„Romeo und Julia“ von Gregor Zöllig, Tanz: Ensemble

Tanzbattle oder Tragödie?

„Romeo und Julia“ von Gregor Zöllig in Braunschweig

Wenn der Balkon zum Sprungbrett wird: Wie viel Mut braucht es eigentlich, eine derart lässige, bewegungsreiche und energiegeladene Fassung auf die Bühne zu bringen?

Braunschweig , 31/10/2026

Von Lea Christine Miltz

 

Schafft Gregor Zölligs Stück wie angekündigt einen Raum, in dem Menschen unterschiedlichster Herkunft etwas Gemeinsames schaffen können? Einen Raum, in dem festgefahrene Rollen abgelegt werden dürfen? 

Im Verlauf des Stücks stehen Romeo und Julia samt ihrer Familienangehörigen in unterschiedlichsten Kostümen auf der Bühne. Eine eindeutige Zuordnung, wie Dramaturgin Ira Goldbecher angekündigt hatte, fällt zunächst schwer. Oft ist nicht auszumachen, wer zu wem gehört. So wie die Bewegungen laut Einführung ertanzt, ausprobiert und wieder verworfen wurden, muss auch ich meine Zuordnungen immer wieder über Bord werfen. Eine sich zu Beginn formierende Menschenmauer macht dagegen eins sehr deutlich: Hier wird abgegrenzt. Die eigene Identität scheint sich gerade durch die Abgrenzung von einer anderen Gruppe zu bestätigen. Man umzingelt sich, stützt sich gegenseitig beim Taumeln und gerät aneinander. Wo keine Mauern das Bühnenbild bestimmen, übernehmen Präsenz und körperlicher Ausdruck der Tänzer*innen die Grenzziehung.

Aus spielerischem Zu-Boden-Werfen, einem Tritt vors Schienbein und dem Sprung auf einen anderen Körper wird bitterer Ernst. Einer der Angehörigen bleibt leblos am Boden zurück. Schon zu Beginn wird damit deutlich, dass die Feindseligkeiten der beiden Häuser tödliche Folgen haben. Paillettenkostüme und Spacebrillen treffen auf Hip-Hop und Breaking, zwei schwarze Fahnen markieren die verfeindeten Häuser. Auf dem Maskenball begegnen sich Romeo und Julia. Ein Augenblick reicht, um zu ahnen: Das mit den beiden wird eine verzwickte Sache.

Liebe im freien Fall

Julia tanzt sich mit der Rockversion des „Tanzes der Ritter“ ins Scheinwerferlicht. Ihr silbernes Kleid verschmilzt beinahe mit den übrigen Kostümen. Sie tanzt, dreht sich, dreht frei – bis die Welt um sie herum stillsteht. Jegliche Versuche Alessias, sie zu besänftigen, scheitern. Auch Romeos bester Freund gibt schließlich auf. Romeo und Julia verschwinden gemeinsam.

Auf dem Balkon, der einem riesigen Sprungbrett gleicht, stürzt Julia sich zurück in Romeos Arme. Beide in Weiß. Eine Einheit. Keine Sekunde möchte ich den Blick von diesem verzaubernden Pas de deux abwenden. Einander halten, einander tragen, freier Fall. Wut wird zum Sprungbrett der Kraft, aus gegenseitigem Vertrauen entsteht eine gemeinsame Bewegung. Spielerisch leicht saugt sich der Theatersaal mit der Energie der Liebenden voll. Als würde der immerwährende Pfropfen aus Feindseligkeit und Konflikt endlich gelöst werden. Was hier fließt, ist pure Liebe. Ein körperlicher Gegenentwurf zu den verhärteten Fronten ihrer Familien. Es scheint, als wären Grenzziehungen plötzlich unmöglich.

Aus Shakespeares star-crossed lovers werden bei Zöllig beinahe zwei Körper auf gemeinsamer Umlaufbahn. Mit aufeinanderliegenden Lippen drehen sie sich um die eigene Achse und umeinander. Sie finden eine gemeinsame Richtung, richten sich neu aus und lösen sich aus der vorgegebenen Konstellation ihrer verfeindeten Familien.

