Hamburg tanzt
tanznetz ist ab Sonntag auf der Tanztriennale mit einem Blog dabei
Herzlich willkommen beim ersten Teil des Live-Blogs zur Tanztriennale 2026 in Hamburg mit unseren Gedanken zur Triennale von Sonntag bis Mittwoch. Zum zweiten Teil ab Donnerstag mit dem Forum geht es hier.
Mittwoch, 17. Juni 2026
23:00 Uhr Noch mehr Eröffnung
In der K6 steht ein Rednerpult auf der Bühne. „Nicht, dass der Merz spricht!“, hört man im Publikum. Trotz schwüler Temperaturen ist die Stimmung offenbar gut. In den großen Saal hätte man eigentlich busweise all jene kulturpolitischen Entscheidungsträger*innen karren müssen, die (immer noch) meinen, Tanz sei eine Spartensache oder nicht relevant oder was sonst noch fürn Schmarrn. Rappelvoll ist der Saal, bis unter die Decke, mindestens. Das Publikum sitzt brav ganze fünf Reden durch. Immerhin ist in einer davon auch die Rede von „Tanz als radikaler Form der Präsenz“. Schöne Formulierung, sehr schöne sogar.
Das CCN Ballet de Lorraine glänzt mit seiner Triple Bill und vor allem dem schmissigen, mit Ballroom-Referenzen gespickten „a Folia“. Ein Wermutstropfen dann doch, als das Publikum direkt nach dem Verlassen des Saales gebeten wird, umgehend alle persönlichen Sachen an der Garderobe abzuholen. Ein Rausschmeißer gleich zu Beginn des Empfangs? Da steht man nun, mit einem kühlen Bier in der einen und einem Rucksack in der anderen Hand. Da gilt es, Haltung zu bewahren. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag ... (rs)
15:30 Bestandsaufnahmen
„Wir können uns nicht mehr vorstellen, dass es anders geht, als wir es gerade machen“, rief der Hamburger Kultursenator Brosda zu Beginn des Gespräches in die Runde, bevor er auf einen anderen Termin verschwand. Unter dem Titel „Mutige Schritte. Dialoge zu gesellschaftlichen Dimension des Tanzes“ lud die Kulturstiftung des Bundes, die ja auch einen Großteil des Geldes für diesen Triennale-Leuchturm bereit stellt, zum kulturpolitischen Panel-Plausch. Kulturverwalterinnen, Netzwerkerinnen und ein Künstler saßen auf dem Podium auf Kampnagel, das von der Journalistin Katja Bigalke moderiert wurde und waren sich im Grunde ziemlich einig. Zum Beispiel, dass die Tanzpakt Stadt-Land-Bund-Sache eine tolle Sache ist (alle), dass Kinder besser an Tanz herangeführt werden (Simone Schulte-Aladağ) und dass auch auf dem Land was gehen kann, wenn man es richtig anstellt (Katerina Schumacher und Elisabeth Nehring) und gescheit an die bestehenden Strukturen andockt. Doch eine richtige Zielstellung hatte das Gespräch selten. Als Nancy Faeser, Bundestagsabgeordnete und dort Mitglied im Kulturausschuss mehrfach feststellte, dass institutionelle Förderungen statt Projektförderungen nötig seien, fanden das zwar auch aller erstmal richtig, bloß um dann festzustellen, dass die dreijährige Förderung aus dem Tanzpakt ja auch schon gar nicht schlecht war. Da hätte man auf dem Podium einen stärkeren Arbeitsauftrag formulieren müssen. Richard Siegal, künstlerischer Leiter des Ballet of Difference lobte gar die Langfristigkeit der Kulturförderung in Deutschland und hatte wohl vergessen, dass er selbst erst über den Umweg des Rausschmiss in Köln nach Franken gekommen war. Die einzige klare Forderung hatte Julia Lehner, zweite Bürgermeisterin von Nürnberg, im Gepäck. Sie möchte das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg in ein Kulturareal umwandeln und dafür eine Stiftung gründen, an der der Bund sich bitteschön beteiligen soll. Immerhin.
Und was haben wir sonst noch gelernt? Carsten Brosda, der nur kurz zum Anpfiff vorbeischaute, sah zuletzt Lucinda Childs „Geranium `64“ auf Kampnagel und die Direktorin der Kulturstiftung Katarzyna Wielga-Skolimowska schwärmt für Xavier Le Roys „Self Unfinished“. Beides Klassiker der Moderne und damit auch sinnbildlich für den Diskurs, der vor allem die Klassiker der kulturpolitischen Forderungen aktualisierte und eine aktuelle Bestandsaufnahme vornahm. (ti)
Dienstag, 16. Juni 2026
20:40 Berührende Blicke
Juan Pablo Camara wiegt sich zitternd hin und her, ein Schaukeln wie es mit Autismus oder Trauma in Verbindung gebracht wird. Es wirkt verletzlich, in sich gekehrt. Zuvor wurde er symbolisch mit Fäden traktiert. Durch den leeren grauen Saal der Postsortierstelle tönen die gesungenen sphärisch-meditativen Töne seiner neun Mittanzenden in Jefta van Dinthers „Unearth".
