„Unitxt“ von Richard Siegal, Tanz: Avrey Reiners, Margarida Neto, Renata Peraso und Òscar Alonso

Achterbahn der Gefühle

V. Internationale Ballettgala am Staatstheater Nürnberg

Richard Siegal zeigt auch für die Gala dramaturgisches Fingerspitzengefühl. Das Publikum dankt es ihm.

Nürnberg, 05/07/2026

„And now the show!“ – Mit diesen Worten überließ Richard Siegal die Bühne des Opernhauses den internationalen Ballettgrößen, die sich an diesem Wochenende zahlreich in Nürnberg eingefunden hatten: Elvina Ibraimova und Ariel Merkuri vom Bayerischen Staatsballett, Polina Semionova und Martin ten Kortenhaar vom Staatsballett Berlin, dazu Ksenia Ovsyanick, Constantine Allen und der Flamenco-Star Rafaela Carrasco, um nur einige zu nennen. Man kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. 

Zuvor hatte der bekennende Hut-, Mützen- und Schieberkappenfan Siegal Worte des Dankes gefunden. Für die Initiatoren der Gala, den Förderverein „Ballettfreunde Staatstheater Nürnberg e.V.“, ohne dessen großzügige Unterstützung das hochkarätige Programm überhaupt nicht hätte gestemmt werden können. Für das Nürnberger Publikum, das ihn schon in seiner ersten Spielzeit als Ballettdirektor und Chefchoreograf des Staatstheaters Nürnberg Ballet of Difference warmherzig auf- und angenommen hat. Zuletzt für Nürnberg, die Stadt der Menschenrechte. „Wer wir sind, zeigt sich daran, mit wem wir uns umgeben“, so der Impresario.

Eine schöne und treffende Beschreibung seiner Compagnie mit Tänzern und Tänzerinnen aus aller Welt. Aber eben auch eine schöne und treffende Beschreibung für die Gala selbst, die der Förderverein erstmals unter Siegals Ägide und zum insgesamt fünften Mal seit 2013 ausrichtet. Das Festprogramm im ausverkauften Haus nahm das Publikum mit auf eine dreizehn Stücke umfassende Reise quer durch die Tanz- und Ballettgeschichte, über alle Zeiten, Kontinente und Stile hinweg. Zu sehen war Klassisches wie „Romeo und Julia“, Neoklassisches wie „Diamonds“ von George Balanchine“ und Zeitgenössisches von William Forsythe über Marco Goecke und Justin Peck bis Yabin Wang. Zur Musik von Tschaikowsky, Astor Piazzolla und den Elektro-Poppern von „M83“. Auf Spitze, in Sneakern oder Socken. Als Solo, Pas de deux und dank der Mitwirkung von Siegals Compagnie als Gruppenchoreografie. Mehr Kontrast geht kaum. Was naturgemäß ein Wechselbad der Emotionen auslöste, zu jeder Zeit aber pures Tanzvergnügen bereitete auf einer meist leeren Bühne, die höchstens einmal dunkelblau eingeleuchtet war.

Fließender Spitzentanz

Zuletzt erzählte Richard Siegal noch etwas über den Ursprung des Wortes Gala – ursprünglich meinte es nur die Festkleidung und ging dann auf das Fest selbst über –, ehe es hieß „And now the show!“ und Vorhang auf für Ksenia Ovsyanick und Constantine Allen und ihren Pas de deux aus „Diamonds“. George Balanchine hat es in den 1960er-Jahren für das New York City Ballet choreografiert. Die elfenhafte Ovsyanick, bis vor zwei Jahren Erste Solistin beim Berliner Staatsballett, und ihr Partner Allen tragen hier klassische bzw. neoklassische Gala-Kostüme, also goldverziertes Tutu und silberverziertes Trikot. Dann erlebte man scheinbar mühelos fließenden Spitzentanz, Anmut und Grazie von den Zehen- bis zu den Fingerspitzen. 

Es folgte der erste harte Bruch des an Brüchen nicht armen Abends. Nach „Diamonds“ zur Musik von Tschaikowskys Symphonie Nr. 3 sah man einen Pas de deux aus Marco Goeckes Stück „Thin Skin“, eine waidwunde Hommage an Patti Smith, die Godmother of Punk, 2015 uraufgeführt. Ihr Song „Godspeed“ erzählt von der Liebe als manischer Achterbahnfahrt – „Love is a vampire“ ächzt sie an einer Stelle –, und die vollkommene Präsenz ausstrahlenden Solisten des Bayerischen Staatsballetts, Elvina Ibraimova und Ariel Merkuri, hackten ihre Arme durch die Luft. So sieht innere Zerrissenheit aus. 

Wenig später gleich der nächste Kontrast. Die Flamenco-Tänzerin Rafaela Carrasco in einem Lichtstreifen auf dunkler Bühne. Kaum hatte sie mit ihren flamencotypischen Fußschlägen begonnen, begleitet vom Schnalzen der Zunge und dem Schnipsen der Finger, wurde es mucksmäuschenstill im Publikum, so eindringlich verkörperte sie nachtdunkle Einsamkeit. „Noche de cristal oscuro“ heißt das Stück im Flamenco-Stil der „Soléa“. Hochdramatisch und durch den Gesang von Gema Caballero, die Carrasco begleitete, noch um ein Vielfaches gesteigert. 

„More New Ballets Russes“

Auf diese Weise könnte man Stück für Stück fortfahren. Das Pas de deux aus John Crankos anrührender „Onegin“-Choreografie erwähnen oder das Solo aus David Dawsons Choreografie „Styx“, in dem die Tänzerin Riho Sakamato, Erste Solistin am Dutch National Ballet, die gesamte Bühne ausmaß. Wie klug der Abend von Richard Siegal durchkomponiert war, zeigte sich, als schließlich der Vorhang unter dem tosenden Jubel des Publikums nach zweieinhalb Stunden endgültig fiel. Ans Ende der Gala hatte er einen Auszug aus seinem Signaturwerk „Unitxt“ von 2013 gesetzt, das rückblickend so etwas wie die Keimzelle für sein Ballet of Difference bildet. Mit dem brutal hämmernden Stück über eine futuristische Gesellschaft hatte er sich auch im vergangenen Herbst dem Nürnberger Publikum als Nachfolger des verehrten Goyo Montero vorgestellt. Diesem erwies er gleichfalls die Ehre, indem er „Thin Skin“ ins Gala-Programm aufnahm, das Montero schon einmal im Jahr 2019 für das dreiteilige Programm „Kylián/Goecke/Montero“ nach Nürnberg geholt hatte. 

Es ist daher auch kein Zufall, dass am Beginn dieser sehenswerten Ballettgala „Diamonds“ von George Balanchine stand. Siegal hat es sich neben seiner Beschäftigung mit dem Körper im digitalen Zeitalter auf die künstlerischen Fahnen geschrieben, das tänzerische Erbe von Sergej Dhiagilews stilprägender Compagnie der Ballets Russes, der Balanchine zunächst als Tänzer, dann als Choreograf angehört hatte, aus der Sicht von heute zu befragen. Ein erstes Ergebnis war Siegals „New Ballets Russes“ mit seinen Choreografien von „Pulcinella“ und „Petruschka“ zu Beginn dieses Jahres. In der kommenden Spielzeit wird diese Auseinandersetzung ihre Fortsetzung finden, wenn es heißt: „More New Ballets Russes“. 

 

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