„Alles anders“ von Daniel Ernesto Mueller, Tanz: Rodolfo Piazza Pfitscher da Silva und Kati Masami Menze

Ahnungsloser Tod

„Alles anders“ von Daniel Ernesto Müller am FFT Düsseldorf

Freche Neugier ist der Motor einer unkonventionellen Auseinandersetzung mit dem Thema Tod – bis sogar der Tod persönlich ins Gras zu beißen droht.

Düsseldorf, 15/06/2026

Von Maren Nöding

Auf der Bühne des FFT Düsseldorf ist gerade jemand gestorben. Und das Publikum freut sich. Spontaner Szenenapplaus. Sterben macht ja auch eine Menge Arbeit: Darsteller Rodolfo Piazza Pfitscher da Silva geht mit lautem Stöhnen und schmerzverzerrtem Gesicht in Zeitlupe zu Boden. Er gibt wirklich alles und erntet verdiente, wenn auch angesichts des Inhalts der comicartig überzeichneten Darstellung unerwartet ausgelassene Begeisterung: „Das war guuuuut!“ befindet ein begeisterter Ausruf aus dem Parkett.

Hier ist wirklich, wie der Titel es ankündigt, „Alles anders“: Das neue Kinderstück von Daniel Ernesto Müller bricht entschlossen mit der Annahme, dass dem Tod nur mit gedämpfter Stimme und Trauer begegnet werden darf. Herkömmliche Schwere sucht man auf der Bühne vergebens. 

Die Kunst des Zutrauens

Müller weiß, was er tut, wenn er dieses Risiko auf sich nimmt – ein Risiko, das, denkt sich die Rezensentin anfangs noch, sehr leicht nach hinten losgehen könnte. Doch merkt man dem Gestalter des Ganzen seine künstlerische Erfahrung in jeder szenischen Idee und Entscheidung an. In seiner Arbeit für Erwachsene ist Müller als die eine Hälfte von HARTMANNMUELLER bekannt, einem mit Simon Hartmann 2011 gegründeten Projekt, das in NRW spitzengefördert und in der Tanzszene fest verankert ist. Das Duo zeichnet sich durch seinen absurden Humor und das lustvolle Dekonstruieren von Sehgewohnheiten aus. Dass Müller nun mit seiner ersten Arbeit für Kinder ganz ohne Berührungsängste ein so gewichtiges Thema wie die Endlichkeit anfasst, überrascht also nicht. 

„Alles anders“ lebt von einer tiefen Neugier am Erkunden. Das Stück für ein Publikum ab fünf Jahren kommt ohne jeden pädagogischen Kitsch aus und zeugt stattdessen von einer tiefen Sensibilität und Wertschätzung für die Ideen- und Erfahrungswelten von Kindern. Sie werden hier nicht nur für voll genommen, auch traut Müller ihnen eine Menge zu. Nie inszeniert er über ihre Köpfe hinweg, was vielleicht daran liegt, dass er sie in enger Zusammenarbeit mit einer Montessori-Schule schon im Entstehungsprozess als Expert*innen mit einbezog.

Kopfkino aus dem Koffer

Die gesammelten Stimmen, Fragen und teils ganz schön wilden Visionen bilden das Fundament von Szenen, die sich dem Transfer kindlicher Fantasie auf die Bühne verdanken: Während die Protagonist*innen beispielsweise darüber diskutieren, wie der Tod denn nun aussehen könnte, verwandelt Rodolfo Piazza Pfitscher da Silva die Geistesblitze der Kinder in eine greifbare, bunte Theaterrealität. Es entsteht ein Schlagabtausch zwischen Wort und Bild: Während Kati Masami Menze die oft herrlich absurden Vorstellungen ausspricht, veranstaltet der Tod mit allen möglichen Dingen aus seinem Koffer eine regelrechte Modenschau.

Das Publikum strudelt genüsslich-rasant in einem Hin und Her zwischen Grusel und Gelächter. Immer, wenn sich die Stimmung verdüstert und Klischees wie das Skelett mit schwarzer Robe und Sense beschworen werden, macht sich „Alles anders“ schon daran, das Narrativ trotzig zu zerpflücken. Dann posiert der Tod mit Sonnenblumen-Sonnenbrille oder gleitet auf Rollschuhen schwebend durch Theaternebel. Solche Kontraste nehmen dem Unbekannten den Schrecken, ohne die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung aufzugeben. Denn eins wird klar: Der Tod selbst hat vom Umgang mit dem Tod genauso wenig Ahnung wie wir alle.

Keine Gegensätze

Wenn die Worte an ihre Grenzen stoßen, übernimmt Bewegung die Erzählung. Dann verschmelzen die scheinbaren Gegensätze zu einer tänzerischen Symbiose, in der Machtverhältnisse aufgehoben werden. Und der Atem der Darstellerin wird zum Wind, von dem der Tod sich führen lässt. Immer wieder zeigt sich so, dass Leben und Tod keine Gegensätze sind, sondern in einer rhythmischen Verbindung stehen.

Gerade Erwachsenen sei „Alles anders“ wegen dieser Offenheit im Umgang mit dem Großen, Existenziellen wärmstens ans Herz gelegt. Es geht eben nicht darum, den Tod zu erklären, sondern der Angst vor dem Unbekannten mit Neugier zu begegnen. Das nimmt nicht nur Berührungsängste, sondern schaut mit Spannung auf ein „Nachher“, das hier eher wie eine ungeöffnete Wundertüte erscheint.

 

 

Bewegungsmelder – Nachwuchswerkstatt für Tanzjournalismus aus NRW

Dieser Text entstand im Rahmen des Projekts „Bewegungsmelder – Nachwuchswerkstatt für Tanzjournalismus aus NRW“, einer Kooperation von tanznetz mit dem Masterstudiengang Tanzwissenschaft des Zentrums für Zeitgenössischen Tanz (ZZT) an der Hochschule für Musik und Tanz Köln und dem nrw landesbuero tanz.

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