„Drifting Out“ von Iratxe Ansa und Igor Bacovich, Tanz: Ensemble

Blinde (Selbst-)Zerstörung

Double-Bill „Drifting Out / Bolero“ am Theater Magdeburg

Ein Lamento von Mutter Erde und noch ein Boléro: Die zurückgelehnte Interpretation im Orchestergraben hält einen Abend mit zwei ganz verschiedenen Stücken mühelos zusammen.

Magdeburg, 15/02/2026

Boléro und kein Ende. Düsseldorf, Mannheim, München, Gelsenkirchen oder die Landesbühnen Sachsen in Radebeul: In Deutschland grassiert offenbar das Boléro-Fieber. Dann eben halt auch in Magdeburg. Dort hat Yaron Shamir die Choreografie übernommen und dabei alles richtig gemacht. Die Tänzer*innen sind völlig kongenial im Ausdruck. Es hat sich inzwischen rumgesprochen, welche Wirkung in Sachen Authentizität im Ausdruck es mit sich bringt, wenn das Bewegungsmaterial gemeinsam mit den Tänzer*innen entsteht. Und in diesem Fall kann man das besonders gut sehen.

Den Anfang machen aber das Choreografen-Duo Iratxe Ansa und Igor Bacovich, die mit „Drifting Out“ ein Ensemble-Stück zeigen, das sie 2022 für das Bern Ballett erarbeitet hatten. In Düsseldorf hatten sie in der letzten Spielzeit mit „Moto Perpetuo“ ein Stück auf die Bühne gewuchtet, mit dem sie die großen Emotionen gründlich ausgewalzt haben, das Exaltierte, das Überbordende. Auch in ihrem „Drifting Out“, für das sie erstmalig mit dem Magdeburger Ensemble zusammenarbeiten und aus dem sie sich selbst zwölf der Tänzer*innen herauspicken durften, sind wieder die weit gespreizten Finger der offenen Hände sichtbar, die wörtliche Gespanntheit bis in die Fingerspitzen.

Das Klima kippt. Es ist zu spät.

Es ist ein „kleineres“ Stück, keine halbe Stunde lang. Mit einer Komposition des Polen Henryk Górecki gehen sie mit emotionalen Mitteln in das Thema Klimakrise, das Górecki der Komposition zugrunde gelegt und dafür auch drei Lieder geschrieben hat. Die Sopranistin Anna Malesza-Kutny singt hier eins davon, ein Lamento, für das sie allegorisch Mutter Natur verkörpert. Das Ensemble streckt ihr bei ihrem Auftritt sehnsuchtsvoll die Arme entgegen, aber da ist es schon zu spät. Ihre anfangs so unschuldig weißen Kostüme überziehen sich langsam mit schwarzen Schlieren. Es geht dahin, das Klima kippt. Die weißen Wände, zwischen denen sich die Tänzer*innen mit ihren inneren Konflikten sichtbar abmühen, kommen bedrohlich immer näher, bis sie auseinanderkippen. Alles zerfällt. Schwarze Flüssigkeit rinnt ästhetisch in dünnen Rinnsalen die Wände herab. Zu schön ist dieser Verfall, als dass er als Mahnung funktionieren könnte. 

Allerdings auch nicht schön genug, um zu übertünchen, wie schwierig es eben ist, sich als Tänzer*in die ungewohnte Bewegungssprache eines neuen Stücks zu eigen zu machen. Zur Premiere wirkte das stellenweise noch etwas blutleer und in der Interpretation nicht ganz emotional überzeugend. Wie in den meisten Fällen wird das mit den weiteren Vorstellungen sehr wahrscheinlich noch weiter rundgefeilt werden.

Sucht frisst die Seele auf

Denn dass das Ensemble ganz anders kann, wird in Yamirs „Boléro“ von Anfang an unmissverständlich sichtbar. Auf ganze 40 Minuten ist diese Uraufführung ausgebaut, indem vor dem berühmten treibenden Crescendo eine wunderbare Komposition der Amerikanerin Missy Mazzoli steht. Die rollt einen überraschend vielfarbigen Klangteppich aus, der auf verblüffende Weise das Feld für Ravels Komposition als Finale vorbereitet. Ganz entscheidend trägt dazu auch Generalmusikdirektor Christian Øland am Pult bei. So zurückgelehnt, wie er die Magdeburgische Philharmonie durch alle Noten leitet und selbst im unwiderstehlichen Treiben Ravels völlig entspannt die Ruhe bewahrt, ist auffällig sensibel. Dass Øland wirklich was von Ballettmusik versteht, merkt man jeder einzelnen Note an. 

Das genießt auch das Ensemble sichtlich, das mit Shamirs Stück eine Auseinandersetzung mit der Falle Sucht umsetzt. Dazu reißt Shamir zwei Personen auseinander, die eigentlich zusammengehören: Fiammetta Gotta verkörpert das Gewissen und hat mit Joel Dettori die Seele an ihrer Seite. Eigentlich. Zu anfangs stecken beide in fast identischen blutroten Kleidern mit ausladenden Reifröcken. Aber die Seele verfällt der Versuchung in Form eines Bewegungschors, der die Verführung verkörpert. In schwarzen Kostümen stecken die Tänzer*innen, mit harnessartigen Oberteilen und blutrotem Innenleben ihrer frontal hochgeschlitzten Röcke. Ihre Botschaft ist nicht misszuverstehen. Sie lassen nicht locker. Das Kleid ist das Erste, was die Seele verliert. Und bei weitem nicht das Letzte. 

Kampf des Gewissens

Die Bewegungssprache wirkt in keinem Moment aufgesetzt. Ganz natürlich werden auch konkrete Gesten eingesetzt. Wenn Fiammetta Gotta gleich am Anfang ihre bloßen Arme vorstreckt, mit den Handgelenken nach vorn, ist eine Assoziation zur Heroinspritze nicht abwegig. Später, wenn die Seele ihren Tod bildschön unter roten Blütenblättern findet, scheint sie sich langsam die Pulsadern aufzuschneiden, verlängert die Geste unkontrolliert den ganzen Arm hinauf, bis schließlich noch der Hals drankommt. Sucht hat viele Auswirkungen. Kapitulation in der Selbstzerstörung.

Der innere Kampf, den das Gewissen mit sich selbst ausfechten muss, funktioniert ganz beeindruckend, während ohne jeglichen Bruch das Stück zu Ravels Klassiker übergeht. Hier lässt Shamir aber eine große dramaturgische Lücke, indem er über längere Szene drei mal vier Tänzer*innen auf drei Etagen eines hohen Gerüsts im Hintergrund agieren lässt. Das bringt nichts mit sich außer reine Illustration, ein bisschen wie ein geduldiges Erwarten des fulminanten Schlusses. Der bringt immerhin die Seele zurück. 

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