Vor Camara sitzt im Publikum eine junge Frau mit kurzen dunklen Haaren und Nasenring. Auch sie wiegt sich im gleichen Takt. Sanft und fokussiert ist ihr Blick und endet in einem scheuen Lächeln, als Camara schließlich den Platz verlässt und aufbricht zu den anderen am Rand der Halle. Eine berührende beinahe intime Situation in dieser fast vierstündigen Performance, die in ihren zwei Durchgängen mit Variationen eine Art Sog entwickelt. Knapp 60 Leute liegen, sitzen und stehen (wenige) um 22:20 Uhr noch im Raum herum, als das Licht angeht. Die junge Dame von vorhin ist nicht mehr dabei. Aber manchmal ist ein Augenblick mehr wert als ein ganzer Tag. (ti)
17:00 Grundrechtsabwägung
Spannung bei Regina Rossi. Vor dem Pop-Up-Cube in der Mönckebergstraße, wo eigentlich „Polipolis“ starten sollte, wehen iranische Oppositionsflaggen. Fotos von Hingerichteten werden in die Höhe gehalten, etwa 100 Leute haben sich versammelt. Etwas an den Rand gedrängt stehen mit grünen, buntschimmernden Rucksäcken ausgestattet, die Besucher*innen der Performance. Eine Festivalleiterin verhandelt mit der Polizei. Die würde die Performance am liebsten verlegen, aber Kunstfreiheit steht gegen Demonstrationsrecht. Knifflig, auch die Frage, wer da beim Ordnungsamt nur so begrenzt über den Tellerrand geschaut hat. Der Polizeioberkomissar bleibt sachlich, ist aber auch sichtlich genervt, möchte die Veranstaltungen trennen. Am Ende beginnt das utopische „Polipolis“ eine Viertelstunde später und alle sind happy. Außer einem Passanten, der wütend durch die Kopfhörerträger*innen mit den glitzernden Rucksäcken stampft: „Ihr seid Wichser in meinem Augen. Ihr seid das Letzte.“ Es ist ein langer Weg nach Utopistan, aber die Chimären springen munter über die Mönckebergstraße. So geht es Schritt für Schritt ins Paradies, wo nicht die Läden und Waren wichtig sind, sondern die Menschen. (ti)
Sonntag, 14. Juni 2026
15:50 Gras
Choreografin Patricia Carolin Mai und ihre Tänzer*innen von der MAI:COMPANY lotsen die Paradeteilnehmenden durch den Park und animieren mit der einfachen Kopf-Schulter-Bewegung gleich auch zum Mitmachen. Auf der großen Wiese mit malerischem Blick aufs Planetarium lösen sich nun die Grenzen zwischen Zuschauenden und Tanzenden auf. Ob mit einfachen Schwing-Bewegungen oder Kontaktimprovisationen via Ellbogen. Dazu gibt es Trommeln, Trommeln und Trommeln. Schon bald tanzt eine Jugendgruppe im Reigentanz, Paare finden und trennen sich, alles ist in Bewegung und springt auf dem grünen Gras umher. Vom Grau der Stadt, vom Museum der Arbeit (ausgerechnet!) geht der Weg ins grüne Paradies, ins kollektive Fest. Tanzen alle mit? Nein! Aber die, die tanzen, das sind die Richtigen. Mutig, Couragiert. Voll Freude. In Bewegung. (ti)
15:15 Sand
Fast das große Finale: Im Stadtpark angekommen bildet sich auf dem großen Sandplatz eine große Freifläche. Hier nun bricht das Triennale-Publikum in das sonntägliche Publikum im Hamburger Stadtpark. Ganze Familien sammeln sich um die Energieausbrüche auf dieser, nun ja, Bühne zu bestaunen, wo nacheinander Irish-Walk, Bollywood-Sounds und Michael Jackson aus den mobilen Boom-Boxen ertönen, die unumgänglich sind bei diesem Event, und es gilt: Je größer, desto besser. Auch für die Mittanzenden bietet sich hier die Möglichkeit, die Stile der anderen einmal zu begutachten – und zu bejubeln. Doch vier Trommeln und eine ganze Reihe von Tänzer*innen mit einer Art umgebunden Rock-Tuch brechen jäh in diese Harmonie. Mit zuckenden Kopf- und Schulterbewegungen bedeuten sie den Umstehenden zu gehen und einmal den großen Teich zu umrunden. Auf zum letzten Akt (ti)
Eindruck von der City-Parade der Tanztriennale 2026
14:45 Asphalt
