„Muffensausen“ von Léonard Engel

Spielgefühl hoch drei

„Muffensausen“ von Léonard Engel im HochX München

Das Think Big!-Festival für junges Publikum geht in die zweite Woche. Und drei Performer*innen gehen in die Vollen: Lassen wir Gefühle raus, wird es körperlich.

München, 15/07/2026

Von Verena Wilhelm

 

Mit einem undefinierbaren Geräusch landet ein großes, schwabbeliges Etwas in der Mitte der Bühne. Was ist das denn? Laut und ohne Scheu kommt genau diese Frage aus dem Dunkel des Zuschauerraums. „Eine Qualle!“, „Eine Luftblase?“, „Eine Schnecke?“

So richtig leise wird es in Léonard Engels Stück „Muffensausen“ (ab 4 Jahren) zu keinem Zeitpunkt. Weder auf der Bühne, noch im Publikum. Die Uraufführung des Stücks leitete die zweite Festivalwoche von Think Big! ein und richtet sich, wie das ganze Programm, an junges Publikum. Thematisch befasst sich Engels neue Arbeit mit der Welt der Gefühle und damit, wo und wie sie sich zeigen – im Körper, auf der Bühne, im Zuschauerraum. Und auch damit, wie sie entstehen.

Drei grüne Wesen auf der Bühne. Ein Wischmopp als Kopf. Die Fransen hüpfen, als das erste Wesen mit dem Moppstiel ein Rhythmusmuster in den Boden klopft. Es wirkt wie eine Frage, eine vorsichtige Kontaktaufnahme. Zwei knappe Klopfer als Antwort – war das ein Nein? Neuer Anlauf, neuer Versuch, in den Dialog zu kommen. Und plötzlich mischt sich auch das dritte Wesen ein. Die drei finden ihren Takt, werden wilder, schneller, bis alles überschwappt auf das Publikum. Und aus Moppstielen, stampfenden Füßen und klatschenden Händen ergibt sich eine gemeinsame Sprache. Eine Sprache die mitreißt, die ein Gefühl von Überschwang und Überdrehtheit aufkommen lässt.

Dass es um Gefühle geht, um die titelgebende Angst, Unsicherheit, aber auch um Wut, Freude oder Ekel wird besonders in der ersten Hälfte des Stücks auf fantasievolle und dramaturgisch dichte Weise deutlich. Wer traut sich auf die Bühne und blüht auf unter den Blicken des Publikums? Wer versteckt sich lieber unter einer Perücke oder einem übergroßen Hoodie? Und merkt dann, dass es gar nicht so schlimm ist, und sogar richtig Spaß macht?

Vertraute Zugänge

Mit klar lesbaren Gesten und eindeutiger Mimik bieten die drei Darstellenden vertraute Zugänge. Sie nehmen die Kinder sinnbildlich an die Hand, und die gehen und fiebern gerne mit. Zu sehen gibt es genug, die Szenen folgen Schlag auf Schlag. Die „Quallen“-Szene, in der der schmale Grat von Faszination und Ekel mittels der toll ausgearbeiteten Mimik und Körperlichkeit von Tamara Saphir fast schon genussvoll inszeniert wird. Eine an Stepptanz erinnernde Showtanzeinlage von Jemima Rose Dean, die Leichtigkeit und Spielfreude vermittelt. Ein Wut-Solo, das in einen Streit mit anschließender Versöhnung mündet. 

Neben den leicht lesbaren Szenen sind da aber auch die Momente der Abstraktion, gut dosiert und die Ausdruckskraft des Körpers nutzend. Besonders das Solo des Choreografen selbst berührt: das Gesicht durch eine Langhaarperücke verdeckt, befreit von jeder bildhaften Geste spricht hier allein der Körper. Das fragile Setzen der Schritte, ein In-sich-zusammen-Fallen. Gemischt mit der Skurrilität, die zeitgenössischer Tanz haben kann, transportiert sich das Muffensausen und mündet in einer wohltuenden Auflösung. Die Angst war da, wurde durchlebt, jetzt darf sie gehen: Perücke weg, hier bin ich!

Zum Ende hin dominieren längere Szenen, die Dramaturgie verliert etwas an Zug, und der Ideenreichtum und die Frische scheinen auszugehen. Durchbrochen wird dieser Eindruck allerdings durch eine im Moment entstehende Projektion aus Wasserfarben, die ineinanderfließen, sich verformen, von blass zu knallig changieren. Hier wird nicht vorgeschrieben, welche Emotion entstehen oder gelesen werden soll. Hier wird einfach eine Stimmung erzeugt. 

Welche Gefühle bei den Zuschauenden dadurch entstehen? Wahrscheinlich ungefähr genauso viel verschiedene wie Menschen anwesend sind. Von lauten „Was ist das denn?“-Rufen, über leises „Eine Qualle?“-Denken, bis hin zu Mitstampfen oder gebanntem Stillsitzen. Dass all diese Gefühläußerungen erlaubt sind in einem Stück, das sich mit Emotionen und der Frage, wo sie im Körper sitzen und wie sie sich zeigen erlaubt sind: Wunderbar!

 

Dieser Text ist Teil des Projekts „Stärkung der zeitgenössischen Tanzszene durch journalistische Nachwuchsförderung“ Tanzpakt Stadt-Land-Bund.

 

TANZPAKT STADT LAND BUNDDer Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien

Gefördert von TANZPAKT Stadt-Land-Bund aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

BLZT

Dieses Projekt wird ermöglicht durch den Bayerischen Landesverband für zeitgenössischen Tanz (BLZT) aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst.

 

Landeshauptstadt München Kulturreferat

gefördert vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München

 

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