„Buena Vista Dancing Club“ von Jorge Pérez Martínez mit dem Ballett des Landestheater Eisenach: Ensemble

Eisenach, Kuba

„Buena Vista Dancing Club“ von Jorge Pérez Martínez am Landestheater Eisenach

Melodramatisch und energetisch: Das Landestheater Eisenach lädt zum kubanischen Abend, mit viel Musik und Tanz. Bedient das nur Klischees?

Eisenach, 26/04/2026

Kuba und seine Musik, das verspricht immer große Sehnsucht, emotionale Latino-Rhythmen und karibisches Feuer, immer mit der Gefahr behaftet, in einer kitschigen Kreuzfahrtpostkarte zu enden. Jorge Pérez Martínez, der neue Ballettdirketor am Landestheater Eisenach weiß um diese Fallstricke, und sein Abend „Buena Vista Dancing Club“ bedient und umschifft alles gleichermaßen.

Das beginnt schon bei der Musikauswahl. Natürlich dürfen einige Klassiker nicht fehlen, zumal der namensgebende Film und Soundtrack von Wim Wenders und Ry Cooder und seine musikalischen Held*innen, allen voran Ibrahim Ferrer, Compay Segundo und Omara Potuaondo ja mittlerweile zu unsterblichen Ikonen geworden sind. Doch wenn neben den bekannten Weisen auch eine weniger bekannte, dafür umso tiefer gehende Version von „Quizas, Quizas, Quizas“ als Duett von Ferrer und Potuando erklingt, die dann auch noch zu Herzen gehend getanzt wird, dann wird hier doch einiges richtig gemacht.

 Auch die schnittige Version von„La Bamba“ hat es in sich, und so springt die Musik nicht nur zwischen Salsa, Son, Mambo, Rumba und Cha-Cha (sowie einer Prise Reggaeton) hin und her, sondern wechselt zwischen schmelzend-schmalzig und purer Ekstase, wobei das Lebensbejahende Wilde die Oberhand behält. 

Fensterläden mit Patina, Neoklassik statt Latino-Tänze

Zu dieser akustischen Grundlage hat Robert Schrag eine ganze Reihe von bühnenhohen Fensterläden voller Patina gebaut, die über die Bühne gerollt werden und sogar von innen beleuchtet werden können. Das schafft für jede Szene neue Räume und spannende Lichtimpressionen. Außerdem dabei: ein riesiges Sofa. Willkommen im Club! Dazu liefert Judith Adams Kostüme, die zwischen feinem Ausgehzwirn und Abendkleidern sowie knappen Tops und Unterhemden changieren und dem Ganzen einen Anflug aus „West Side Story“ verpassen.

In dieses Setting schickt Choreograf Pérez Martínez seine 21 Tanzenden. Dabei setzt er auf eine Bewegungssprache, die klar im Neoklassischen verortet ist, aber auch Anleihen an Akrobatik und Hip-Hop nicht versteckt. Auf klassische Latino-Tanzstile wird weitestgehend verzichtet, wohl auch um Showtanz-Effekte zu vermeiden, öfter schon kommt mal eine klassische Pirouette zum Einsatz, wobei nicht auf Spitze getanzt wird. Das Ensemble darf sich hier voll einbringen.

Die Choreografie setzt auf wirksame Gruppenszenen, in denen sich etwa die Herren aneinander spiegeln dürfen oder die Damen sich wie auf einer Toilette vor dem Spiegel präsentieren. An anderer Stelle stürmen alle mit Fächern bewaffnet durch Seitentüren in den Saal oder belagern zusammen das riesige rote Sofa in kurzen Blitzlichtaufnahmen. Hier findet auch der erste Höhepunkt vor der Pause statt: Grace Humpris, Luigi Cifone und Davide Benigni tanzen auf dem Sofa eine intensive Ménage-a-trois. Humpris sitzt zeitweise im Spagat auf den beiden Männern und stürzt später dominierend auf Begini, der wiederum auf Cifone liegt, während von oben buntes Konfetti zum dem Buena-Vista-Song „Dos Gardenias“ herabregnet.

Starke Frauen und liebende Männer

An anderer Stelle tanzen die beiden Tänzer ein emotionales Pas de Deux zweier sich liebender Männer. Das Gegenstück liefern Andrea De Marzo und Ruxandra Martina als scheues Paar, das sich gerade erst kennenlernt und tänzerisch aushandelt, wer den Hut auf hat. Auffällig an diesem Abend: Es sind meist die Tänzerinnen die in solchen Konstellationen das letzte Wort haben. Neben den großen Emotionen darf es aber auch durchaus humoristisch werden, wenn etwa Teresa Vega Alvcázar Díaz und Antonia Selow zum großen deutsch-spanischen Bacalao-Kochen einladen.

Jorge Pérez Martínez gelingt am Landestheater ein opulenter Abend, der zeitgenössisches Ballett mit Popkultur zu verbinden weiß, ohne einen der beiden Teile zu verraten. Dass dieser Abend ein Publikumsschlager wird, dürfte ausgemacht sein. Nach „Romeo und Julia“ und „Next Wave“ mit Stücken von Lucinda Childs und Robert Battle hat er seinen ersten Vorstellungsreigen abgeschlossen. Das kann sich sehen lassen, und auch das Publikum ist bereit, seinen Weg mitzugehen. Da geht was in Eisenach.

 

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