Let’s Celebrate Talking Together

Tag 2 der internationalen tanzmesse nrw

Von Messeständen über Pitchings bis hin zu Diskussionsformaten. Mit bester Laune tauscht sich die internationale Tanzszene in Düsseldorf aus.

Düsseldorf, 02/09/2022

Man kommt ins Staunen über die Menschenmassen, die am Donnerstagmorgen auf der internationalen tanzmesse nrw zusammenkommen. Bis Samstag stellen Choreograf*innen, Kompanien, Produktionsfirmen und -häuser aus aller Welt ihre Arbeiten im kürzlich re-designten NRW-Forum aus. Erstmals werden dieses Jahr die unzähligen kleinen Einzelstände zusammengefasst in größere Stationen, an der die gesamte Arbeit aus der jeweiligen Region vorgestellt wird. Die Stimmung ist schon früh am Morgen bestens. Während der taiwanische Stand die internationale Tanzszene zum fröhlichen Bubble-Tea-Empfang einlädt, heizen gegenüber die Tanzschaffenden aus Guinea und dem Senegal die Stimmung mit energetischer Trommelmusik auf. Kennenlernen und sich Austauschen ist an den Vormittagen angesagt. Vor allem aber die Freude, wieder so zahlreich zusammenkommen zu können, wird sichtbar.

Die ästhetische und inhaltliche Bandbreite der Tanzmesse, auf die das neue Leitungsteam Isa Köhler und Katharina Kucher gemeinsam mit ihrem Team an Ko-Kurator*innen ein so großes Augenmerk legt, wird beispielsweise in der Pitching-Session am frühen Nachmittag im Düsseldorfer Freiraum deutlich. In dem 2020 vom Düsseldorfer Choreografen Ben J. Riepe gegründeten Arbeits-, Recherche- und Probenort stellen drei Künstler*innen in Kurzvorträgen mit anschließender Fragerunde ihre aktuellen Produktionen bzw. Arbeitsstände vor, die allesamt durch ihre gesellschaftspolitischen und ästhetische Konventionen aufbrechenden Ansätze neugierig machen.

Die schottische Choreografin Laura Fisher befindet sich derzeit im Arbeitsprozess an ihrer durativen Performance-Installation „Forged (the tender heat of your embrace“), in der sie durch die Forschung mit Wärme ein Stück erschaffen will, das für Körper, die viel Ruhe brauchen, Kunst und Entspannung vereint. „Score for a sore and tired body“ nennt Fisher diese Praxis, die sie in der Zukunft mit anderen Künstler*innen teilen möchte.

Der taiwanische Choreograf Watan Tusi stellt mit seiner Produzentin die taiwanisch-indonesische Double Bill „Ari Ari & Ita“ vor, die sich im kulturellen Austausch mit verkörperter Heimat, insbesondere in der Diaspora, auseinandersetzt. Sie werfen die Frage auf, wie indigene und traditionelle Tänze in zeitgenössischen Kontexten neudefiniert werden können.

In einem sehr eindrücklichen Vortrag berichtet die in Berlin lebende kolumbianische Choreografin Martha Hincapié Charry über ihre Produktion „Amazonia 2040“, die vor wenigen Wochen bei Tanz im August Uraufführung feierte. Sie selbst stammt aus einem indigenen Volksstamm im Amazonas-Regenwald, der mittlerweile als ausgestorben gilt. Als Hommage an die Communities des Regenwalds, die durch Brandrodung, eingeschleppte Krankheiten und Gewalt immer stärker bedroht werden, stellt sie die Frage, was wir von unseren Vorfahren im Umgang mit Natur und Umwelt lernen können.

Am Nachmittag lädt TANZ.media – der Verein zur Stärkung und Weiterentwicklung des Qualitätsjournalismus im Tanz – zu einer Panel-Diskussion ins FFT Düsseldorf ein. „Punk = dead, Print = dead, Dance = next – The future of dance journalism“ prangt als Einblendung über den Diskutant*innen – Vorstandsmitglieder von TANZ.media sowie Journalistinnen aus Tschechien und der Ukraine. Während die prekäre Situation der Künstler*innen in Zeiten der Pandemie in den Fokus der Öffentlichkeit rückte, nimmt die Tanzszene den schleichenden Niedergang des Journalismus aktuell noch zu klaglos hin. Auf Basis der eigenen Arbeitserfahrungen und -bedingungen startet das Panel daher einen wichtigen Diskurs über die Selbstbehauptung des Tanzjournalismus, wirft Ideen für eine zukünftige intermediale Ausrichtung der journalistischen Tätigkeiten auf und tritt in der anschließenden Diskussionsrunde in einen anregenden Austausch mit den Tanzschaffenden im Publikum.

Die klug gesetzten Rahmenbedingungen der einzelnen Dialog- und Präsentationsformate ermöglichen hier die intensive Auseinandersetzung mit den aktuell großen Themen wie Rassismus, Kolonialismus und Gender-Debatten. Während das herrliche Spätsommerwetter die Messeatmosphäre begünstigt, schwingt angesichts ausgetrockneter Rasenflächen die Angst vor der Klimakatastrophe mit. Trotz der ausgelassenen Partyatmosphäre ist stets ein große Empathie für das Leid angesichts aktueller Kriege und die Angst vor des Eskalation weiterer Konflikte zu spüren. Wenn dies in den nächsten zwei vollgepackten Tagen auch noch zu vielen spannenden Kooperationen und Gastspielen führt, hat die Messe ihren Zweck vollauf erfüllt. 
 

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