Die Stimmung ist gut, auf der Asphaltstraße können alle so richtig ihre Moves entfalten. Cheerleader wirbeln sich und ihre Pomp-Pomps umher, Salsa-Paare drehen so richtig auf, und die Partyanimals von Las Divas oder dem Liminal Lab ebenfalls. Die Vielfalt macht Spaß, auch wenn sich der Zug stellenweise ganz schön auseinanderzieht. Beste Beobachtungspunkte sind der Kreisel am Osterbeckkanal und die Kreuzung Hufnerstraße/Wiesendamm, wo sich entsprechend auch ein zahlreiches Publikum versammelt hat und die Amateure abfeiert. Auch an den Fenstern der Barmbeker Backsteinbunker, welche die Strecke säumen, finden sich hier und da entzückte Zaungäste. Eine junge Frau tanzt am offenen Fenster begeistert mit. Kann Hamburg Stimmung? Beim Tanz auf jeden Fall. (ti)
14:15 Kopfsteinpflaster
Vor dem ehemaligen Bohrkopf zum Elbtunnel haben sich die Tanzgruppen in einer langen Reihe versammelt und scharren mit den Hufen nach den kurzen Eröffnungsworten von Gwen Hsin-Yi Chang und Monica Gillette. Außerdem sprechen noch die beiden künstlerischen Leiterinnen der heute zu Ende gehenden Fotografietriennale. Also los. Doch die Polizei sagt nein, erst muss noch die Route bis in den Stadtpark gesichert werden. Derweil verschaffen sich auch die Tänzer*innen der Contemporary Dance School Hamburg Platz. Wer braucht schon Tanzboden, wenn es auch auf gutem altem Kopfsteinpflaster geht. An die 50 Beteiligte legen los und zeigen, was hier in Hamburg so alles geht. In der ersten Reihe versucht ein Kind sogar, alle Bewegungen nachzutanzen. Die Parade ist gestartet, nach und nach präsentieren sich die 550 Teilnehmenden aus 28 Gruppen: Ukrainische Folklore, Hip-Hop, Zeitgenössisches mit Saxophon, Samba, arabische und indische Tänze und auch der klassischer Turnier- und Jazzdance folgen dicht auf dicht, und alle bekommen ihren Jubel, bis schließlich „Die Antwort“ mit ihrem Fahrrad-DJ den Reigen abschließt. Lediglich die Rollstuhlgruppe der Rolling Good Times und Rollerskating Hamburg stoßen erst später dazu – für sie bedeutet das Kopfsteinpflaster ein Knockout. (ti)
14:00: Was macht das Wetter?
Das Wetter spielt mit. Viel Wind und Wolken, aber kein Regen. Braungebrannt und topfit taucht Arnd Wesemann, Tanzjournalist mit originellen Ansätzen, im Gewühl auf, der mal eben aus Berlin nach Hamburg gelaufen ist und ganz sicher auf seiner Website Tanz/Dance über diese Reise zur Tanztriennale bloggen wird. Die Gruppen aus den Bereichen Hip-Hop, estnischer Volkstanz, Rollschuh-Performance, Salsa Cubana, Irish Dance, bolivianische Tänze, klassischer indischer Tanz, Bollywood, Contemporary, Cheerleading, Puppenfiguren und viele weitere setzen sich in Gang. Den Künstler*innen der Flying Fish Truppe fliegen ihre fliegenden Fischskulpturen fast aus der Hand und: Die Hanseat*innen im Publikum tauen auf ... (nh)
13:30: Auf dem Weg
Auf dem Weg zur Parade der Tanztriennale: Wir sind in Hamburg, also im winddichten Mantel mit Regenschirm im Gepäck und in Erwartung, was das wohl wird – schließlich warnt eine Hamburger Kollegin, dass der Hanseat an sich eher reserviert ist und Tanzen auf der Straße vielleicht gar nicht so toll aufnehmen wird, wie es im Süden oder Westen des Landes der Fall ist. Mit künstlerischen Interventionen und der aktiven, generationenübergreifenden Beteiligung der breiten Öffentlichkeit will die City Parade „Brave Moves. Courageous Joy.“ den Versuch in die Tat umsetzen. Na, schau'n wir mal, wie 550 Menschen den Stadtteil Barmbek-Nord zum Tanzen bringen. (nh)
13:00: Letzter Soundcheck
Hält das Wetter, das ist die wohl wichtigste Frage an diesem Nachmittag der großen Parade, mit der die Tanztriennale heute eröffnet. Die letzten Tage hat sich die hamburgische Schietwetter-Qualität ja von ihrer besten Seite gezeigt, aber eine Stunde vor Start ist es trocken, und auf dem Gelände des Museums der Arbeit wuselt es herum. Jugendliche Jazz-Dance-Aktive witzeln durch die Gegend, Folkloregruppen überprüfen ihre traditionellen Kostüme, eine indische Tanzcombo posiert zum Gruppenfoto, und vor der großen Turbine, wo die Bühne aufgebaut ist, findet ein letzter Soundcheck statt. Es scheint, dass zumindest hier alles bereit ist. Und es scheint die Sonne ... (ti)
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