Wind in grünem Fell
„Trapicana“ eröffnet Tanz im August
Wenig zuversichtlich klingen die Titel des zweiten Festivaltages bei Tanz im August. Chara Kotsali stellt zusammen mit ihren Tänzerinnen Sofia Pouchtou und Christina Skoutela im HAU2 fest „It’s the end of the amusement phase“, und Marco da Silva Ferreira ruft im Radialsystem ähnlich entschlossen aus: „F*cking Future“. Wer hier eintritt, lässt offenbar alle Hoffnung fahren. Immerhin, es darf noch getanzt werden.
Der Zustand der Welt: schrecklich
Kotsalis Trio-Arbeit, die als Deutsche Erstaufführung zu sehen ist, entpuppt sich denn als eine Art Requiem auf die nicht ganz klar definierte Phase der Unterhaltung. Die drei streifen durch Tanzstile des 20. Jahrhunderts, Torten fliegen auf den Boden, Fahnen werden geschwungen, dazu ballern Jahreszahlen auf das Publikum ein, die an Kriege, Aufstände oder auch die Geburtsjahre der Tänzerinnen erinnern. Zwischendurch wird eine E-Gitarre malträtiert und ein langes manifestartiges Pamphlet verlesen, das dann wiederum ganz heutig daherkommt. Die drei drehen und wenden sich in beeindruckender Synchronität miteinander, umeinander oder auch ins blanke Pausenlicht, um einmal durchzuatmen. Doch so ganz springt der Funke nicht über, bleibt das Bühnengeschehen seltsam verkopft und konzeptionell überfrachtet. Das bremst die Dynamik aus. Auf der Bühne zu sehen ist ein Ergebnis, aber keine Suche, kein Fragen, kein Raum für Ambivalenzen, sondern übersättigte Bedeutungsschwangerschaft, auch ausgelöst durch im Grunde kaum aufnehmbare Textflächen, wie sie gerne auch Kae Tempest serviert. Dieses Zu-viel-gewollt transportiert am Ende zu wenig, als dass es wirklich ein glückliches Ende nimmt mit dieser Phase des Amüsements.
Auch die Zukunft scheint zunächst düster. Über die Arenabühne kreist schon beim Eintreten ein Laserkreis, der über den schwarzen spiegelglatten Boden ins Gebälk reflektiert wird. Marco da Silva Ferreira lässt seine acht Tänzer*innen in „F*cking Future“ in roboterhaften Bewegungen zu elektronischen Drops auftreten. In perfekter Synchronität und einer Art angedeutetem Moonwalk lassen sie ihre Schultern zucken, begeben sich mal in eine Reihe, mal in eine andere Formation. Dazu tragen sie schwarze Lackhosen und eine Art Kettenhemd auf der nackten Haut mit freien Rücken und greller Schminke. Einige haben blutunterlaufene Augen, andere weiße Gesichter.
Das mechanische Ballett, das hier abschnurrt, entfaltet zusammen mit dem Licht von Teresa Antunes und Rui Monteiro sowie der elektronischen Musik von Rui Lima und Sérgio Martins einen fast schon hypnotischen Sog. Immer mehr aber finden sie sich in den strammen Beat-Sequenzen anderer Musikformen ein wie Samba. Das formatierte Bewegungsvokabular öffnet sich, bei gleicher Schrittsynchronität individualisieren sich die Tanzenden, ohne aber auszubrechen: minimale Verschiebungen, minimale Individualisierungen und zugleich immer wechselnde Muster. Das Publikum nimmt gebannt Anteil an dieser Menschwerdung der Androiden, die irgendwann sogar chorisch anfangen zu singen, sich gar berühren und dann über die Tribünen in die Freiheit zu tanzen: „Come on, dream on, dream baby dream.“ Vielleicht wird die Cyborg-Zukunft ja doch gar nicht so schlimm wie befürchtet.
