„Next Wave | Masters of Dance | Visionen der Moderne“ mit „Ephemerus“ von Ana Isabel Casquilho am Landestheater Eisenach

„Ich will die Company sichtbar machen“

Interview mit Jorge Pérez Martínez, seit dieser Spielzeit Ballettdirektor am Landestheater Eisenach.

Zur anstehenden Premiere von „Next Wave | Masters of Dance | Visionen der Moderne“ spricht der Choreograf und Tänzer Jorge Pérez Martínez über seine Beziehung zu Lucinda Childs, seine Pläne in Thüringen und eine alte Dame in Madrid.

Eisenach, 20/02/2026

Sie sind seit dieser Saison Ballettdirektor am Landestheater Eisenach. Wie liefen die ersten Monate?

Ehrlich gesagt sehr gut. Ich hatte keine Angst davor, was die Arbeit im Studio angeht, aber alles, was mit der Arbeit drumherum zu tun hatte, bereitete mir größere Unsicherheiten. Ich habe bei Introdans in den Niederlanden in ähnlicher Position gearbeitet, aber jedes Theater ist eine andere Welt. Also musste ich mich erst daran gewöhnen, wie hier die Arbeitsabläufe sind. Das Organisatorische macht mir am meisten zu schaffen. Aber mittlerweile habe ich mich sehr gut eingearbeitet.

Sie sind mit einem Klassiker gestartet ...

Meine erste Kreation hier als neuer Ballettdirektor und Chefchoreograf war im Oktober 2025 „Romeo und Julia“. Wir hatten nur fünf Wochen Zeit für dieses fast zweistündige Ballett mit einer Company, in der sich die Tänzer*innen untereinander nicht kannten. Genauer gesagt, wir kannten uns, aber wir hatten noch keine Verbindung zueinander. Das war eine Herausforderung. Wir haben viel gearbeitet, aber es hat sich gelohnt.

Sie haben die Company von Andris Plucis übernommen, der sie 15 Jahre lang geführt hat. Wie hat das Publikum den Wechsel aufgenommen?

Andris Plucis prägte hier eine ganze Ära. Er hat hier wirklich unglaubliche Arbeit geleistet, denn dies ist ein kleines Theater, und es ist seinem Ballett sehr zugetan. Das ist sein Werk. Unsere erste Produktion war ein bekannter Stoff. „Next Wave“, das wir jetzt zur Premiere bringen, ist etwas anders, vielleicht etwas komplizierter. Für mich ist das ein wichtiger Schritt. Ich möchte den Stil, die Werte des Repertoires, all das beibehalten, aber ich möchte auch andere, ganz unterschiedliche Stile einführen, die hier auf der Bühne noch nie zu sehen waren. 
Ich habe hier neun Tänzerinnen und neun Tänzer. Wir wollen eine Veränderung und uns für ein breiteres Repertoire öffnen. Wir haben drei neue Produktionen pro Jahr. In drei oder vier Jahren werden wir also ein umfangreiches eigenes Repertoire haben. Die Idee ist hier etwas zu schaffen, nicht nur für mich oder für die Tänzer*innen, sondern auch für das Publikum. 

Sie haben Tanz in Madrid am Konservatorium studiert, aber kommen nicht aus Madrid. 

Ich komme aus Almansa, einem sehr kleinen Dorf in der Nähe von Valencia. Ich habe an der dortigen Ballettschule angefangen, und als ich 14 Jahre alt war, ging es nach Madrid ans damalige königliche Konservatorium. Ganz allein. Da habe ich bei der Mutter eines Freundes meines Vaters gewohnt. Eine 80 Jahre alte Madrider Dame, eine wunderbare Frau namens Pepita. Sie hatte eine Wohnung im Zentrum von Madrid, in Lavapiés und lebte dort ihr ganzes Leben lang. Sie hat sich sehr gut um mich gekümmert und mir Madrid gezeigt. Sie wusste alles. Von Madrid ging ich als Tänzer nach Bern und von dort in die Niederlande. Dort habe ich mit dem Tanzen aufgehört. Ich habe zwölf Jahre lang getanzt.

Wie war der Übergang vom Tänzer zum Choreografen? 

Der war sehr fließend. Ich begann, Choreografien für „Dancers Makers”, eine Plattform für Nachwuchschoreograf*innen in den Niederlanden, zu entwickeln. Das will ich auch hier beibehalten, nicht in dieser Saison, aber in der nächsten. Denn das ist etwas sehr Wichtiges. Dort begann ich zu experimentieren, habe Kontakte geknüpft und kreierte kleine Choreografien für andere Companies. Plötzlich war ich 37 Jahre alt. Ich war körperlich noch sehr fit, tanzte noch sehr gut. Doch durch die Vielzahl an eigenen Projekten konnte ich nicht mehr gleichzeitig tanzen und choreografieren. Da war es an der Zeit, mit dem Tanzen aufzuhören und mich ganz der Choreografie zu widmen. 

