Ritual des neuen Mannes
„Lemniskata” von Lukas Avedaño feiert auf Kampnagel Europapremiere
Als Hamburg 1946 noch in Trümmern lag, begann in einem anderen Raum bereits der Wiederaufbau: der des Tanzes. Mit der Gründung der Erika Klütz Schule für Theatertanz und Tanzpädagogik schuf die Tänzerin und Pädagogin Erika Klütz einen Ort, an dem Bewegung, Kunst und Verantwortung von Beginn an untrennbar miteinander verbunden waren – im Jahr 2026 feiert die Schule ihr 80-jähriges Bestehen.
Erika Klütz, klassisch ausgebildet in Schwerin und Rostock, wandte sich früh dem modernen Tanz zu. Ihr Studium in Berlin und Dresden sowie die prägende Zusammenarbeit mit der Hauptvertreterin des Deutschen Ausdruckstanzes Mary Wigman öffneten ihr den Blick für einen Tanz, der weniger auf Repräsentation als auf Ausdruck, Gemeinschaft und Zeitgenossenschaft zielte. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Klütz eine der zentralen Figuren beim Wiederaufbau des Tanzlebens in Hamburg: Als Ballettmeisterin der Hamburgische Staatsoper verantwortete sie den ersten Ballettabend der Nachkriegszeit – ein durchaus symbolischer Neubeginn.
Mit ihrer eigenen Schule formulierte sie 1946 einen Anspruch, der bis heute trägt: künstlerische Praxis und pädagogische Vermittlung nicht getrennt zu denken. Ursprünglich als Ausbildungsstätte für professionelle Tänzer*innen und Bühnentanzpädagog*innen gegründet, öffnete sich die Schule bald auch für Studierende und Laienschüler*innen ohne Bühnenerfahrung.
Heute, nach drei Jahrzehnten unter der Leitung des Tanzpädagogen und Ethnologen Dr. Fred Eckhard, wird die Schule seit 2023 mittlerweile in dritter Generation geführt. Mit Suse Tietjen, selbst Absolventin, Choreografin und Tanzpädagogin, sowie der bildenden Künstlerin Maria Gibert und der Tanzpädagogin und Biologin Dr. Katja Dominik als Stellvertreterinnen, steht nun eine Leitungstrias an der Spitze, die das Erbe der Gründerin weiterdenkt: Reflexion, Verantwortung und die Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Fragen von Kunst, Körper und Vermittlung stehen im Zentrum der heutigen Ausbildung.
Das Jubiläumsjahr 2026 versteht sich entsprechend weniger als nostalgische Rückschau, denn als offener Prozess. Der Tag der offenen Tür am 21. Februar lädt dazu ein, die Schule als lebendigen Arbeits- und Denkraum kennenzulernen. Eine fotografische Ausstellung vor Ort zeichnet Leben und Wirken der Gründerin nach – von den frühen Bühnenjahren bis zur Schulgründung.
Ein besonderer Höhepunkt ist die Jubiläumsaufführung „unearth:undertone“ am 27. Juni auf Kampnagel. In einem demokratischen Entstehungsprozess entwickeln Schüler*innen, Absolvent*innen und acht Choreograf*innen gemeinsam ein Werk, das sich von Bewegungschören nach Rudolf von Laban inspirieren lässt und Motive der Orpheus-Mythologie mit Fragen nach Mensch, Natur und zeitlicher Verbundenheit verknüpft.
Achtzig Jahre nach ihrer Gründung ist die Erika Klütz Schule damit vor allem eines geblieben: ein Ort, an dem Tanz als Haltung verstanden wird – offen, gegenwärtig und dabei verantwortungsvoll bezüglich des komplexen wie auch herausfordernden Erbes des Modernen Tanzes in Deutschland.
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