchläuft in der Stille ein, zwei, drei Bewegungen am Boden.

    Veröffentlicht am 18.05.2015, von Alexandra Karabelas


    DEN ZUSCHAUERN AUF DEN PELZ GERÜCKT

    Nach 66 Stunden gingen die "Dancing Days" beim Münchner Dance-Festival zu Ende

    Stefan Drehers Tanzmarathon, an dem im Kern acht bis vierzehn Tanzende täglich sechs Stunden zu elektronischen Grooves und Klangformen getanzt haben, gab auch ein aufschlussreiches Beobachtungsforum für Wahrnehmung ab.

    Veröffentlicht am 18.05.2015, von Michael Scheiner


    GRENZGÄNGERISCHES

    Dance-Festival 2015

    Offensichtlich unter dem zeitgeistig gesellschaftlichen Druck „höher, schneller, neuartiger“ treiben die aktuellen Choreografen den Körper zu immer ausgefalleneren Bewegungen.

    Veröffentlicht am 17.05.2015, von Malve Gradinger


    ENTFESSELND

    Trajal Harrell landet mit seiner wilden Antigone-Erzählung bei Dance einen Bühnenhit

    Einer schöner als der andere. Man weiß kaum, wo man zuerst hinsehen soll: schmal und hochgewachsen die einen, markanter die anderen. Über zwei Stunden genießt man diese androgynen Halbgötter auf der Bühne der Muffathalle in München.

    Veröffentlicht am 12.05.2015, von Alexandra Karabelas


    DAS KÖRPERLICHE TRANSZENDIERT

    Auftakt bei der Münchner Dance-Biennale mit Kaori Ito und Saburo Teshigawara

    Der zeitgenössische Tanz immer noch eine Insidersache? Der Auftakt von Dance hinterlässt den gegenteiligen Eindruck: rappelvoll die Muffathalle bei der Japanerin Kaori Ito, enormer Andrang bei ihrem renommierten Landsmann Teshigawara.

    Veröffentlicht am 11.05.2015, von Malve Gradinger


    ARABIEN IM FOKUS

    Tanz und Musik aus Tunesien, Algerien, Ägypten, Marokko und Palästina

    Das Muffatwerk München präsentiert in Kooperation mit DANCE 2015 und Access To Dance Arabien im Fokus. Mit dabei sind unter anderem die Choreografen Radhouane El Meddeb, Taoufiq Izeddiou sowie Aïcha M’Barek et Hafiz Dhaou.

    Veröffentlicht am 22.01.2015, von Pressetext


    MÜNCHEN TANZT DEN MARATHON

    Das Festival DANCE 2015 setzt auf Austausch

    Bei der 14. Ausgabe von DANCE haben sich die Zeiten verschoben. Nicht nur, dass das Festival zum ersten Mal vom tristen November in den hoffentlich sonnigen Monat Mai verlegt wurde. Nein, diesmal gibt es sogar ein Vorspiel.

    Veröffentlicht am 21.01.2015, von Miriam Althammer


     

    AKTUELLE NEWS


    SAVE THE DATE!

    Münchner Tanzbiennale DANCE findet vom 16. bis 26. Mai 2019 statt
    Veröffentlicht am 18.01.2019, von Pressetext


    DEM RUF GEFOLGT

    Der Tänzer und Choreograf Georg Reischl wird ab der Saison 2019/2020 Chefchoreograf am Theater Regensburg
    Veröffentlicht am 17.01.2019, von Pressetext


    "EINE GROßE EHRE"

    Carlos Acosta zum neuen Direktor des Birmingham Royal Ballet ernannt
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SASHA WALTZ - ALLEE DER KOSMONAUTEN

    Volksbühne Berlin 2. März 2019, 20 Uhr 3. März 2019, 18 Uhr

    Veröffentlicht am 16.01.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DEM RUF GEFOLGT

    Der Tänzer und Choreograf Georg Reischl wird ab der Saison 2019/2020 Chefchoreograf am Theater Regensburg

    Veröffentlicht am 17.01.2019, von Pressetext


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper

    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    SAVE THE DATE!

    Münchner Tanzbiennale DANCE findet vom 16. bis 26. Mai 2019 statt

    Veröffentlicht am 18.01.2019, von Pressetext


    PERSÖNLICH. PERSÖNLICHKEIT

    Peter Svenzons "Persona" am Theater Chemnitz

    Veröffentlicht am 21.01.2019, von Gastbeitrag


    AUS DER EIGENEN ZEIT NEU GEDACHT

    Schubert-Zenders "Winterreise" in Münster

    Veröffentlicht am 20.01.2019, von Marieluise Jeitschko



    BEI UNS IM SHOP