„Hurry Up, We’re Dreaming“ von Justin Peck, Tanz: Luiza Yuk (Mitte) und Ensemble

Dynamiken des Zusammenseins

Triple-Bill „Les Ballets Actuels“ am Staatstheater Nürnberg

Sneaker-Ballett, rebellisch, explosiv-lässig: Drei Mal Virtuosität, aber drei Mal auch die gleiche Stimmung?

Nürnberg, 04/05/2026

Den Zeitgeist nimmt Richard Siegal gern unter die Lupe. 2015 hat er sich dazu mit dem Komponisten und Neuinterpreten populärer Musikklassiker Uwe Schmidt zusammengetan, um choreografisch den Fokus auf Popkultur zu richten – und auf ein jugendliches Aufbegehren gegen Normen, das sich tänzerisch hochenergetisch Bahn bricht. „My Generation“, uraufgeführt vom Cedar Lake Contemporary Ballet, kommt als finaler Rausschmeißer des neuen Premierenabends „Les Ballet Actuels“ extrem rebellisch und explosiv-lässig daher. Unabhängig vom Alter wird das Publikum durch blitzschnelle Richtungswechsel, messerscharfe Bewegungspräzision und den ballettartig ins Extreme gepushten zeitgenössischen Tanzgroove mitgerissen.

Pate für den Titel war das Debütalbum der Band The Who. Pete Townshend schrieb damit 1965 Rock-Geschichte. Seinem wilden Ballett hat Siegal musikalisch Schmidts Coverversion zugrunde gelegt, sowie dessen Spoken-Word-Performance „Ich bin meine Maschine“, in der rhythmisch sprunghaft (als hätte jemand die Finger am Regler) von 20 bis 20.000 die für uns Menschen hörbaren Schallfrequenzen hochgezählt werden. Die Nürnberger Tänzerinnen und Tänzer performen durchweg wie eine Eins – mal bewaffnet mit Spitzenschuhen, mal smart in Socken. Vorneweg, fast provokativ-aggressiv mit roten offenen Haaren: Abigail Weber. In ihrem futuristischen Feel-Good-Künstlerkittel schafft sie es dermaßen virtuos auszuflippen, das man befürchten muss, ihre durch die Luft wirbelnden Beine könnten sich in den bald frei um sie herumfliegenden Gürtelschnüren verfangen.

Dass man „My Generation“ nun in völlig neuem Look präsentiert, ist eine Aufwertung. Passend zum wechselhaften Drive der Choreografie hat Flora Miranda jedem der 13 Interpreten mehrere Kostüme mit unterschiedlichen Hinguckern zugedacht. Zusammengenommen sind sie eine Show für sich – in solistischen Momenten, Duetten oder den wie elektrifiziert über die Bühne schnurrenden Gruppenformationen. Aber noch bevor diese sich überhaupt vollends im Raum entfalten können, zerfallen sie schon wieder. 

Quietschidel in Turnschuhen

Den Dreiteiler „Les Ballets Actuels“ verantwortet Siegal erstmals nicht allein. Zur Repertoire-Erweiterung konnte er Justin Peck und Kirsten Wicklund dazu bewegen, seiner Kompanie jeweils ein Werk anzuvertrauen. Ein Gewinn für das im Aufbau befindliche Ensemble, auch wenn Peck bloß für einen Tag anreisen konnte. Bei Andrew Scordato war die Einstudierung des vor positiver Energie nur so strotzenden Sneaker-Balletts in besten Händen.

Getanzt wird quietschfidel in Turnschuhen. Das Vokabular bedient sich im Fundus des Alltäglichen und besticht durch seine Leichtigkeit – sogar in schwierigen Hebungen. Musik der Dream-Pop-Band M83 diente Peck vor acht Jahren als Inspirationsquelle für das atmosphärisch im urbanen Raum angesiedelte Stück. Immer wieder finden sich die 14 Interpreten in Kreisen zusammen. Sie gehen und rennen. Drei Paare, darunter Karin Honda mit Partner Òscar Alonso, zirkeln ausgelassen umher. 
Alles ergibt sich aus dem jeweiligen Moment. 

Flüchtig, wie der Titel es verspricht und zugleich gespickt mit Wiederholungen, feiert „Hurry up, we’re dreaming“ die Freude am Leben und Sich-Begegnen. Als erste aus der Gruppe löst sich Luiza Yuk. Später prescht Seu Kim seinen Kollegen für eine kurze Soloeinlage voraus. Spontanität scheint sogar die treibende Kraft im Gefühlskosmos temporär miteinander enger verbundener Paare zu sein. Dabei arbeiten Margarida Neto (stets etwas abwesend-distanziert) und Pier-Loup Lacour im ersten großen Duett zum Song „Wait“ deutlich eine andere emotionale Qualität heraus als Luiza Yuk und Avery Reiners, die in „Splendor“ aufeinander vertrauen und mehr Innigkeit zulassen.

In sich gekehrte Stimmung

Ästhetisch aus dem Rahmen fällt Kirsten Wicklunds Mittelteil. „Overcast“, kreiert 2021 für das Ballett BC, spielt mit einer eher in sich gekehrten Stimmung. Basierend auf der Idee von Licht und Schatten bestand es ursprünglich einzig aus dem jetzt ersten Pas de deux. Tänzer und Tänzerin – beide in hautfarbenen Trikots – stehen leicht versetzt. Ihre durchtrainierten Körper werden von vorne mittels eines tragbaren Spots angestrahlt. Langsam, mit gefühlsfreien Schwüngen beginnen beide sich zu bewegen. Gemeinsam gehen sie in der elektronischen Klanglandschaft von Niharika Senapati auf eine architektonische Entdeckungsreise. 

Unisono jeder für sich, später auch miteinander verklammert scheinen Bendetta Musso (virtuos auf Spitzen) und Lucas Axel (kraftvoll-behutsam) von Pose zu Pose dieses eigenwillig schön dahinfließenden Duos dem Geheimnis klassischer Formgebung nachzuspüren. Begleitet werden sie dabei stets von den ihre Größe verändernden Schatten, die ihre Körper auf den hellen Hintergrundprospekt werfen.

Im zweiten Teil der erweiterten Choreografie gesellen sich mit Sarah-Lee Michalas/Giacomo Altovino und Renata Peraso/Samuele Ninci zwei weitere Paare hinzu. Wummernde Beats peitschen den Bewegungsfluss auf. Schlagartig wird raumgreifender getanzt. Das performative Tempo in der Gruppe zieht an. Bis am Ende die Regie erneut vom schwarzvermummten Träger des mobilen Lichts übernommen wird. Der Fokus dessen, was man noch sieht, verengt sich auf einen Tänzer. Und der taucht zum Schluss fast verschämt in die Dunkelheit ab.
 

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