Gewalt des Anfangs
„What is War“ und „Rinse“ beim Tanzfestival Rhein-Main
Neutralität gibt es nicht, schon gar nicht auf der Bühne! Das beweist Joana Tischkau mit ihrer aktuellen Arbeit „Runnin’“, die im September 2025 am HAU in Berlin Premiere feierte. Gemeinsam mit ihrem Team legt sie die rassistischen Projektionen offen, die Schwarze beschleunigte Körper umgeben. Dass Laufen auf der Bühne seit dem Postmodern Dance vermeintlich neutral wirkt, widerlegen Tischkau und Team, indem sie diese alltägliche Praxis als inhärent weiß normiert entlarven. Ein Schwarzer Körper auf der Bühne erzeugt andere Assoziationen, wird anders gelesen, widersetzt sich dieser Normierung. Wenn zu Beginn der Arbeit zwei Performer*innen dank verlängerter Arme wie Gorillas auf allen Vieren die vernebelte Bühne betreten, drängen sich mir, dem weißen Autor dieser Rezension, rassistische Vorurteile auf, die bei einer vergleichbaren Szene aus Ruben Östlunds Film „The Square“, in dem ein weißer Schauspieler diese Körperlichkeit nachahmt, ausblieben. Keine Spur also von Neutralität.
Das minimalistische Bühnenbild von Carlo Siegfried, bestehend aus einer kreisförmigen, von Straßenlaternen erleuchteten Tanzfläche, wird, als der Nebel sich lichtet, zum öffentlichen Platz, wie man ihn in jeder Stadt findet. Darauf laufen – oder tanzen? – die vier großartigen Performer*innen Sharlan Adams, Dominique McDougal, Shanice Trustfull und Sophie Yukiko im Kreis, beinahe den ganzen Abend über. Sie variieren, immer im Gleichschritt, lediglich Tempo und Formation zum Beat der von Frieder Blume komponierten Kickdrum, die das Gerüst der gesamten Choreografie bildet und das Schritttempo bestimmt.
Alle vier haben von Nadine Bakota entworfene, bunte Sportkleidung an, wie sie zum Joggen üblich ist. Die kleine, aber entscheidende Nuance: auf ihre Shirts und Hosen sind Bruchstücke Schwarzer Körper gedruckt. Man sieht dort einen Hals mit goldener Kette oder ein Lauftrikot mit Sponsoren Aufdruck, unter dem eine Schwarze Schulter erkennbar wird. Die Performer*innen tragen also buchstäblich die von der weißen Mehrheitskultur geschaffenen Medienbilder Schwarzer Athlet*innen zur Schau. Auch die Posen, die die Tänzer*innen wiederholt einnehmen – Winken, eine Kusshand, das Peace-Symbol – erinnern an die bekannten Jubelgesten Schwarzer Läufer*innen. Immer wieder fangen die Performer*innen dabei die Blicke des (mehrheitlich weißen) Publikums ein und drehen den Spieß um: indem sie, mal irritiert, mal belustigt, mal keck zurückblicken. Durch diese Umkehrung fordert Tischkau konventionelle Sehgewohnheiten heraus und hinterfragt das Blickregime, in dem Schwarze Körper dem weißen Blick und seinen rassistischen Fantasien schonungslos ausgeliefert sind.
Nach circa zwei Dritteln des Abends zücken die Performer*innen Waffen und mit dem Lichtwechsel zu einem gefährlich wirkenden Rot kippt die gesamte Stimmung. Das Laufen auf der Bühne verortet sich schlagartig in völlig anderen Kontexten. Auf einmal bricht die Realität der rassistischen (Polizei)Gewalt gegen Schwarze Menschen, die traurige Wirklichkeit von Krieg und Flucht in den Bühnenraum ein. Eine an Computerspielfiguren angelehnte Körperlichkeit der Tänzer*innen erweitert die Bühne dabei noch um den virtuellen Raum. Die strikte Trennung beider Sphären wird zusehends schwierig. Das ist klug eingefädelt, wenn man bedenkt, dass sowohl die stereotypen Bilder Schwarzer Körper als auch diejenigen der an ihnen verübten Gewalt vor allem auf den Bildschirmen von Smartphones, Laptops oder Fernsehern rezipiert werden und so unsere Wahrnehmung prägen.
Dieser Teufelskreis der Gewalt, der das letzte Drittel des Abends bestimmt, wird stellenweise tänzerisch unterbrochen. In einer sehr schönen Szene, die eine sanfte Widerständigkeit ausstrahlt, stehen die vier Performer*innen in der Mitte der Bühne, strecken ihre Wasserpistolen mit der rechten Hand in die Luft und posieren dabei wie antike Statuen. Als sie dann beginnen, Wasser in die Luft zu schießen, ist ihre Verwandlung in einen friedlich plätschernden Springbrunnen perfekt. Dass solche Statuen häufig aus strahlend weißem Marmor bestehen, macht die Überschreibung nur umso wirkungsvoller. Untermalt von Tracy Chapmans „Talkin’ bout a revolution“ wird hier eine hoffnungsvolle Gegenrealität skizziert, die kurz darauf jedoch durch tödliche Schüsse in sich zusammenfällt.
Mit „Runnin’“ ist Tischkau und ihrem Team ein rassismuskritischer Abend gelungen, der die Ambivalenzen Schwarzer laufender Körper ausleuchtet und trotz der Länge von circa 90 Minuten nie langweilt. Die simple, aber effektive Choreografie harmoniert so stimmig mit Bühnenbild, Kostüm und Musik, dass es den Performer*innen leichtfällt, die durchaus ambitionierte Menge hochgradig politischer Themen unter einen Hut zu bringen – und das, ohne je ein Wort zu sagen.
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