„Yugen“ von Wayne McGregor, Tanz: Ensemble

Lockeres Fallen wie Wellenstürzen

„Visionary Dances“ mit Werken von Justin Peck, Wayne McGregor und Twyla Tharp am Wiener Staatsballett

Alessandra Ferri hat ihr erstes mehrteiliges Menü für das erneuerte Staatsballett angerichtet. Dichten Applaus erhält vor allem Tharps 40 Jahre alter Klassiker „In The Upper Room“.

Wien, 30/03/2026

Es ist kein einfaches Leben, das Ballettdirektor*innen an Mehrspartenhäusern in der A-Liga führen. Die von Opernintendanten ob ihrer Verkaufsträchtigkeit stets angezweifelten „Dreiteiler“, die den würzigen Saft ausmachen zu großen Abendfüllern, wollen für das hohe Eintrittspreise zahlende Publikum genüsslich arrangiert sein. Gleichzeitig sollen sie Neues, wenigstens Anderes als die Konkurrenz bieten, die Laune des Staatsopernorchesters erhalten, vor allem aber das Ensemble fördern und fordern.

Alessandra Ferri, die damit beschäftigt ist, ein neues Wiener Ensemble nach ihren Ideen zu formen, eröffnet ihre zweite Premiere, die sie aus erprobten Einkäufen zusammengestellt hat, mit „Heatscape“ (2015) einem Stück des New York City Ballet-Choreografen Justin Peck. Man mag sich das Miami City Ballet vorstellen, für das Peck seinen athletisch äußerst herausfordernden Post-Balanchine-Cocktail ausgerechnet zu Bohuslav Martinus Klavierkonzert Nr. 1 gemixt hatte. In Wien überzeugt Yoko Kikuchi am Klavier. Auf der Bühne wenig weißes Gewand an den 17 Tänzer*innen-Körpern, viel Sonne in der Staatsoper an diesem wetterbedingt eiskalten Abend. Gezügelte farbenfrohe Street Art von Shepard Fairey als Wandtapete. Drei Sätze, zwei Tanztrios, die ein ruhiges Duo mit der formgestalterischen Tänzerin Milda Luckuté einrahmen und ein munteres Ensemble, das um Tempo und hohe Beinkicks im Sprung wie out oft he blue nicht verlegen sein darf. Ein unbefangen wirkendes Gute-Laune-Stück, das die Augen nicht zur Ruhe kommen lässt und die musikalische Reaktionsschnelligkeit der Tanzenden austestet.

Kontakt zur Gemeinschaft

Wayne McGregors untypisches, meditatives Stück „Yugen“ (2018) zu Leonard Bernsteins vom intensiven Arnold Schönberg-Chor unter Erwin Ortner hebräisch gesungenen „Chichester Psalms“ erhält stehende Ovationen. Die dichte Bernstein-Atmosphäre generiert in erster Linie Dirigent Gavin Sutherland im Orchestergraben und Dominik Baumgartners Knabenstimme. Oben hohe edle Lichtvitrinen, manch einer sieht sie als Tempel, von Keramiker und Erfolgsautor mit familiär-historischem Wien-Bezug Edmund de Waal („Der Hase mit den Bernsteinaugen“, Zsolnay 2011). Gestalten in granatapfelroten lockeren Stoffen, eingekleidet von Shirin Guild, eine solistische Figur, getanzt von Victor Caixeta, die am Ende ihr Du oder besser einen Kontakt zur Gemeinschaft findet. Die „Lieder des Exils“ wie de Waal die Psalmen nennt, zu erfassen, ebenso wie McGregors Bewegungs-Atmen braucht mehr als einmal Hinschauen, vielleicht auch mehr Raum und noch mehr Bernstein insgesamt. 

Bleibt noch das Wiener Wiedersehen mit US-Ikone Twyla Tharp, dieses Mal mit „In The Upper Room“: Mit unbestechlichem Bewegungswitz aus Moderne, Klassik, Sport, Alltagsverhalten und musikalischer Präzision erstellte sie 1986 eine neunteilige Choreografie entlang euphorisierender Klänge von Philip Glass. Damals wirkte der Aufeinanderprall der Bewegungsabteilungen umstürzlerisch. Heute gehören sie zu einem inklusiven choreografischen Verständnis. Stop and go, Sneakers und Spitzenschuh, präzise Turns, lockeres Fallen wie Wellenstürzen. Was für ein Spaß (für die Zusehenden). Wie fein auch, wieder einmal einen originellen Lichtraum von Meisterin Jennifer Tipton zu sehen; „Haze“ hat ja wieder Konjunktur auf der Bühne. Norma Kamalis Dresses aus den 1980ern haben Charme, sind, sozusagen, doppelt second hand, weil von der Dresdner Staatsoper ausgeborgt. 

Um ihre Dynamik, Durchhaltevermögen, mathematischen Genauigkeitsbestrebungen  und gestalterischen Akzente, befördert durch Tharps hinreißende Assistentin Shelley Washington, sind beneidenswert: Chiara Uderzo, Mila Schmidt, Timoor Afshar, Giorgio Fourés, Hanno Opperman, Isabella Knights, Meghan Lynch, Francesca Cesaro, Duccio Tarriello, Gaia Fredianelli, Gabriele Aime, Margarita Fernandes und Václav Lamparter.

Ein Fragezeichen aber bleibt: „Visionary Dances“?

 

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