Energie im Brustkorb
Nachwuchsautorinnen aus Düsseldorf, Köln, Mainz und München bloggen über das THINK BIG! Festival #11 in München
„Als ich in deinem Alter war“ von Polymer DMT / Fang Yun Lo beim Münchner „Think Big!“-Festival
Von Verena Wilhelm
„Guck mal – das ist die Oma Else, oder?“ Zwei Mädchen sitzen nach der Vorstellung auf der Bühne und beugen sich über eine Ansammlung von kleinen Püppchen, die noch kurz zuvor als Spielpartner*in und Erinnerungsstütze gedient hatten und nun dastehen, stellvertretend für all die erinnerten Geschichten. „Sieht ein bisschen aus wie meine Oma.“
Das Tanztheater „Als ich in deinem Alter war“ von Fang Yun Lo / Polymer DMT beginnt mit einer leeren Bühne. Zwei Personen mit großen Rollkoffern betreten die Spielfläche des HochX, stellen sich frontal zum Publikum. Das ist bunt gemischt: Am vorletzten Tag des Think Big!-Festivals sitzen nicht nur Kinder (empfohlen ab acht Jahren), sondern auch Großeltern und alle Generationen dazwischen im Zuschauerraum. Das bringt das Thema mit sich. Es geht um Erinnerungen an die eigene Kindheit, darum, wie anders die eigenen Großeltern aufgewachsen sind und wie verbindend es sein kann, sich darüber zu unterhalten.
„Wenn Du an die Zeit zurückdenkst, als du so alt warst wie ich, welches Bild fällt dir als erstes ein von deinem Zuhause?“. Mit einem eigens entwickelten Fragebogen wurden Grundschüler*innen losgeschickt, um ihre Großeltern zu interviewen, erzählt die künstlerische Leiterin Fang Yun Lo im persönlichen Gespräch. Die daraus entstandenen Aufnahmen bildeten die Basis für die Proben. Und die Kinder wurden weiter miteinbezogen. In anschließenden Workshops konnten sie das Gehörte kreativ verarbeiten: zu den schon erwähnten kleinen Püppchen, die Teil des Stück wurden.
Die beiden Performer*innen Lee Mun Wai und Ching-Mei Huang sind gekleidet in schwarz-weiße Kostüme (I-Chu Lin), die wirken, als hätte sie jemand mit einem dicken schwarzen Filzstift auf Papier skizziert, ausgeschnitten, zusammengeklebt und in Form gebracht. Schablonenhaft, genau wie die Kartonhäuser in Puppenhausgröße, die eins nach dem anderen aus den Koffern genommen werden. Zu jedem neuen Haus ein neues Wort: Fahrrad, Mangobaum, Wald, Berge. Es ist eine Häuser- und Wörterreihe, wie Erinnerungen, die erst noch ausgemalt und mit Leben gefüllt werden müssen.
Das Gefühl des Erinnerns
Das Stück ist insgesamt eher ruhig, greift damit das Gefühl des Erinnerns auf. Da kann mal Überschwang entstehen oder leise Wehmut, Trauer um Menschen oder Orte, die es nicht mehr gibt. So, wie der Kopf nicht chronologisch vorgeht, passiert es auch auf der Bühne. Mal werden kurze Geschichten nachgespielt: Das Duo auf der Bühne verwandelt sich in Opa und Enkelin, die sich um die Hühner kümmern. Immer wieder muss sie ihm sagen, wer sie ist. Erinnerungslücken gehören dazu und auch die Erkenntnis, dass Manche für immer verloren gehen.
Dann werden sie zu kleinen Jungs, die sich ihrem Lieblingsspiel widmen – natürlich: Bandenkrieg! – bis zum Abendessen gerufen wird und schlagartig wieder Frieden herrscht. Wir hören O-Töne, einen deutschen Schlager und ein asiatisch klingendes Musikstück. Kontextualisiert, kulturell oder zeitlich eingeordnet wird nichts. Vielleicht aus der Beobachtung heraus, dass es die Erwachsenen seien, die sich Geschichten merken und Hintergründe wissen wollen? Denn, bei den Kindern blieben eher Gegenstände oder einzelne Situationen im Gedächtnis – so erzählt es Yun Lo.
Dass Erinnerungen nichts Statisches sind, sondern sich mit jeder Erzählung sukzessive verwandeln, schwingt mit, als der Tänzer Lee Mun-Wai erzählt, dass er seine Großeltern schlicht nicht verstehen konnte – sie hatten keine gemeinsame Sprache. Aus einer unangenehmen Situation wird, mit feinem Gespür für Timing und Sprachwitz, eine lustige Anekdote.
Ähnlich dynamisch die Tanzszene: Mit je einer Opa- oder Oma-Maske am Hinterkopf und einer Kindermaske vor dem Gesicht entsteht eine Art zeitversetztes Duett. Da tanzt das Kind mit funky Moves und zack – mit einer halben Drehung um die eigene Achse – erscheint das gealterte Gesicht und tanzt langsam, ein wenig schrullig und angestaubt. Das lässt schmunzeln und fügt eine Abstraktion hinzu, die erfrischt.
Am Ende wird das Publikum noch ganz konkret angesprochen: „Welches Essen hast du dir von deiner Oma am liebsten kochen lassen?“ – die Antwort hat wohl fast jede*r parat. „Wie haben sich deine Großeltern kennengelernt?“ – schon schwerer. „Was hat dich besonders glücklich gemacht, als du so alt warst wie ich?“ – hört man, geht aus dem Theater und denkt: Ja, das hätte ich meine Oma auch mal fragen können.
Dieser Text ist Teil des Projekts „Stärkung der zeitgenössischen Tanzszene durch journalistische Nachwuchsförderung“ Tanzpakt Stadt-Land-Bund.
Gefördert von TANZPAKT Stadt-Land-Bund aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Dieses Projekt wird ermöglicht durch den Bayerischen Landesverband für zeitgenössischen Tanz (BLZT) aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst.
gefördert vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München
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