„[Superstrat[“ von par terre /  Anne Nguyen Dance Company, Tanz: Mark-Wilfried Kouadio alias „Willy Kazzama“ 

Tour de Force

„[Superstrat[“ von par terre / Anne Nguyen beim Think Big!-Festival in München

Wer hat eigentlich am meisten zu schwitzen bei dem Wetter? Die Tänzer*innen auf der Bühne oder die begleitenden Journalisten im Publikum? Beides ist nämlich ein Knochenjob.

München, 16/07/2026

Von Verena Wilhelm

 

Ich sitze im Zuschauerraum, im schwere reiter in München. Festivaltag neun des Think Big!-Festivals. 19 Uhr, das Licht geht aus. Kurz schließe ich die Augen. Denke daran, dass ich vor 15 Minuten auf „Veröffentlichen“ geklickt habe. Dass jetzt meine erste Kritik, mein erster Gastbeitrag auf tanznetz.de ist. MEINE Kritik! Auf tanznetz.de! Ich spule gedanklich ein paar Stunden zurück: morgens das Stück gesehen, „Muffensausen“ von Léonard Engel – erste Gedanken ausgetauscht – Was könnte ein Aufhänger sein? – Was möchte ich auf jeden Fall erwähnen? – gedachtes ausformuliert – geschrieben – eine erste Version abgeschickt – Rückmeldungen und tolle Anstöße bekommen – umgearbeitet, eingearbeitet, gestrichen – Die Zeit rannte – letzte Korrekturen. 
Veröffentlicht. 
Ich kann ein kleines, ungläubiges Kopfschütteln nicht unterdrücken, bin irgendwas zwischen froh, erleichtert und stolz. Und, wenn ich ehrlich bin: Mir schwirrt ganz schön der Kopf.

Ich atme ein paar Mal tief durch, versuche die letzten Stunden gedanklich loszulassen. Den Kopf leer zu machen für das, was jetzt folgt: Das Solo „[Superstrat[“ von Compagnie par Terre / Anne Nguyen. Als ich die Augen wieder öffne, ist mein Kopf noch lange nicht wieder leer, die Bühne auch nicht mehr, die kurze Atempause vorbei. Mark-Wilfried Kouadio alias „Willy Kazzama“ steht am Bühnenrand, im Profil, und obwohl er erst einmal nur einige Lockerungs- und Dehnbewegungen macht: Es liegt sicher nicht nur an seinem leuchtend roten Hemd, dass er die Bühne schon jetzt, noch fast in der Gasse stehend, auszufüllen scheint. Einige Augenblicke später setzt die Musik ein, er kommt auf die Mitte der Bühne und für die nächsten 50 Minuten ist es völlig egal, ob er uns den Rücken zu wendet oder einzelnen Zuschauenden mit unglaublicher Intensität direkt in die Augen schaut. Ob er sich mit großen, weichen Schritten, aus dem Nichts kommenden Sprüngen über die Bühne bewegt oder an einer Stelle am Boden festzukleben scheint. Ob er klar gesetzte, musikalisch ultrapräzise Gesten, rasante, rhythmische Schrittfolgen oder fließende, nicht endend wollende Impulse durch seinen Körper schickt: Es ist mir nicht möglich, noch einmal wegzuschauen, noch einmal länger zu blinzeln als notwendig. Zu vielfältig, zu abwechslungsreich, zu hypnotisierend ist sein Tanz, seine Bewegungssprache.

Ursprünge des Urban Dance

Um genau die geht es: Darum, woher sie kommt, wodurch sie geprägt wird. Das Stück kreist um die Ursprünge des Urban Dance, um dessen Anleihen aus dem afrikanischen Tanz, darum, welche Einflüsse und Wurzeln wir wahrnehmen, aufnehmen, annehmen und – so begreife ich einige Szenen – auch darum, welche wir vielleicht loswerden möchten, weil sie uns festhalten oder an etwas binden, das uns nicht mehr entspricht.

Die Assoziationen kommen so schnell, dass ich nicht immer fest machen kann, wodurch sie ausgelöst wurden. Bevor ich darüber nachdenken kann, sind sie schon überlagert von den Nächsten. Ein Fiebertraum, schießt es mir irgendwann durch den Kopf. Und ich merke, wie mir ein Moment fehlt, um durchzuatmen, um den Kopf für die nächste Bilderflut bereit zu machen.

Dann wird es doch für einen Moment ruhiger. Die Musik, die bis dahin mindestens genauso vielschichtig und fast schon überbordend eine zusätzliche Ebene bildete, ist plötzlich ganz reduziert. Besteht mehr aus Geräuschen, Schlagwerk, keine Melodie. Seine Bewegungen, die ein Vorwärtsgehen beschreiben, changieren zwischen tastend, wagemutig und kurz vor der Resignation ankämpfend. Ich sehe den Schweiß, ich verstehe, was für eine Tour de Force dieses so sprachlos machend dichte Solo von innen sein muss. Die Stärke, die Präsenz, die Präzision, die absolute Musikalität bleibt dabei zu jedem Moment bestehen. 

Für diese eine Szene kann ich die Spannung, die im Zuschauen entstanden ist, loslassen. Und genau dieses Loslassen braucht es für mich, damit das, was ich sehe, nicht nur fasziniert – sondern mich auch berührt. Schon ist er vorbei, die Musik bauscht sich wieder auf, seine Bewegungen beginnen wieder größer, schneller, energetischer zu werden. Tanzt wieder wie angezündet, weiter, bis zum Ende. Für mich war der reduzierte Moment zu kurz, ich hätte gerne mehr Zeit gehabt, oder eine weitere Szene mit mehr Ruhe. Und frage mich, ob mir das an einem anderen Tag, mit dem eingangs erwähnten leeren Kopf anders gegangen wäre? Frage mich, wie sehr meine Eindrücke, das Bedürfnis nach Entzerrung, von dem zurückliegenden Tag eingefärbt sind. Wünschte, ich könnte es an einem anderen, weniger aufregenden Tag noch einmal sehen. Was nicht geht – es war die letzte Vorstellung. Deshalb statt einer Kritik: aufzeigen, was war. Wie meine Eindrücke entstanden sind. Und welche nicht zu beantwortenden Fragen sie aufgeworfen haben. 

 

Dieser Text ist Teil des Projekts „Stärkung der zeitgenössischen Tanzszene durch journalistische Nachwuchsförderung“ Tanzpakt Stadt-Land-Bund.

 

TANZPAKT STADT LAND BUNDDer Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien

Gefördert von TANZPAKT Stadt-Land-Bund aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

BLZT

Dieses Projekt wird ermöglicht durch den Bayerischen Landesverband für zeitgenössischen Tanz (BLZT) aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst.

 

Landeshauptstadt München Kulturreferat

gefördert vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München

 

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