Der neue Abend, der am 21. Februar Premiere hat, trägt den Titel „Next Wave | Masters of Dance | Visionen der Moderne“. Neben „Concerto for 2“ von Ihnen und Robert Battles „The Hunt“ ist auch „Ephemerus“ von Ana Isabel Casquilho dabei, das 2025 in Eisenach zur Uraufführung kam und für den Faust-Preis nominiert war.

Ich habe vor vielen Jahren mit Ana getanzt, und mir gefällt Anas Arbeit sehr. Wir kennen uns seit 20 Jahren, wir verfolgen uns gegenseitig und verstehen uns gut. Wir haben unterschiedliche Choreografiestile, stützen uns aber auf die gleiche klassische Technik. Ihr Stil hat etwas Modernes, Zeitgenössischeres. Ana verwendet elektronische Musik, das finde ich sehr attraktiv für das Publikum. Die Tatsache, dass sie mit dieser Arbeit in Eisenach für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST nominiert war, hat mich dazu bewogen, sie in „Next Wave“ zu integrieren. Ich habe ihr von Anfang an vertraut, und da hat sich einfach bestätigt, was ich ohnehin schon dachte. 

Mich überrascht, dass auch „Chairman Dances“ von Lucinda Childs auf dem Programm steht, da ihr Stil sich auch ziemlich vom klassischen Ballett unterscheidet. Wie kam es zu der Idee, ausgerechnet ein Werk von ihr zu verwenden? 

Ich habe die offizielle Erlaubnis, ihre Arbeiten einzustudieren, so ist es auch bei „Chairman Dances“ am Landestheater Eisenach. Ich arbeite sehr gut mit Lucinda zusammen und habe in vielen ihrer Kreationen getanzt. Als ich mit dem Tanzen aufgehört habe, fragte sie mich, ob ich in New York einige ihrer Choreografien einstudieren könnte, die sie in Europa erschaffen hat. So begann die Verbindung. Ich habe mich für „Chairman Dances“ entschieden, weil es wahrscheinlich eines der klassischsten Werke von Lucinda ist. Sie hat es 2000 mit Les Ballets de Monte Carlo uraufgeführt. Ich habe es auch sehr oft getanzt. Es ist ein Ballett, das ich mit vielen Companies einstudiert habe, und ich denke, es passt auch sehr gut zu den Tänzer*innen, die wir haben. Lucinda arbeitet viel mit Wiederholung, sehr minimalistisch. Sie kreiert in der Regel zwei bis vier Phrasen, wiederholt sie und verändert sie und hat die Fähigkeit, spektakuläre Formationen zu schaffen. Lucinda ist ein Genie, eine Architektin des Balletts. So etwas nach Eisenach zu bringen und ihre Arbeit hier vorzustellen, schien mir eine sehr gute Gelegenheit bei „Next Wave“.

Aktuell werden die Stücke nur hier in Eisenach gezeigt? 

Im Moment ja, aber wir prüfen die Möglichkeit, es in der nächsten Saison in anderen Theatern zu zeigen. Denn wir pflegen rege Kooperationen, zum Beispiel mit dem Staatstheater Meiningen. Dort zeigen wir fast alle Programme, aber normalerweise erst in der darauffolgenden Spielzeit. Diese Saison ist es das erste Mal, dass wir ein Ballett, „Romeo und Julia“, direkt nach der Premiere dort aufgeführt haben. Für mich ist es wichtig, die Company sichtbar zu machen. Ich habe immer in Repertoire-Companies gearbeitet, die auf Tournee gingen. Das bringt den Tanz dem Publikum näher. Nächste Spielzeit wollen wir auch mit „Romeo und Julia“ gastieren.

Im April kommt mit „Buenavista Dancing Club“ dann auch noch ein lateinamerikanisches Ballett?

Es ist ein Abend mit lateinamerikanischer Musik. Wir werden weiterhin Ballett sehen, aber es ist von der Musik des Buena Vista Social Club inspiriert. Es wird eine Mischung aus Handlungsballett und anderen Tanz-Elementen sein, also verschiedene Szenen, die sich an einem Abend in einem Tanzclub mit lateinamerikanischer Musik abspielen können.

Wie gefällt Ihnen die Stadt? 

Ich habe ja auch in Erfurt gearbeitet, aber immer nur als Gast. Ich kam für zwei Monate und ging dann wieder. Jetzt lebe ich im grünen Thüringen. Es ist schön, aber ich hatte noch nicht viel Zeit, um die Gegend zu erkunden. Das Theater nimmt einen schon sehr in Anspruch.

 

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