„My Fierce Ignorant Step“ von Christos Papadopoulos

Zum Zustand unserer Welt

„My Fierce Ignorant Step“ von Christos Papadopoulos und „Muette“ von Boris Charmatz / Terrain bei ImPulsTanz

Der Zustand unserer Welt ist kein erfreulicher. Die politische, ökologische aber auch wirtschaftliche Situation lässt einen manchmal verzweifeln. Toll, dass sich ImPulsTanz mit mehreren Stücken diesem Thema annimmt.

Wien, 14/07/2026

Die Eröffnungsproduktion „My Fierce Ignorant Step“ des griechischen Choreografen Christos Papadopoulos, der zum ersten Mal bei ImPulsTanz zu Gast ist obwohl er mit dem „Mythos ImPulsTanz“ aufgewachsen ist, wie er selbst sagt, ist eine interessante Reaktion auf das aktuelle Weltgeschehen. Er möchte nämlich mit seinem Stück das Publikum in seine Jugendjahre zurückversetzen, als die Welt scheinbar noch in Ordnung gewesen ist. Das gelingt ihm auch. Die zehn Tänzer*innen gehen, laufen oder springen über die Bühne. Anfangs wirken die Bewegungen zu einem rhythmischen Klicken wie von spielenden Kindern. Erst nach einiger Zeit kommt Musik, die langsam anschwillt - Kornilios Selamsis hat ein sehr dichtes orchestrales Werk komponiert. Mit der Zeit ist auch der Atem der Tänzer*innen elektronisch verstärkt zu hören, manchmal begleiten sie mit Lauten ihre Bewegungen, die größer und schneller werden.

Auch wenn die choreografische Handschrift nicht sehr originär erscheint, man fühlt sich teilweise an Anne Terese de Keersmaekers „Fase“ im Schnellvorlauf erinnert, so fasziniert doch die Synchronität der Tänzer*innen, die aber ihre eigene Bewegungsqualität beibehalten dürfen. Immer wird in der Gruppe agiert, wer einmal zu große Schritte macht und scheinbar ausreißt, wird schnell wieder in das Kollektiv aufgesogen. Ob man das positiv sieht – wenn man an aktuelle politische Strömungen denkt, die nicht die Oberhand gewinnen sollten – oder auch negativ, wenn man an Diktaturen denkt, wo Individualität nicht gerne gesehen ist, bleibt dem Publikum selbst überlassen. Nach einer sehr energiegeladenen Stunde erreicht die Choreografie ihren Höhepunkt und endet fast abrupt. Verdiente Standing Ovation für die ausgezeichneten Tänzer*innen, die nie zur Ruhe kommen, und Choreograf Papadopoulos. 

Nur scheinbar still

Ganz anders dann am zweiten Festivalabend das Solo „Muette“ von Boris Charmatz, das ebenso eine Reaktion auf unser Weltgeschehen ist. Der Bühnenraum ist mit einem silberglänzenden Tanzboden ausgelegt und wird die meiste Zeit nur mit dem orangefarbenen Licht von Natriumdampflampen beleuchtet, die alles zeigen. Nackt und verletzlich präsentiert sich Charmatz in kompletter Stille dem Publikum, den Mund die meiste Zeit zu einem stummen Schrei geöffnet oder zu einer erzwungenen lachenden Fratze verzogen. Sein Körper reagiert auf unterschiedliche Situationen, die nur in seinem Kopf passieren. Mal springt er, mal wirft er sich zu Boden, mal wird er wieder ganz leise und zieht sich in sich selbst zurück. Dabei zeigt er, dass es sich lohnt, immer wieder aufzustehen, weiter zu machen, weiter zu kämpfen und dass Stille auch ganz schön laut werden kann. Mit unglaublicher Präsenz schafft Charmatz es, das Publikum eine knappe Stunde in seinen Bann zu ziehen. 

Kommentare

Noch keine Beiträge

Ähnliche Artikel

basierend auf den Schlüsselwörtern