„Nerven“ von Yolanda Morales

Animalische Androiden

Live-Wiederaufnahme von „Nerven“ im Hamburger LICHTHOF Theater

Ausgehend von Donna Haraways „Unruhig bleiben“ entwirft die Hamburger Choreografin Yolanda Morales eine dichte choreografische Vision des Lebens nach der ökologischen Katastrophe.

Hamburg, 11/11/2022

Das LICHTHOF Theater ist in dunkles Licht getaucht. Das Publikum sitzt im Halbkreis um den Bühnenboden, der in unterschiedliche rechteckige Flächen geteilt ist. Auf manchen meint man schattenhaft-verzerrte Naturbilder wahrzunehmen, auf anderen wiederum sind Teppichausschnitte ausgelegt, die an vertrocknetes Moos erinnern. Im Hintergrund steht ein kleiner Hügel, dessen Erde oder Gestein, das in seiner Textur an die Beschichtung eines Hartplatzes erinnert, sich auch durch den Raum verteilt. Im Laufe der unglaublich kurzweiligen 45-minütigen Tanzperformance wird das Gestein den gesamten Bühnenboden bedecken; die Schemen der Natur sind nicht mehr zu vernehmen und ein Gefühl von Verwüstung macht sich breit.

Das sehr eindrückliche und variabel bespielbare Bühnenbild von Lea Burkhalter ist Teil von Yolanda Morales‘ Stück „Nerven“. Bereits 2020 zeigte die Hamburger Choreografin ihre Produktion coronabedingt als Stream und konnte sie nun live wiederaufnehmen. Zum Glück, denn dieses Choreografie-Juwel muss ob seiner tänzerisch-musikalischen Intensität und dem intelligenten Aufbau live erlebt werden. Inspiriert wurde „Nerven“ von Donna Haraways feministischer Utopie „Unruhig bleiben“, in der die Autorin die Grenzen von Mensch, Tier und Maschine verschwimmen lässt.

Diese Vermischung choreografisch zu verarbeiten, gelingt Yolanda Morales in ihrer postapokalyptischen Vision eindrucksvoll. Die vier Tänzerinnen, gekleidet in Zebra-gestreifte Ganzkörperanzüge, über denen eine verschlissene Gummischicht wie ein Film aus Öl oder Dreck liegt, erkunden den Bühnenraum mit dem ganzen Körper. Die zitternd-pulsierenden Bewegungen, die in ihrem Mix aus Rohheit und Entfremdung ein Spannungsverhältnis zwischen animalischer Rückbesinnung und roboterhafter Dystopie kreieren, lassen ein Gefühl von Menschlichkeit nur noch rudimentär auftauchen. Mal wälzen und werfen sich die Tänzerinnen in impulshaften Bewegungen über den Boden, mal schreiten zwei in bedrohlicher Kampfhocke aufeinander zu, um dann wieder erschöpft auf den Boden zu sinken. Stets bleibt die Frage offen, ob es sich hier um Opfer der ökologischen Katastrophe handelt oder doch eher die dafür verantwortlichen „Täterinnen“.

Dabei eröffnet die Umbesetzung für die Wiederaufnahme in Hamburg weitere Interpretationsräume. Dadurch, dass nun nur weiblich gelesene Körper auf der Bühne stehen, kreiert „Nerven“ das Gefühl einer gemeinschaftlich weiblichen Selbstermächtigung auf der von Männern durch Gewalt und Ausbeutung zerstörten Erde. Die immer wiederkehrende Fixierung des Publikums durch einzelne Tänzerinnen eröffnet dabei die Frage, ob sie ein Zeichen der Einbeziehung oder doch eher ein Zeichen dafür ist, dass das Publikum aus dieser neuen Gemeinschaft der Überlebenden ausgegrenzt ist.

Besonders neben Yolanda Morales‘ intensiver Choreografie sind an diesem Abend das Sound-Design und die Live-Musik von Christopher Ramm hervorzuheben. Die Mischung aus sphärischen Klängen, verstärkt durch mal rhythmisch gleichmäßige, mal synkopische Beats, die immer wieder in Richtung Elektro-Musik wandern, um dann wieder abrupt abzubrechen, verstärken den ohnehin schon sehr schlüssig und dicht gebauten Abend. Angereichert wird diese Soundcollage zudem durch rhythmisches Atmen, Jauchzen oder an Tiergeräusche erinnerndes Kreischen seitens der Tänzerinnen, die auch am Ende noch nachhallen, wenn Musik und Licht schon längst „verendet“ sind.

Weitere Vorstellungen: Freitag, 11.11., und Samstag, 12.11., je 20.15 Uhr im LICHTHOF Theater
 

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