Tamar Ben Ami

Abschied von Tamar Ben Ami

Nachruf auf eine große Tanzpädagogin und Menschenöffnerin

Am 23. Februar – wenige Tage nach ihrem 80. Geburtstag – ist Tami, wie sie liebevoll von Wegbegleiter*innen genannt wird, in Tel Aviv einer Krankheit erlegen. Sie wird fehlen!

Berlin, 25/03/2026

„Diese unglaubliche Kraft, die sie hatte: ansteckend.“ Niemand anderes als Hofesh Shechter ist es, der sich mit diesen Worten an Tamar Ben Ami erinnert, die in Jerusalem einst seine Lehrerin gewesen ist. Und in seine „Traurigkeit“, so gesteht er, mische sich „eine Art Freude oder Liebe oder das Gefühl eines Funkens Dankbarkeit, dass ich sie habe kennenlernen können, mich mit ihr verbinden durfte.“

Auch Roni Haver vom Club Guy & Roni gehörte einst zu ihren Schülerinnen. Sie erkennt im Schaffen von Tamar Ben Ami im Nachhinein einen „einzigartigen Bewegungsansatz, der auf Zuhören, Ehrlichkeit und zwischenmenschlicher Verbundenheit beruhte. Da gab es keine Trennung zwischen Kunst und Leben. Für Tamar war der Körper ein Ort der Wahrheit und der Tanz ein Weg, sich zu begegnen, zu verstehen und Brücken zwischen Menschen zu schlagen.“

Katja Wünsche, viele Jahre über Erste Solistin in Stuttgart und Zürich, ist sich sicher, dass ihre Karriere ohne Tami (wie sie von vielen liebevoll genannt wurde) einen anderen Vorlauf genommen hätte. „Ihre unbändige Lebensfreude, ihr Drang, gelegentlich gängige Konventionen zu sprengen, ihre Mischung aus Geduld, Optimismus, Verrücktheit, manchmal auch Trotz, Unbeschwertheit und tiefer Vertrautheit haben mich in gewisser Weise beflügelt und mich, mein Leben und das Leben meiner Familie bereichert.“

Martin Puttke, der sie 1992 an die Staatliche Ballettschule verpflichtet hat, spricht „von einer sehr persönlichen Zuwendung“ zu ihren Schülern und Schülerinnen – „vor allem für jene, die im Laufe der Ausbildung mit Entwicklungsschwierigkeiten zu kämpfen hatten. Mit ihrem begeisternden Enthusiasmus hat sie das Fühlen und Denken im Tanz so beeindruckend wie verständlich vorgelebt.“

Sie selbst sah es ähnlich. „Ich glaube, ich habe das Talent, einen Menschen öffnen zu können“, erklärte sie einmal ihr Tun. „Ich sehe die Stärken ebenso wie die Schwächen, die nicht weniger wichtig sind, um einen spezifischen Bewegungscharakter zu entwickeln. Die Schüler herauszufordern und gleichzeitig zu unterstützen – das bringt sie wirklich weiter. Ich habe meinen Schülerinnen und Schülern immer gepredigt: Öffnet eure Augen, eure Seele, euren ‚Bauch‘. Bleibt immer neugierig!“

Neugierig war Tami zeitlebens. Yardena Cohen war eine ihrer Lehrerinnen. Eine andere Gertraud Kraus, nicht minder berühmt. Darüber hinaus weitete Tami Ben Ami schon in Israel ihren Bewegungshorizont durch Studien bei Noa Eshkol und Moshe Feldenkrais. 1971 ging sie schließlich nach New York an die Alvin Ailey School of Dance, lernte Tai-Chi („als es noch nicht Mode war“) und experimentierte gemeinsam mit der Laban-Schülerin Irmgard Bartenieff in der Judson Church. Auch eine ergänzende Ausbildung als Tanztherapeutin und Yoga-Lehrerin, so dachte sie, konnte im Beruf kaum schaden. Eigentlich gab es nichts, was sie nicht machte. Auch Folk Dance. Mit dem hatte sie, aus Afula stammend, wie so viele in Israel angefangen. Das Choreografieren kam wenige Jahre später.

Und das ebnete schließlich den Weg nach Deutschland. Tami Ben Ami wollte Pina Bausch schon immer kennenlernen, und als sie am Theater Magdeburg die Tänze für eine „Ghetto“-Inszenierung stellte, bot sich die Gelegenheit, sowohl in Wuppertal zu hospitieren als auch der Staatlichen Ballettschule einen Besuch abzustatten. Martin Puttke hatte sie zuvor schon bei einem Schultreffen in La Baule kennengelernt - und der griff zu, nicht nur um das Spektrum einer klassischen Ballettausbildung um die Farben zeitgenössischer Bewegungstechniken erweitern zu können, sondern auch für die Moderne eine Choreografin zu haben.

Eine weit vorausschauende Entscheidung, denn nicht zuletzt war es auch ihren Arbeiten verdanken, wenn die Studierenden beim Prix de Lausanne nicht nur „über die Runden“ kamen, sondern wie beispielsweise Katja Wünsche mit „Sa Wac“ bis ins Finale vorstießen. Ganz auf ihre jeweiligen Interpret*innen eingehend, machte Tami Ben Ami in ihren Werken immer die Einzigartigkeit ihrer Tänzer und Tänzerinnen sichtbar: eine wegweisende Kunst, auf die sich nicht jede(r) Choreograf(in) so versteht.

Nicht nur in dieser Hinsicht wird uns Tami fehlen, die am 23. Februar 2026 – wenige Tage nach ihrem 80. Geburtstag – in Tel Aviv einer Krankheit erlegen ist. Und sie wird „gleichzeitig weiterleben“, wie Katharina Wunderlich schreibt, die jetzt, nach einer Zeit in der Freien Szene, an der Staatlichen Ballettschule unterrichtet. „Denn alles, was ich von ihr lernen durfte, schlägt nun seine Wellen hin zu meinen Schülerinnen und Schülern. Und ich bin ja nur eine von so vielen, die sie mitgeprägt und begleitet hat.“

„Was bleibet aber“, so Friedrich Hölderlin in seiner „Andenken“ genannten Hymne, „stiften die Dichter“. Mahmoud Darwish, die poetische Stimme Palästinas, wurde durch Tamar Ben Ami zu seinem berühmten Gedicht „Rita“ inspiriert: 

Mira Awad - Rita. YouTube

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