„Zurück zu Ali“ von und mit Jenny Beyer 

Sensibler Rückblick

„Zurück zu Ali“ von und mit Jenny Beyer in der Kampnagelfabrik

Ihre erste Soloarbeit hat die Hamburger Tänzerin und Choreografin ihrem Großvater gewidmet, einem Widerstandskämpfer gegen die Nazis. Ein berührender Abend.

Hamburg, 28/03/2026

Ein fast raumhoher weißer Lamellenvorhang begrenzt die Bühne der K2 in der Hamburger Kampnagelfabrik nach hinten. Ein Schwarz-Weiß-Foto ist darauf projiziert, es zeigt einen jungen Mann mit weichen Zügen und dichtem, schwarzem Haar. Jeder Luftzug bewegt die Lamellen und lässt das Foto fast lebendig erscheinen. Ein blassblauer Plüschsessel steht am rechten Rand. Jenny Beyer sitzt darin, man kann aber nur ihren Hinterkopf sehen. 

Schließlich steht sie auf und schiebt den Sessel in die Bühnenmitte. Und bevor sie tanzt, spricht sie. Sie erzählt Kindheitserinnerungen an den Großvater, der direkt neben ihr und ihren Eltern gewohnt hat. Der Sessel ist ein Erbstück, er hat ihn von dem Entschädigungsgeld gekauft, das er nach dem Krieg erhielt. Die Nazis hatten ihn, den bekennenden Kommunisten, beim Flugblattverteilen erwischt und umgehend eingebuchtet, zuerst im Zuchthaus Hamburg-Fuhlsbüttel, dann im Arbeitslager, später im KZ Neuengamme, das er – im Unterschied zu vielen seiner Freunde, die von den Nazis umgebracht wurden – glücklicherweise überlebt hat. 

Und so entwickelt sich gut eine Stunde lang ein Wechselspiel aus gesprochenen und getanzten Passagen, das uns diesen bemerkenswerten Großvater, Walter Beyer, genannt Ali, nahebringt. Es ist eine ebenso respektvolle wie liebevolle Erinnerung an einen mutigen Mann, der schon lange vor 1939 mit seinen Freunden erkannt hat, was Hitler vorhatte: das Land in den Krieg zu treiben. Es habe glasklar in „Mein Kampf“ gestanden: „Das war nicht zu überlesen, das stand dort geschrieben“, habe er geantwortet, als er gefragt wurde, warum er sich so früh im Widerstand engagierte. Und über seine vier Schwestern habe er gelernt, dass es immer gut sei, sich über unterschiedliche Meinungen auszutauschen. 

Schon als Kind hat Jenny gerne und viel getanzt, sagt sie, zuhause im Wohnzimmer, und so stellt sie sich vor, dass sie das jetzt für ihn tut – zu den Klängen der „Aufforderung zum Tanz“ von Carl Maria von Weber (für die Musikauswahl zeichnet Jennys Vater Horst verantwortlich, auch ihre Mutter Orda war an der Entstehung des Stücks beteiligt). Wunderbar leichtfüßig und raumgreifend breitet sich Jenny Beyer hier aus – es ist die reine Freude an der Bewegung, am Schwingen und Springen. 
 

Nicht nur eine Familiengeschichte

Immer wieder erzählt sie von Ali, gestützt auf ein Interview, das er einmal gab, auf seine eigenen Aufzeichnungen und weitere Recherchen. Wunderbar anschaulich bringt sie uns diesen Menschen in seiner tiefen Menschlichkeit nahe, auch in seiner Lebensfreude, wenn er z.B. mit dem Motorrad über die neu gebaute Autobahn von Hamburg nach Lübeck braust (Videocollage: Malwine Mangold-Volk). Sie erinnert auch an andere Widerstandskämpfer*innen, Freunde von Ali, die von den Nazis ermordet wurden, unterbrochen von Tanzpassagen, die nicht immer gefällig sind, sondern auch mal in einem lautstarken Wutausbruch enden („Alerta, Antifascita!“). Darin bündelt sich der Zorn über all das Leid, das den Menschen damals angetan wurde.

Zum Schluss wird der selbstgedrehte Film ihres Vaters mit der tanzenden kleinen Jenny im elterlichen Wohnzimmer auf die rohe Backsteinwand der K2 projiziert (der Lamellenvorhang sank schon eine Weile zuvor zu Boden), während die große Jenny auf dem Boden liegt. Der Sessel des Großvaters steht davor. Und es braucht nicht viel Fantasie, dass man weiß: Er schaut zu. Von irgendwo. 

Jennys Erinnerungen an Ali enden mit der deutschen Kapitulation, und mit dem, was der Großvater selbst über seine Befreiung berichtet hat. Sie konzentriert sich in diesem Stück ganz auf die Zeit des Widerstands in der Nazizeit, erzählt aber im Publikumsgespräch, dass Ali in den 1980er Jahren einen langen und schmerzhaften Prozess der Ablösung vom Kommunismus durchlebt hat und 2006 gestorben ist. 

Jenny Beyer ist hier ein berührendes Stück gelungen, das weit über die eigene Familiengeschichte hinausweist und dem man eine weite Verbreitung wünscht. 

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