Philosophien des (Nicht-)Verstehens
Geradezu philosophisch wird Mohamed Toukabri in seinem neuen Solo, in dem er in den Sophiensälen darüber sinniert, wie das denn so ist mit dem Übersetzen und Verstehen von Tanz, wenn man den Körper vor allem als Archiv von Bewegungen betrachtet. Dass es ein komplexes Thema wird, zeigt schon der Titel des Abends: „Every-Body-Knows-What-Tomorrow-Brings-And-We-All-Know-What-Happened-Yesterday“. Alles klar? Eben. Denn es ist nicht alles klar und jemand, der sich professionell damit beschäftigt, Tanz in Text zu übersetzen (zum Beispiel in diesen hier), wird hier kenntnisreich über das permanente Scheitern-Müssens seiner Profession informiert. Ja, es bleibt kompliziert.
Der Abend wiederum ist es eigentlich gar nicht. Es gibt eingesprochene Texte und Untertitel, die verwendeten Sprachen sind dabei Deutsch, Englisch und Arabisch. Dazu tanzt Tokabri mit einer weiß-rot-grünen Bandana über die Bühne. Mal erinnert das an Hip-Hop und Breaking, mal simuliert er Ballettposen, doch vor allem macht er sein Ding. Dieses Aufnehmen von bekannten Moves fällt schon auf, und wenn er im Headfreeze ins Publikum blickt, zeigt das schon eine Verortung. Eine Eindeutigkeit hingegen fehlt, und wenn auf einmal die Untertitel feststellen, dass der gesprochene Text erstmal nicht übersetzt wird, bricht dieses bis dahin unspektakuläre Dance-Piece auf einmal auf.
„Manchmal wirkt Undurchlässigkeit wie eine Mauer, ist aber nur eine Haut“, heißt es da etwa. Mit Scheinwerfern, die von hinten auf einen Gaze-Vorhang ballern, mal punktförmig, mal als Linie, tanzt Tokabri sich, jetzt mit dickem Mantel und ganz in Schwarz gekleidet, zum Kern der Frage vor. Was gebe ich ich preis, was verberge ich, was mache ich mit dem Archiv, das in meinem Körper steckt? Dem Willen nach Verständnis stellt er die Undurchlässigkeit entgegen, wie die Tanzmoves, die sich unter seinen dichten Kostümschichten verbergen und kritisiert zugleich den als weiß gelabelten Blick des Enthüllens. Ein wahnsinnig spannender getanzter Essay, der Wahrnehmungsmuster und -absichten hinterfragt und eine fast schon radikale Künstlerposition gegen den Willen zum Wissen und zum Verstehen stellt – und zugleich auch eine Befreiung sein kann.
Zu guter Letzt noch ein Blick ins Bad. Nicht ins Bad an der Volksbühne, wo alte weiße Männer geifernd kleinen schwarzen Kindern das Schwimmen verbieten, sondern ins (ehemalige) Stadtbad Oderberger im Prenzlauer Berg. Hier zeigt Dana Michel als Deutschlandpremiere ihre wunderbare Clownsnummer „You cannot can“, ein Versuch über das Schwimmen oder auch das Nicht-Schwimmen. Eine Stunde lang versucht sie in ihrem schwarz glänzenden Badeanzug mit weißen Kniestrümpfen und einer Perücke, die das gesamte Gesicht bedeckt, ins Wasser zu kommen. Dabei spielt sie sich in ständigem Stocken und wohltemperierter Langsamkeit durch die Rituale des Bades: das Liegen auf der Decke am Strand, die Dusche (aus einem Kochtopf), das Umkleiden (in eine rote Strumpfhose) und schließlich das Anlegen der Hilfsmittel, um nicht unterzugehen, was den Badevorgang zu einer grotesken Monstrosität macht. Michel exerziert das Groteske, stellt es aus in einem unglaublich trockenen Humor zu einem doch sehr feuchten Thema. Sie zerdehnt und absurdisiert die Vorgänge in bester clownesker Tradition und das Publikum auf seinen Handtüchern und den Füßen im Becken ist schlicht gebannt von diesem Nonsens, der doch nur ein Ziel hat: Ab ins Wasser!
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