(Ein)Wirken
Double-Bill „Winterdance“ auf Malta
Doppelabend der Company Of Curious Nature mit „Ezan Kélé“ und „Where We Stand“ in der Schwankhalle
Von Mika Dunkel
Das Bremer Ensemble Of Curious Nature präsentiert in seinem neuen Abend gleich zwei choreografische Positionen nebeneinander. Den Tanzdoppelabend eröffnet Kossi S. Aholou mit „Ezan-Kélé“, in seiner Arbeit entwirft er einen poetischen Zwischenraum aus Erinnerung, Körper und Traum, während Fay van Baar in „Where We Stand“ den Moment des kollektiven Zögerns untersucht. Das Ensemble ist eine feste Größe der Bremer Tanz-Szene. Es versammelt internationale Tänzer*innen und hat unter der künstlerischen Leitung von Helge Letonja einen zeitgenössischen Bewegungskanon entwickelt, der zwischen emotionaler Intensität und reflektierter Körperarbeit oszilliert. Die Arbeiten suchen dabei bewusst die Nähe zum Publikum – nicht nur auf der Bühne, sondern auch in offenen Probenprozessen und partizipativen Formaten. Daran schließt der aktuelle Doppelabend an.
„Ezan Kélé“ von Kossi S. Aholou-Wokawui
Kossi S. Aholou-Wokawui, einst selbst Tänzer im Ensemble, öffnet einen Erinnerungsraum, geprägt von Bildern seiner Heimat Togo. Die Choreografie setzt in der Morgendämmerung an – jenem Übergang zwischen Nacht und Tag, Traum und Wachzustand. Dieser Schwebezustand durchzieht das gesamte Stück.
Die Bewegungen sind ruhig, kontrolliert, scheinbar organisch. Begleitet von percussionreicher Musik (Toto Bissainthe, Divan Gattamorta, Simon Mayer, Serge Weber; Bearbeitung: Aholou-Wokawui) bewegen sich die Tänzer*innen, einheitlich in blaue Stoffhosen gekleidet, im Einklang, lösen sich aus Formationen und finden wieder zurück, ohne je ins Chaos zu kippen. Die Abläufe wirken ritualisiert, als folge jede Geste einer inneren Ordnung. Die Körper scheinen noch vom Schlaf durchzogen. Bewegungen entstehen tastend, breiten sich aus, versickern wieder. Immer wieder entstehen Momente des Dazwischen – zwischen innerer Empfindung und äußerer Realität.
Gegen Ende durchbricht ein warmes, oranges Licht die Bühne. Die Zeit verlangsamt sich. Jed Nagales liegt im Zentrum, während Tänzerpaare, in schwere Decken gehüllt, Nagales in ruhigen Bahnen umkreisen. Die Szene nimmt rituelle, beinahe sakrale Züge an und kippt zugleich ins Intime: eine stille „Zu-Bett-Geh-Situation“. Der Tänzer wird zugedeckt, eine spürbare Ruhe kehrt ein. Mit sanfter Bestimmtheit verlassen die Paare den Raum. Das Motiv des Übergangs kehrt zurück: Ein Ende, das als möglicher Anfang lesbar bleibt.
„Where We Stand“ von Fay van Baar
Bereits zu Beginn der Uraufführung liegt eine latente Spannung im Raum. Ein dunkles Quadrat im Zentrum fungiert als visuelles und dramaturgisches Kraftfeld. Eine Tänzerin sitzt darauf, allein, scheinbar lautlos schreiend – ein Bild unmittelbarer Unruhe.
Alles ist reduziert, beinahe klinisch. Bewegungen werden sichtbar in ihrer Nacktheit: Gehen, Anhalten, Blickwechsel. Die Musik (Shida Shahabi, Henry Torgue & Serge Houppin) erzeugt mit mechanischen Klängen und tickenden Strukturen eine Atmosphäre permanenter Erwartung. Das Ensemble bewegt sich in Alltagskleidung (Kostüme: Kitty Lyell) zunächst synchron, beinahe maschinenhaft.
Doch die Ordnung beginnt zu bröckeln. Kleine Irritationen schleichen sich ein, Asymmetrien entstehen, lösen sich wieder auf. Körper erstarren, Blicke fixieren Unsichtbares. Annäherung und Distanz wechseln sich ab: Festhalten und Loslassen werden zu wiederkehrenden Motiven. Auch das Quadrat verändert seine Bedeutung. Es wird zur dunklen Masse, trägt Körper, verschluckt sie beinahe wie ein schwarzes Loch. Später gewendet, zeigt es eine helle Unterseite. Der Rahmen dient als Projektionsfläche und Fokussierungsinstrument zugleich.
Ausgangspunkt der Choreografie ist der sogenannte Bystander-Effekt – das Zögern von Individuen in der Gruppe einzugreifen bei Notfällen. Van Baar übersetzt dieses Phänomen in ein präzises Bewegungsvokabular aus minimalen Gesten: ein Innehalten, ein Zurückweichen, ein zögernder Blick. Darin spiegelt sich eine Gegenwart, die Gemeinschaft beschwört und zugleich Isolation produziert. Die ausgestreckte Hand wird ebenso bedeutungsvoll wie die, die sich entzieht – mit der Konsequenz, dass jemand fällt.
Zwischen Stimmung und Struktur
Auf sehr unterschiedliche Weise entfalten beide Arbeiten ihre Wirkung auf das Publikum. Aholou-Wokawuis Arbeit entwickelt eine durchgehend klare, fast meditative Stimmung. „Where We Stand“ hingegen wirkt bewusst fragmentierter und unruhiger. Dieses Moment des Chaos erweist sich jedoch als schlüssig: Es entspricht dem zugrunde liegenden Prinzip des Bystander-Effekts und entfaltet sich als tänzerische Gesellschaftskritik.
Van Baars Stück entwirft ein Bild von Gemeinschaft, das von Widersprüchen geprägt ist – zwischen Zusammenhalt und Überforderung, Nähe und Passivität. Die Themen von Gewalt und Hilflosigkeit werden dabei nicht abgeschwächt, sondern in ihrer Unmittelbarkeit erfahrbar gemacht. Das schwarze Quadrat fungiert als eine Art choreografischer Fixpunkt, ähnlich einem MacGuffin, also einem Element, das die Aufmerksamkeit bündelt und die Handlung bedeutungsschwer strukturiert, ohne dabei selbst vollständig erklärt oder aufgelöst zu werden.
Auch im Schluss unterscheiden sich die Arbeiten deutlich. Während „Ezan-Kélé“ in eine ruhige, folgerichtige Auflösung mündet, bleibt „Where We Stand“ in einem Zustand des Zögerns, als würde das Stück selbst nicht zu einem eindeutigen Ende finden.
„Ezan-Kélé“ überzeugt durch seine atmosphärische Geschlossenheit und die konsequente Ausarbeitung seiner Bildsprache. „Where We Stand“ entfaltet seine Stärke vor allem auf konzeptioneller Ebene, wirkt in der choreografischen Umsetzung jedoch stellenweise bewusst fragmentiert und herausfordernd. Gerade in dieser Gegensätzlichkeit entfaltet der Tanzdoppelabend in der Schwankhalle seine eigentliche Stärke: weniger als geschlossenes Gesamtbild, sondern als ambivalentes Spannungsfeld unterschiedlicher ästhetischer und inhaltlicher Zugänge.
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