„Gute Wut“ von Ceren Oran 

Freischwimmen

THINK BIG! Internationales Tanz-, Musiktheater- und Performance-Festival für junges Publikum

Ein Rückblick aufs Festival und das Schreiben drüber. Ich lasse das innere Daumenkino der letzten Woche vor mir ablaufen. Staune. Wieviel passt in viereinhalb Tage?

München, 21/07/2026

von Verena Wilhelm

Der ersten Morgen. Ich bin auf dem Weg Richtung HochX Theater, überpünktlich und gespannt darauf, was mich die kommenden Tage erwarten wird. Es ist kurz nach neun Uhr vormittags. Keine ganz übliche Zeit für Theater – aber das bringt die Zielgruppe des Münchner Think Big!-Festivals mit sich. Es zeigt ausschließlich Stücke für junges Publikum. Morgendliche Vorstellungen sind da ganz normal – und die Kids hellwach.

„Die Vorstellung geht erst in 45 Minuten los – hol Dir doch noch einen Kaffee. Würde ich auch machen.“ Den Zusatz: „…wenn ich hier nicht den Einlass leiten müsste“ sagt er nicht, steht dem Theatermitarbeiter aber ins Gesicht geschrieben.

Neben außergewöhnlichen Spielzeiten, stehen auch alternative Spielorte auf dem Programm. Lachend erzählt mir das Team von polymer DMT, dass sie - morgens um 06:30 - den noch völlig verschlafenen Hausmeister vor „seinem“ Schultor empfangen haben. Das Bühnenbild quasi schon unter den Arm, mit den Hufen scharrend, um in die Turnhalle zu stürmen und sich ans Einrichten von Bühne und Licht zu machen.

Ich wurde von tanznetz eingeladen, Teil des Projekts „Stärkung der zeitgenössischen Tanzszene durch journalistische Nachwuchsförderung“ zu sein. Neue, frische Stimmen und Perspektiven sind gefragt. Für neu und frisch und stimmig muss ich wach sein, viel sehen, wahrnehmen, einordnen, mir (schnell!) eine Meinung bilden, mich austauschen, sacken lassen, eine Haltung finden. Und das dann in Worte gießen. Als Teilnehmerin, die vom Tanz und nicht vom Wort oder der Wissenschaft kommt, ist das eine Herausforderung. Und ein Schritt aus der Komfortzone. Die ganze Woche über also Theater, statt drittem Kaffee. Gesünder ist das sowieso und statt einem leeren to-go-Becher gibts die gute Laune inklusive. Besonders bei solchen Stücken:

„Gute Wut“ von Ceren Oran läuft im Labor der Schauburg. Ich wieder früh da, ein Glück, denn: So habe ich genug Zeit ein bisschen rumzuschauen und meine Ohren zu spitzen. Auf der Toilette treffe ich drei Mädchen. Sie sind vielleicht vier oder fünf Jahre alt und richtig gespannt. Ob sie sich freuen, frage ich. „Ja! Und wie!“ - und, dass ihre Betreuerin ihnen gesagt hätte, es würde im ganzen Stück überhaupt nicht gesprochen. „Da wird NUR getanzt!“ – „Ist doch toll!“, meine, zugegeben, erwartbare Antwort. Und musste dabei an den Abend zuvor denken, an „[Superstrat[“, in dem der Körper so individuell gesprochen hatte, wie es verbale Sprache nur selten kann.

Worte habe ich in „Gute Wut“ keine Sekunde vermisst. Die Kids sowieso nicht. Die lachen laut, wenn in beeindruckend detailliert gearbeiteten Alltagsszenen herrliche Situationskomik entsteht. Die still sind, wenn berührend mitzuerleben ist, wie eine Darstellerin erst ausgegrenzt, dann verzweifelt-wütend wird. Die halten den Atem an, als eine hahnenkampfartige Szene damit endet, dass man kurz nicht weiß: Küssen die sich jetzt, oder was? Da ist jede Augenbraue choreografiert. Und die Darsteller*innen agieren mit Leichtigkeit und Lebendigkeit – ganz großes, kleines Theater! Meine Begleitung: „Wenn da statt 4+ „Nur für Erwachsene“ draufstehen würde – das hätte ich ohne mich zu wundern auch gekauft!"

Die „erwachseneren“ Themen gibt es in den Stücken für das ältere junge Publikum. Orientierungslosigkeit, Überforderung, Reizüberflutung ziehen sich wie ein roter Faden durch diese Produktionen. Zum Beispiel mit spritziger Leichtigkeit wie in „Main Character: Lost“ von Miller de Nobili. „Ach, dann ist das sowas wie Tanztherapie!“ kommt als Publikationsreaktion im Artist Talk auf die Information, Teile des Textes im Stück seien autobiografisch. Aber die Art, wie dieser Kommentar gesagt wird und wie das Publikum insgesamt reagiert, zeigt deutlich: das ist frei von negativer Konnotation gemeint. Vielmehr vielleicht geprägt von der Idee, dass eine kreative Verarbeitung auch ein Weg sein kann.

Anna Konjetzkys „SOUND ON!“ dagegen setzt das Publikum genau diesem Zustand aus: da überlagern sich laute, treibende Musik, Gesang, Reels mit feministischen Zitaten. Dazu die Bewegungen von vier Performer*nnen, alle in der eigenen Blase. Wohin zuerst schauen, wofür sich entscheiden? Man sehnt sich mit den Vieren nach der von ihnen angebotenen Utopie eines „Marshmallowlands“. In dem man „soft traurig“ sein darf und sich ohne Angst vor dem Fall nach hinten sinken lassen kann.

Es wäre übertrieben zu behaupten, dass ich in der Kürze der Zeit eine Schreibroutine entwickelt hätte. Aber ich merke: Viel passiert da. Aufgeregt nach dem Senden des Entwurfs bin ich noch immer, umso beglückter dann, wenn das Feedback immer kürzer wird und ich jetzt schon beim Schreiben die Stimme meines Tutors Rico Stehfest höre, der mich vor Satzungetümen warnt, vor Formulierungen im Passiv und Details, die zu nichts führen. Davor, zu lang zu werden. Also, Schluss hier. Das Daumenkino ist durchgelaufen, zugeklappt. Wieviel passt in viereinhalb Tage? Soviel! Und der Sprung ins kalte Wasser hat sich mehr als gelohnt!

Dieser Text ist Teil des Projekts „Stärkung der zeitgenössischen Tanzszene durch journalistische Nachwuchsförderung“ Tanzpakt Stadt-Land-Bund.

 

TANZPAKT STADT LAND BUNDDer Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien

Gefördert von TANZPAKT Stadt-Land-Bund aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

BLZT

Dieses Projekt wird ermöglicht durch den Bayerischen Landesverband für zeitgenössischen Tanz (BLZT) aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst.

 

Landeshauptstadt München Kulturreferat

gefördert vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München

 

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