Wenn Neues entsteht
Uraufführungen von Bill T. Jones und Raja Feather Kelly, Tanz Company Gervasi und Tao Ye / TAO Dance Theater bei ImPulsTanz in Wien
Auch wenn man es nüchtern betrachten will, stellt man fest, dass es eigentlich ein Wahnsinn und vor allem eine logistische Meisterleistung ist, was das Team rund um Intendant Karl Regensburger bei ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival 2026 wieder auf die Beine gestellt hat.
In nur 31 Tagen wurden 56 Produktionen – darunter 12 Uraufführungen – von 51 Compagnien bzw. Künstler*innen von vier Kontinenten in 136 Vorstellungen mit einer Auslastung von 100 Prozent (53.500 ausgegebene Karten) gezeigt. Dazu kamen 240 Workshops während des Festivals und bereits ab Mai 361 Public-Moves-Tanzklassen (das sind kostenlose Tanzklassen für Alle) an elf Orten in Salzburg, Oberösterreich, Kärnten und Wien. In Summe zählte man so ca. 100.000 zahlende Besucher*innen und noch einmal so viele bei freiem Eintritt. Bei einem Gesamtbudget von ca. 10,8 Millionen wurden ca. 48 % selbst aufgebracht durch Kooperationen, Sponsoring und Einnahmen. Diese Statistik kann sich durchaus sehen lassen!
Zum Zustand unserer Welt
Auffallend war dieses Jahr, dass sich die Künstler*innen mit der aktuellen Zeit auf ganz unterschiedliche Art und Weise beschäftigen. Da stellte die griechische Tanzkünstlerin Chara Kotsali in „IT'S THE END OF THE AMUSEMENT PHASE“ so manche Entwicklungen der letzten Jahrzehnte und ihren Nutzen für die Menschheit in Frage. Wir flogen zwar zum Mond, aber den Hunger auf der Welt konnten wir nicht besiegen. Die drei Performer*innen gehen dabei bis an den Rand der Erschöpfung.
Die in Frankreich lebende griechische Choreografin Katerina Andreou zeigte in „Bless This Mess“ vier Tänzer*innen, die anfangs von sich einer ständig wiederholenden Melodie von nur acht Takten angetrieben werden. Da wird kein Stillstand zugelassen. Es muss immer weitergehen. Auch wenn man nicht mehr weiterkann.
Ständig in Bewegung war auch der österreichische Choreograf Philipp Gehmacher bei der Uraufführung seines Solos „doors open close“. Gezeigt im mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien in der Architektur des verlassenen Studios der georgischen Künstlerin Tolia Astakhishvili, bezog er auch den Raum stark mit ein. Immer wieder verschwand er hinter Wänden, entzog sich damit dem voyeuristischen Blick des Publikums. Dazwischen Überlegungen, wie man über Tanz aber auch den Wahnsinn dieser Welt heute sprechen kann und ein Bedauern, dass er mehr tanzen hätte sollen.
ImPulsTanz-Classics
Einen besonderen Stellenwert nehmen bereits seit einigen Jahren Stücke der letzten Jahrzehnte ein. Bereits zum dritten Mal nach 1997 und 2009 war „MAY B“ von Maguy Marin zu sehen. Darin irren zehn rätselhafte Personen scheinbar ziellos herum, suchen einen Platz auf dieser Welt. Inspiriert unter anderem vom absurden Theater Samuel Beckets hat Marin vor 45 Jahren ein Stück geschaffen, das sehr heutig wirkt und nichts an Aktualität verloren hat.
Seit 1989 ist Wim Vandekeybus fast jährlich bei ImPulsTanz zu Gast. Heuer mit seinem Erstlingswerk von 1987 und seiner neuesten Kreation „Void“. „What the Body Does Not Remember“ hat er um eine siebzehnminütige Schlussszene erweitert, da er vor allem den Umgang mit Frauen in seinem Stück aus heutiger Sichtweise konnotieren wollte. Nichtsdestotrotz wirkt auch diese Stück zeitlos und ob der fliegenden Steine und Körper atemraubend. Dass sich sein Stil über die letzten Jahrzehnte verändert hat, aber Vandekeybus sich trotzdem treu geblieben, ist konnte man in „Void“ sehen. Noch immer sehr stark theatralisch arbeitend, zeigte er hier Personen, die die Welt anders wahrnehmen als der Großteil der Menschen. Allerdings fliegen nun keine Steine mehr durch die Lust, sondern Teller, die dann zerschlagen werden.
Auf den Tanz vertrauend,
Amala Dianor setzte in der Uraufführung von „Underflow“ auf die Kraft des Tanzes, ohne eine Geschichte erzählen zu wollen. Die elf diversen Tänzer*innen der Compagnie Amala Dianor / Kaplan kommen aus unterschiedlichsten Streetstyle-Strömungen. Ihren eigenen Stil bewahrend, fanden sie in den Gruppenszenen immer wieder zu einer erstaunlichen Einheit. Ihr Können durften sie auch bei der ImPulsTanz-Party im Wiener Rathaus zeigen. Darüber hinaus unterrichteten sie auch bei acht Public-Moves-Klassen.
Zum ersten Mal in Wien zu sehen war die südkoreanische Choreografin Eun-Me Ahn. Sie nimmt viele Elemente aus traditionellen asiatischen Tanzströmungen, Kampfsportarten sowie Artistik und vermischt diese neu, wobei sie auch zeitgenössische Elemente verwendet. So entstehen große bildgewaltige bunte Stücke mit unzähligen Kostümen. Ihr neuestes Stück „Post-Orientalism Express“ enttäuschte etwas, weil es doch noch sehr im (europäischen) Orientalismus-Bild verhaftet geblieben ist. Doch das zweite gezeigte Stück, „North Korean Dance“ aus dem Jahr 2018, entpuppte sich als sehr spannend und vor allem viel heutiger und freier im Umgang mit Traditionen.
Einst Frontfrau bei Edouard Locks Kompagnie La La La Human Steps, zeigte Louise Lecvalier in ihrem Solo „danses vagabondes“, dass sie auch mit 67 Jahren noch immer voller Energie ist und ständig in Bewegung sein kann.
Was bleibt ...
Auch wenn man versucht ist, bestimmte Strömungen festzustellen, so muss man doch festhalten, dass Tanz 2026 sehr plural gesehen werden kann. Ich selbst habe 31 Produktionen gesehen. Viel zu viel, um über jede ausführlich zu schreiben. Vielleicht sollte ich doch nächstes Jahr etwas weniger anschauen – aber wenn man das Festival in der eigenen Stadt hat, so kann man sich diesem Sog nicht entziehen. Auffallend war für mich zum einem, dass wieder mehr getanzt wird und man manches Mal auch nur reinen Tanz gesehen hat. Zum anderen war festzustellen, dass sich viele Choreograf*innen mit aktuellen Themen beschäftigten. Allerdings hat man dieses Mal kein Stück gesehen, das einen solchen Eindruck hinterlassen hat, dass man es für eine ImPulsTanz-Classic-Vorstellung in zehn Jahren geeignet hält.
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