Wenn Neues entsteht

Uraufführungen von Bill T. Jones und Raja Feather Kelly, Tanz Company Gervasi und Tao Ye / TAO Dance Theater bei ImPulsTanz in Wien.

Bill T. Jones und Raja Feather Kelly zeigen, wie die Begegnung zweier unterschiedlicher Tänzergenerationen aussehen kann. Elio Gervasi lässt sich von Trisha Brown und Merce Cunningham inspirieren. Und Tao Ye erweitert das von ihm entwickelte Circular Movement System.

Wien, 03/08/2026

Mit Affirmationen beginnt „The (a) Point Between 2 (or more) Confessions“, die ein Mann einem Kleinkind vorsagt. Dieses hat beim Wiederholen noch sprachliche Schwierigkeiten. Im Verlauf des Abends erfahren wir, dass hier Raja Feather Kelly mit seiner zweieinhalbjährigen Tochter spricht. Begonnen hat die Zusammenarbeit von Bill T. Jones und Kelly bereits 2020 – damals noch als Mentorenschaft. Daraus entwickelte sich ein mehrjähriger Austausch zweier beeindruckender Künstler unterschiedlicher Generationen. Das sehr dichte Stück ist keine Dokumentation dieses Austausches, sondern beinhaltet eine Vielzahl unterschiedlicher Themen wie Liebe und den Umgang mit derselben, gescheiterte Beziehungen, das Streben nach Perfektion oder auch Sexarbeit. Aber auch, dass Bill T. Jones bei seinem ersten Auftritt in Berlin vom Deutschen Kritikerverband als „betörender Affentänzer“ bezeichnet wurde. Viel Unterschiedliches ist in dieses Stück hineingepackt und nicht alles ist gleich nachvollziehbar. Eine stringentere Dramaturgie wäre hier hilfreich gewesen. Und doch denkt man noch länger über diesen Abend nach – vielleicht auch, weil gegen Ende Kelly Herausforderungen in seinem Leben anspricht und man hier noch einmal Affirmationen hört. Choreografisch ist es eine Mischung aus Bill T. Jones Bewegungssprache und zeitgenössischen Elementen durch Kelly. Dieser besticht auch mit außergewöhnlicher Ausstrahlung und Bühnenpräsenz. Verdiente Standing Ovations für Raja Feather Kelly und Bill T. Jones, der zur Uraufführung nach Wien gekommen ist. 

Leichtigkeit und Komik

Der in Wien ansässige italienische Choreograf Elio Gervais beschäftigt sich schon lange mit der Bewegungssprache von Trisha Brown und Merce Cunningham. Browns ikonisches Stück „Set and Reset“ hat er 1983 zum ersten Mal gesehen. „Shifting Lines“ ist ein zweiteiliger Abend und der Titel ist Programm. Denn Gervasi gelingt es, das Bewegungsmaterial zu achten und dennoch ins Heute zu holen. Man denkt dabei an den Spruch „Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Bewahrung der Asche“. Er spielt vor allem mit Cunninghams Komik, aber auch dessen Mischung aus klassischer Beinarbeit und unabhängigem Oberkörper sowie Browns Leichtigkeit. Dazu besitzt er das Talent mit einer größeren Gruppe an Tänzer*innen – hier sind es neun, die sich die jeweiligen Stile gut angeeignet haben – zu arbeiten. Hanna Hollman und Marco Antonio Hernandez Rojas haben für den ersten Teil, der Cunningham zugeeignet war, den Tänzer*innen bunte Ganzkörpertrikots angezogen. Für den zweiten Teil haben sie helle luftige Outfits mit geometrischen Mustern entworfen, die sich leicht voneinander unterscheiden. Beeindruckend auch Gervasis Bühnenmalerei. 

Wer wollte, konnte den direkten Vergleich haben, denn wenige Tage vor Gervasis Uraufführung waren „Set and Reset“ und Merce Cunninghams „Travelogue“ von der Trisha Brown Dance Company with Merce Cunningham Trust unter dem Titel „Dancing with Bob: Rauschenberg, Brown & Cunningham on Stage“ bei ImPulsTanz zu sehen. Hier konnte man erkennen, wie zeitlos diese beiden Stücke sind und warum beide den Tanz geprägt haben. Eine kleine Anekdote zu „Set and Reset“ war in einem anderen Stück noch zu hören. Anne Teresa de Keersmaeker erzählt in ihrem Duo „A little bit of the moon“, dass sie, nachdem sie „Set and Reset“ gesehen hatte, überlegt hatte, doch nicht zu choreografieren, weil sie so beeindruckt gewesen ist und sie der Meinung war, dass nichts Neues mehr kommen kann. Zum Glück hat sie weitergemacht.

Meditative Wiederholungen 

Das TAO Dance Theater war letztes Jahr zum ersten Mal bei ImPulsTanz zu Gast und kam heuer mit der Uraufführung „18“ wieder nach Wien. Davor war „16“ zu sehen, das man schon vom letzten Jahr kannte. Tao Ye bleibt seiner Idee treu: die Stücke werden durchnummeriert und die Nummern bestimmen die Anzahl der Tänzer*innen. Zwei Quadrate zu je 9 Tänzer*innen sind auf der Bühne zu sehen. Diese Quadrate bewegen sich durch den Raum, agieren dabei unabhängig voneinander. Erst gegen Ende kommt es zu einer Verschmelzung, wobei anfangs noch zu erkennen ist, wer zu welchem Quadrat gehört hat. Ye hat mit dem Circular Movement System eine eigene Technik entwickelt, welche die Tänzer*innen perfekt beherrschen. Dabei läuft alles sehr fließend und rund ab. Synchronität wechselt sich mit Bewegungen, die als Wellen fortlaufen, oder im Kanon stattfinden ab. Viele Wiederholungen erzeugen einerseits eine meditative Stimmung, andererseits kommt mit der Zeit aber auch Langeweile auf. Spannung entsteht vor allem durch den treibenden Beat in der Musik und die Lichtregie von Ye, die oftmals die Bühne nur wenig erhellt und mit Blackouts Akzente setzt. Dennoch ist es fein, dass Ye rein auf die Kraft des Tanzes für seine immer gut halbstündigen Stücke vertraut, auch wenn man sich etwas mehr Abwechslung wünscht. 

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