Unerwartet
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„物の哀れ | Mono no aware | Das Wissen um das Ende ist bittersüß“ von Maura Morales in Kassel
Mit der japanischen Technik des Kintsugi wird Keramik nicht einfach „geflickt“. Feiner Goldstaub veredelt die Bruchkanten. Betonung des Gewesenen ist das Prinzip, Wertschätzung der Brüche im Wortsinn. Das auf uns selbst zu beziehen, ist ein Ansatz des Zen: Geworden sind wir aus all dem, das irgendwann mal war. Leugnen: zwecklos. Oder besser: nicht zu empfehlen. Denn nur der Frieden mit der Vergangenheit macht uns frei für Gegenwart und Zukunft. Im Japanischen gibt es deshalb auch die Phrase „Wer seinen Feind umarmt, macht ihn bewegungsunfähig.“
Kinsun Chan hat sich das kürzlich für sein „Parts and Pieces“ für das Ballett der Semperoper zu eigen gemacht. Und auch in Maura Morales‘ „物の哀れ | Mono no aware | Das Wissen um das Ende ist bittersüß“ findet sich Kintsugi. Vereinzelte, feine Goldlinien ziehen sich kontrastreich über die schwarzen Kostüme (Maura Morales und Anna-Maria Peter). Die Tänzerinnen und Tänzer bringen damit sinnbildlich ihre eigene Geschichte mit. Es ist das Bewusstsein um das eigene Ende. Um die Auseinandersetzung mit dieser allgegenwärtigen Begrenztheit geht es Morales.
Dafür stellt sie eine einzelne, entrückt wirkende, helle Figur dem Ensemble in Schwarz gegenüber. Anna Gorokhova tanzt diese Figur fast nackt, ihre Korkenzieherlocken ungebändigt. Fremdartig wirkt sie, als könne sie nicht richtig laufen, brüchig, fragmentiert ihre Bewegungen. Sie bleibt außerhalb der Gruppe, abgesondert.
Tatamimatten für die Anderswelt
Auf den spiegelartig reflektierenden, hellen Tanzboden schweben aus dem Schnürboden lautlos verschieden große semitransparente Wände in hellen Holzrahmen. Genauso lautlos lassen sie sich verschieben. Trotz des Glanzes denkt man plötzlich an Tatamimatten auf dem Boden, ein traditionelles japanisches Haus mit seinen Schiebetüren. Hinter diesen Wänden verschwindet die fast geisterhafte Figur immer wieder, aber eben nur zum Teil. Es ist wie ein Zwischenschritt, ein nächstes Stadium. Die Anderswelt ist fast greifbar.
Konsequent wäre angesichts dessen eine kontemplative Verinnerlichung, ein Reflexionsprozess, der, vielleicht zögerlich, in jedem Fall aber still und im Flow die Hinwendung zur Erkenntnis sichtbar werden lässt. Sichtbar wird stattdessen ein unbändiger Drive. Und hörbar. Das Sounddesign von Michio Woirgardt haut genauso von Anfang an in die energetische Entladung wie die Choreografie selbst. Die Intensität ist auf ein Maximum ausgerichtet. Immer wieder sind Körper nach hinten überstreckt. Das ist überraschend aktionsreich bis hin zu akrobatisch, wenn eine Tänzerin auf einem Tänzer stehend den Raum nach oben erweitert. Und die Sounds treiben alles immer weiter voran.
In einer solchen rasenden Geschwindigkeit ist aber eben keine Gelegenheit für Besinnung. Deshalb wirken einige Szenen eher illustrativ bis fast beliebig, in jedem Fall aber auffällig unverfänglich sowohl in der Choreografie als auch in den Sounds. Reibungen, Widersprüche, Widerhaken, das bleibt bei kleinen Andeutungen, die eher Gesten sind als Aussage.
Exzessiv statt kontemplativ
Körperlich verlangt das dem Ensemble einiges ab, aber in Sachen Interpretation werden die Tänzer*innen nicht direkt gefordert. Das verdünnt die Aussage dann doch etwas. Auch das wiederholte Verschieben der Wände bringt keine Vertiefung der Aussage. Exzessive Floorwork mit vielen Sprüngen, als würde diese Energie kein Ende finden. Dieser Drive ist das nach außen gerichtete Gegenteil zur inneren Vertiefung des Zen.
Auch ein ruhigeres Duett ändert daran nichts. Leise Töne, Innehalten, das kommt zu kurz. Nichts Morbides, kein Verlust. Zwar weht es die Tänzerinnen und Tänzer nacheinander wie Blätter einzeln von der Bühne, aber mehr als ein gelungenes Bild ist das nicht.
Das wirkt, als würde Morales hier ihr Versprechen nicht einlösen: Empfindsamkeit oder leise Melancholie gibt’s hier nicht. Das Publikum stört sich daran aber kein bisschen. Thorsten Teubl, Direktor von Tanz_Kassel, freut sich über einen unmissverständlichen Erfolg. Und wenn die reine Energie das Publikum aus dem Sessel haut, ist das ja auch was wert.
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