Doch dieser Ausbruch bleibt nicht ohne Folgen. Die Vermittlungsversuche der Freund*innen scheitern erneut, der Konflikt zwischen den Häusern eskaliert. Romeo mittendrin als eine Art Friedensflagge in weißer Kluft. Als Mercutio stirbt, mündet Romeos Vermittlungsversuch in einen Wutausbruch: Er tötet Tybalt und flüchtet anschließend mit Alessias Hilfe ins Exil.

Die zu Beginn auf den schwarzen Vorhang projizierten Schmetterlinge werden später von Passionsblumen abgelöst, deren rankende Triebe an Stricke und Gefangenschaft erinnern und den bevorstehenden Verlust der beiden Liebenden ankündigen. Ein locker sitzendes Shirt am Tag danach, zerknitterte Bettwäsche, ein kühleres Weiß, das sich um die Gemüter legt. Auch ihr erneutes Pas de deux ist von dieser Schwere geprägt. Das gemeinsame Spielen wird schwerfälliger. Verschlossene Augen, fragende Gesichter. (K)eine gemeinsame Richtung?

Was trennt, was vereint uns?

Julias Geschichte rückt zunehmend in den Mittelpunkt: Ihre bewusste Entscheidung gegen Paris unterstreicht ihren Willen zur Selbstbestimmung. Wie viele unterschiedliche Gefühle María Gabriela Luque allein durch ihren Körper auszudrücken vermag, ist beeindruckend. Dass Julia schließlich sogar ihren eigenen Tod vortäuschen will, um sich aus den Fängen ihrer Familie zu befreien, unterstreicht ihre Sehnsucht nach einer anderen Welt, nach einer anderen Lebensordnung. Umso bitterer erscheint, dass die Liebenden zwar einen Weg zueinander, aber keinen aus der Tragödie finden. An dieser Stelle fragt man sich: Wozu also das ganze Drama?

Sich von diesem Stück verwirren zu lassen, kann durchaus erheiternd sein. Vielleicht geht es Zöllig letztlich nicht um eine trennscharfe Unterscheidung der beiden Häuser, sondern vielmehr darum, wie schwierig es ist, ohne miteinander in Kontakt zu treten, zu wissen, worin wir uns unterscheiden und worin wir uns ähneln. Das Stück erzählt von zwei Liebenden, die neue Räume schaffen, anstatt Grenzen zu reproduzieren.

Den dritten Raum hätte man letztlich noch weiter öffnen können. Denn genau hier liegt eine große Ambivalenz der Inszenierung: Der Wille zur Veränderung und die Sehnsucht nach einem Miteinander sind spürbar. Doch die Erzählung bleibt in den Bahnen der bekannten Tragödie. Die Liebenden sterben, die Mauern bleiben zumindest als gesellschaftliche Realität stehen. 

Ist das Festhalten am bekannten tragischen Ende eine bewusste dramaturgische Entscheidung? Vielleicht. Vielleicht soll gerade dadurch deutlich werden, wie tief die gesellschaftlichen Konflikte reichen und wie schwer sie zu überwinden sind. Doch wenn die Inszenierung zuvor so eindrücklich zeigt, dass Nähe, Vertrauen und Liebe Grenzen überwinden können, stellt sich umso mehr die Frage, warum diese Möglichkeit am Ende nicht konsequent weitergedacht wird. Ist das tragische Ende also Ausdruck einer Gesellschaft, die sich trotz aller Veränderungswünsche nicht aus ihren alten Mustern befreien kann?

Vielleicht zeigt sich darin gerade die bittere Botschaft. Selbst wir als Gesellschaft verstehen längst nicht mehr, worin der Kern unserer Feindseligkeiten und unseres Hasses eigentlich liegt. Wir reproduzieren Konflikte, deren Ursprung wir kaum noch benennen können. Wozu also das ganze Drama?

 

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