„Main Charakter: Lost“ von Miller de Nobili, Tanz: Giulia Russo, Nam Tran Xuan und Ali Adic

The struggle is real

„Main Character: Lost“ von Miller de Nobili beim Think Big!-Festival im Münchner schwere reiter

Ein „schwieriges Alter“ ist es, wenn man nicht gerade drin steckt. Für einen selbst ist die Pubertät nicht selten die Hölle. Schön, wenn man da einfach mal gesehen und gehört wird.

München, 18/07/2026

Von Verena Wilhelm

 

Es gibt diese Sätze, gedankenlos dahin gesagt, ohne böse Absicht. Die nebenbei fallen, dann völlig einschlagen und sich auf ewig einbrennen.

Hast du eigentlich schon die kahle Stelle an deinem Hinterkopf gesehen?

Genau diesen Moment erzählt ein Tänzer in „Main Charakter: Lost“ von Miller de Nobili. Später, im Nachgespräch, kommt die Frage aus dem jungen Publikum, ob die Texte „real“ seien. Keine unbegründete Frage, wächst doch diese Generation (Altersempfehlung ab 12) wie keine andere mit fake news und deep fakes auf, damit, erst einmal zu misstrauen. Dazu der Druck durch social media oder die unaufhörliche Informationsflut. Da kann schnell das Gefühl von Überforderung aufkommen. Und darum geht in dem neuen Stück des Choreografenduos aus Dresden, das in den letzten Festivaltagen des Think Big!-Festivals im Münchner schwere reiter zu sehen ist. 

Die Anfangsszene lässt an die Minuten vor Schulbeginn denken: Fünf Stühle stehen und liegen auf der weißen, sonst leeren Tanzfläche. Die Tänzer*innen kommen nacheinander auf die Bühne, schon diese ersten Schritte und die Körpersprache lassen verschiedene Charaktere erahnen. Zielstrebig und alle anlächelnd oder betont lässig und mit swag, eher leise und die Lage sondierend. Sie tragen Alltagskleidung. Vielleicht etwas überspitzt, vielleicht auch nur verdeutlichend, dass man sich in diesem Alter auch auf diesem Gebiet ausprobiert, Grenzen auslotet. „So willst du aus dem Haus gehen?“ In einer anschließenden Szene wird dem Publikum mit immer höher werdender Intensität eine ganze Armada an „Elternsätzen“ entgegengeschleudert. Und das Publikum reagiert: genervtes Stöhnen bei den Jüngeren, peinlich ertapptes Lächeln bei den Eltern.

Hyper-Bewusstheit

Auf dieser Bühne passiert nichts ohne das Bewusstsein, dass man von den anderen gesehen wird. Präsentieren, begrüßen, langweilen. Selbst beim Warten wird aus den Augenwinkeln beobachtet, was die anderen machen, wie sie sich verhalten. Alltagsbewegungen mischen sich fließend mit Tanzfragmenten, die Bewegungen erinnern an zeitgenössischen Tanz, Hip Hop oder Breaking, Zitate von TikTok Tänzen tauchen kurz auf. Schnelle Wechsel: im Duett, allein, flüchtige Interaktionen, kurze unisono Sequenzen. Lebhaft, alle immer in Bewegung; sie platzieren die Stühle ständig neu. Es entsteht eine steigernde Unruhe, die darin mündet, dass alle unbedingt gesehen und gehört werden wollen, mit weit nach oben gestrecktem Zeigefinger – Ich! Ich! Ich!

Ein Stuhlkreis, eine Person in der Mitte. Giulia Russo beginnt. Ihren Sprechtext darüber, wie hässlich sie sich früher gefühlt hat und wie bestraft von der Zahnspange, verschränkt sie mit einer Körperlichkeit, die dieses Gefühl spiegelt. Und die den Text eindrücklicher werden lässt, anders berührend, als es die sprachliche Ebene alleine könnte. Sie versucht, ihren Mund hinter der Hand zu verstecken, sich klein zu machen, möchte eigentlich lieber nicht gesehen werden. 

Nam Tran Xuan begleitet seinen Text ausschließlich mit Hand- und Armbewegungen. Die manchmal untermalend wirken, dann wieder abstrakt. Und genau hier erzählt er von eben diesem Satz, der in ihm nachhallte und zu großer Verunsicherung führte. Eine kahle Stelle am Hinterkopf, mit gerade mal 20. Jetzt steht er da, ein erwachsener Mann, mit rasiertem Kopf. Ohne tiefer darauf einzugehen, erzählt dieser ganz reduzierte Moment eine komplette Geschichte. Das wird aufgegriffen und hinterlässt dann wieder Spuren: Er spielt mit Russos offenen Haaren, drapiert sich mit ihrem Haar verschiedenen Frisuren auf dem eigenen Kopf. Das lässt schmunzeln, während gleichzeitig ein beklemmendes Gefühl entsteht.

Heutige Bewegungssprache

Xuan ist es auch, der in einem weiteren solistischen Moment, jetzt rein tänzerisch, die DNA von Miller de Nobili absolut eindrücklich zeigt. Hier verschmelzen zeitgenössischer und urbaner Tanz auf so großartige Weise, dass nicht mehr einzuordnen ist, welche Bewegung welchen Ursprung hat. Eine ganz eigene Hybridsprache, die wunderbar als Bindeglied zwischen Russo und Ali Adic fungiert, der aus dem Breaking kommt. 

Die Bewegungssprache ist damit absolut heutig, lässt Gesten aus der Jugendsprache einfließen. Das Publikum erkennt die Codes, reagiert. Entdeckt Zitate, die aus TikToks stammen. Das alles: absolut präzise getanzt, sehr feinteilig und musikalisch gearbeitet, von hoher Geschwindigkeit, frisch und überraschend.

Die textliche Ebene hingegen bleibt zeitlos. Die Elternsätze und kleinen Stories haben so oder ähnlich auch schon die Teens vor fünf, zehn, 20 Jahren beschäftigt. Im persönlichen Gespräch erzählt Maria Chiara de Nobili, dass sie selbst überrascht war, wie wenig sich die Themen der heutigen Jugendlichen von ihren eigenen oder der ihrer Elterngeneration unterscheiden. 

Ob das Stück an der ein oder anderen Stelle etwas deutlicher hätte werden können? Die Zerrissenheit, die Reizüberflutung, das Gefühl von Überforderung wirklich darstellen? Vielleicht – für das erwachsene Publikum. Die Teenager dagegen, die genau das sowieso schon jeden Tag aushalten, sind vielleicht einfach froh, sich statt dessen verstanden und gesehen zu fühlen. Und damit vermittelt zu bekommen: ist unangenehm, aber schon ok, sich einfach mal lost zu fühlen.

 

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