Ritual des neuen Mannes
„Lemniskata” von Lukas Avedaño feiert auf Kampnagel Europapremiere
Der Auftakt zu dem zweiwöchigen Festival „Fokus Tanz“ in der Hamburger Kampnagelfabrik bildet einen augenfälligen Kontrast zu dem ansonsten recht überschaubaren Programm aus eher kleinen, kurzen Werken: Es ist etwas Großes, besonders Opulentes – Eun-Me Ahns im Mai 2025 in Seoul aus der Taufe gehobener „Post-Orientalist Express“. Der Titel kommt nicht von ungefähr: Ihr Ausgangspunkt sei gewesen, die Grundidee des Orientalismus verstehen zu wollen, sagte Eun-Me Ahn in einem Kurzbeitrag auf Arte über ihr Werk.
Folgerichtig wird schon vor Beginn der Vorstellung ein kurzer filmischer Zusammenschnitt aus verschiedenen Elementen des Orientalismus in einem kreisförmigen Ausschnitt auf den die Bühne abgrenzenden Vorhang projiziert. Es sind Motive aus dem 19. und 20. Jahrhundert, man sieht Haremsdamen, Bauchtänzerinnen, schwülstige Liebesszenen, man sieht Peter O’Toole als Lawrence von Arabien und Motive aus der asiatischen Kolonialzeit, aber auch Comics.
Vor dem Vorhang sitzt eine strubbelige schwarze Figur auf einem japanischen Schemel, man sieht sie nur von hinten. Sie kippt mal nach rechts zur Seite, mal nach links, um sich dann doch wieder hinzusetzen. Während der Film erlischt und das Licht in der K6 ausgeht, nähert sich von hinten eine maskierte Gestalt dem Vorhang, läutet mehrfach ein Glöckchen, schlüpft durch den Vorhang und bemächtigt sich des Strubbelwesens, will es mitnehmen. Doch dieses wehrt sich, man erkennt jetzt: Es hat kein Gesicht, nur zwei weiße Schlitze in der schwarzen Maske. Schließlich folgt es doch aus eigenen Stücken der rätselhaften Gestalt ins Seitenaus – und just in dem Moment fällt der Vorhang und gibt die Bühne frei.
Im Hintergrund schiebt sich ein als Schnecke stilisiertes Schiffchen aus der Gasse, eine Art Geisha sitzt darin und gleitet langsam über die Bühne. Zwei kopflose Wesen in bunten Glitzerröcken purzeln im Vordergrund dazu, entfalten einen Dialog zu vier in die Luft ragenden Beinen, die Füße in dünne Stoffwedel gehüllt, bis sie sich ruckartig umstülpen – der Glitzerfummel wird zum weißen Tellerrock, aus dem zwei Männeroberkörper herausragen und nun kraftvoll über die Bühne fegen.
Eine poetische Orgie der Pracht
Es ist der Beginn eines 80-minütigen Spektakels, in dem eine fantasievoll kostümierte Gestalt nach der anderen über die Bühne wirbelt, drei Frauen und vier Männer, immer mit Bezug auf das Orientalische und Fernöstliche, auf kulturelle Traditionen in Indien, Thailand, China, Japan, Korea. Es gibt Schlangenbeschwörungen, indische Tempeltänze, Elemente des japanischen Nô-Theaters oder auch fulminante akrobatische Variationen – in ständig wechselnden, prachtvollen Kostümen. Backstage muss das generalstabsmäßig organisiert sein, rasend schnell gehen die Wechsel, üppig ist oft der Kopfschmuck; einmal schwingen sich zwei Tänzer sogar auf Schemel-Stelzen über die Bühne. Manchmal erscheinen die Tänzer*innen wie menschliche Flummis, deren Körper offenbar alles aushalten können, egal, wie sie sich über den Boden werfen oder um andere Körper herumwickeln.
Vereinzelt tritt Eun-Me Ahn selbst in Soli auf, als große Einsame, mal im roten Glitzerkleid (das geschnitten ist wie eine traditionelle koreanische Tracht), mal in schwarzsamtener Abendrobe mit goldener Drachenapplikation oder in einem weißen Ballonkleid, unter dem Luftballons versteckt sind, die sie – grandioser Schlussakt – einen nach dem anderen platzen lässt, bevor sie mit dramatischer Geste in der seitlichen Gasse verschwindet und das Licht verlöscht.
Im ganzen Stück geht es immer wieder um die Kommunikation, um den interkulturellen Austausch. Es ist ein Plädoyer für wechselseitiges Verständnis, das uns heute so oft abhandengekommen ist. Es besticht nicht nur durch die aufwendigen Kostüme, sondern auch durch Eun-Me Ahns ausgebuffte Lichtregie, die raffiniert mit den gefühlt 1000 Tabletts spielt, von denen keines dem anderen gleicht und die raumfüllend über den hinteren Bühnenprospekt verteilt sind und ebenso über die seitlichen Gassen. Schon allein für diese Ausstattung empfiehlt es sich, dieses Stück anzuschauen, dem die 63-Jährige eine feine Poesie eingewoben hat, vor allem aber wegen der grandiosen sieben Tänzer*innen, die in diesen anderthalb Stunden wirklich alles geben.
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