Blinde (Selbst-)Zerstörung
Double-Bill „Drifting Out / Bolero“ am Theater Magdeburg
Ein Tanzabend mit dem Titel „Joy“, klar dass das der Seele in diesen Zeiten guttut. Die klassische Kompanie des ehemaligen Pariser Tänzers Éric Quilleré an der Opéra National de Bordeaux wagt sich dabei auch an zeitgenössische Stücke von Alexander Ekman und Justin Peck heran. Im Mittelpunkt steht aber die Uraufführung von „L’Amour sorcier“, einer Neusicht von Manuel de Fallas „Liebeszauber“ durch die Baskin Iratxe Ansa und den in Spanien lebenden Igor Bacovich.
Das Stück bietet sich eigentlich für eine moderne Lesart an, wird die junge Frau Candela doch heimgesucht von den Erinnerungen einer offenbar toxischen Beziehung, die sich in Gestalt des Geists ihres toten Geliebten in ihre Versuche einer neuen Beziehungsfindung drängt. Das Choreograf*innenpaar wählt allerdings gerade kein realistisches Setting, sondern bleibt in einer märchenhaften Abstraktion, die freilich die bedrohliche düstere Seite des psychologischen Konflikts nicht ausblendet.
Candela in einem Lichtkegel, die an ihrem Kleid zerrt, beunruhigt, nervös, als müsse sie sich befreien. Da schiebt sich der ehemalige Geliebte ganz in Schwarz in diesen Kegel, umfasst sie von hinten mit Bewegungen, die sie nicht will. Aber auch er ist offenbar ein Getriebener. Dämonen in roten Trikots tauchen auf und schleppen den noch Widerstrebenden davon. In der Folge ist er dann einer von ihnen, stört wie die Arme und Köpfe, die sich surreal aus der Wand nach ihr drängen, die Kreise seiner Ex.
Die Beziehung zu ihrem Neuen, Carmelo, ist weich angelegt, er naht ihr eher anhimmelnd vom Boden, in balancierenden Schritten und wird auch mal von ihr getragen. Aber man muss sich seinen Dämonen stellen. Candela bittet die Hexe um den Liebeszauber, man könnte sagen, entdeckt in dieser Freundin ihr anderes, sinnliches Ich, und diese kann nun im Kampf mit dem toxischen Geist ihres Ex-Geliebten auch siegen. Diese Alter-Ego-Figur hat am ehesten die Körperwindungen und die zackige Dynamik des Flamencos, scheint sich mit dem Dämon am langen Arm zu messen, mal schleppt er sie, mal zieht sie ihn, sie reitet letztlich auf seinem Körper und drückt den Begehrenden nieder, geschlagen mit seinen eigenen Mitteln.
Der Weg ist frei für das neue Glück: Ihrer sinnlichen Stärke bewusst, wirft sich Candela in einen ungewöhnlichen Pas de deux, bei dem sie auf dem Schenkel Carmelos zu stehen kommt, er sie raffiniert auf die Schultern dreht, nach der Begegnung mit den Dämonen scheint nun mehr Pfeffer in ihrer Beziehung. Ansa und Bacovich haben die neoklassische Basis ziemlich weit ausgereizt bei den Solist*innen, nicht in der Gruppe. Das Setting könnte noch mehr psychologische Abstraktion vertragen.
Aber immerhin gibt es hier eine. In Justin Pecks „Hurry up, we’re dreaming“ ist sich die getanzte Lebensfreude selbst genug. Uraufgeführt vom San Francisco Ballet 2018 und inspiriert von Spaziergängen ebendort, zeigt er ein „fröhlich hopsendes“ Amerika, das es schon damals nicht gegeben hat. Träumen schön und gut, aber ohne alle Schattenseiten wirkt das ziemlich oberflächlich, ja verlogen. Der Kompanie in Turnschuhen, sich erst aus einer Schneckenfigur rausjoggend und am Ende, Hand in Hand, wieder in den Kreis findend, sollte zumindest in den Individualszenen etwas mehr Beziehungskomplexität abverlangt werden. Ansonsten Neoklassik in Sneakers, mit Pirouetten und Drehsprüngen.
Da tanzt Alexander Ekman ganz anders aus der Reihe. Sein titelgebendes Stück „Joy“ ist subversiver Humor, der mit Tanzfreude Formen aufbricht und Konventionen in Frage stellt. „Werden Sie morgen im Büro auch tanzen?“ Wie viel ist echt an der Freude klassischer Grätschsprünge, wie schnell kriegt ihr die Klamotten vom Körper, und lasst endlich die Schläppchen fallen. Barfuß ist offenbar ein Angehen bei klassischen Tänzern, nach dem Experiment mit den Stöckelschuhen haben viele schnell wieder ihre Schläppchen an. Aber es ist herzerfrischend, wie sie alle, von Off-Kommentaren getrieben, aus den Spitzenreihen fallen, schreien, springen und sich schütteln. Eine Tänzerin geht sogar ins Publikum, fächelt sich und lacht aus vollem Hals. Ansteckend für die Kompanie, das Publikum bleibt vorsichtig. Im Palais Garnier haben sie bei „Play“ sogar Ball gespielt. Kommt bestimmt noch in Bordeaux. Bis wir’s dann auch im Büro tun, schauen wir mal. Ekman macht Mut, sich zu hinterfragen. Ein umjubelter Rausschmeißer dieses vielseitigen Abends.
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