Ameisen im Kunstwerk

Uraufführungen von Simone Sandroni und Martin Schläpfer zur Eröffnung der Ballettfestwoche

München, 14/04/2008

Ivan Liška ist der erste Ballettdirektor, der Martin Schläpfer von seiner Mainzer Kompanie weggelockt hat, die Uraufführung von „Violakonzert/II“ war deshalb natürlich der spannendste Teil des neuen Programms beim Bayerischen Staatsballett. Davor stand ein Klassiker des Schläpfer-Vorbilds Hans van Manen - ein Balanchine als drittes Stück hätte die Entwicklungsrichtung des neoklassischen Tanzes also sicher perfekt aufgezeigt, aber das Münchner Publikum schien eigentlich ganz erfreut über etwas gute Unterhaltung statt Bildung.

Und das ausgerechnet von einem Vertreter der zeitgenössischen Avantgarde. Simone Sandroni hat seine Wurzeln im belgischen Tanztheater bei Wim Vandekeybus und ist heute einer der zwei Direktoren der Minikompanie Déjà Donné. Beim großen Staatsballett fühlt sich der Italiener offensichtlich wie ein Kind im Schlaraffenland: Fast alles, was die klassischen Tänzer so drauf haben, lässt der Choreograf sie in „Cambio d'abito“ ausprobieren, drollig arrangiert als Schäferspielchen in der großen Tänzer-WG. Second-Hand-Klamotten türmen sich auf dem Boden, sie stürzen vom Himmel und sollten eigentlich, so stellt man sich das Konzept eines Stückes mit dem Titel „Kleiderwechsel“ vor, den 14 Tänzern in immer neue Identitäten verleihen. Was leider nicht ganz funktioniert, stattdessen langweilt Sandroni durch alte Gimmicks aus der Performance-Trickkiste - singen, schreien und mit dem Pianisten quatschen, zwischendurch saubermachen, einmal quer durchs Bild rennen. Die Sätze aus Bachs Violinsonaten klingen dazu seltsam nebensächlich, obwohl sie von Yamei Yu und Wolfram Rieger so fein interpretiert werden.

Das Stück ist eine nettes Appetithäppchen, ausgewalzt auf Menulänge und sehr wirkungsvoll als Kunstwerk serviert. Denn die Ausstattung der beiden Uraufführungen stammt von der Stuttgarter Künstlerin Rosalie. Sie senkt über Sandronis Werk drei umgedrehte Wäschespinnen herab, die sich wie riesige Insektenfühler oder Abhörantennen öffnen. Zusammen mit der knallbunten Kleidersammlung sieht das toll aus, keine Frage, aber ein Choreograf kann Rosalie als Bühnenbildnerin eigentlich nur fürchten, weil seine Kunst neben der ihren fast immer untergeht. Nicht nur drängen ihre monumentalen Räume und Installationen die Tänzer als Ameisen an den unteren Rand des Bildes, auch drängt sich - wie schon damals bei ihren ersten Bühnenbildern für Uwe Scholz in Stuttgart - ihre Kunst immer in den Vordergrund, bewegt sich selbst, anstatt den Tanz herauszustellen und erstrahlen zu lassen.

Letzteres gelingt dagegen der minimalistischen Ausstattung von Jean-Paul Vroom in „Adagio Hammerklavier“, dem 35 Jahre alten Klassiker Hans van Manens, der das Kernstück des Programms bildet. Extrem langsam wie Christoph Eschenbachs Beethoven-Aufnahme ist hier auch der Tanz, subtil weben die Blicke Beziehungen zwischen den Partnern. Was für ein Gegensatz zu Sandroni: Hier ist kein Schritt überflüssig oder vertändelt, die Spannung vibriert in jeder der klaren Bewegungen, vor allem beim letzten der drei Paare, Lucia Lacarra und Cyril Pierre.

Auch Martin Schläpfer kommt nur schwer gegen Rosalie an. Der Mainzer Ballettdirektor, derzeit der spannendste klassische Choreograf Deutschlands, schnuppert beim Bayerischen Staatsballett schon mal die Luft der großen Kompanien, er arbeitet hier zum ersten Mal mit über dreißig Tänzern. Weil er bereits ein Konzert für Viola und Orchester von Alfred Schnittke vertanzt hat, heißt dieses Ballett nun „Violakonzert/II“, die teils schroffe, teils sehrende Musik von Sofia Gubaidulina zeitigt eine Choreografie der Trauer und Resignation. Fast nur Kollektive schickt Schläpfer anfangs auf die Bühne: große, parallel tanzende Gruppen aus Männern oder Frauen (natürlich auf Spitze), aus Paaren oder Trios.

So weit gespannt und frei deren Bewegungen am Anfang sind, so eigenwillig und introvertiert wirken die zahlreichen Solos, und so müde wird das Ballett zum Schluss. Dann stehen die anfangs so synchron am Kollektiv teilhabenden Tänzer verloren nebeneinander und blicken stumm zu Boden, die unwirschen Seufzermotive Gubaidulinas spiegeln sich in gesenkten Köpfen. Am Ende kniet ein einsames, tief resigniertes Mädchen an der Rampe, unbeachtet vom Kollektiv und wie verloren im Dschungel aus Stangen und Kabeln. Denn Rosalie hat riesige Kabelbündel vor einknickenden Gitterstrukturen drapiert, ein blutroter Stab ragt von oben in das ansonsten farblose und kalte Bühnenkunstwerk hinein. Es ist bei aller Rasanz, bei aller Neoklassik ein sprödes und eigenwilliges Stück, dessen hochtechnisiertes Bühnenbild die Agierenden einzuschüchtern scheint und nicht unbedingt den Weg vorgibt, den Musik und Choreografie einschlagen: tief nach innen hinein.

Link: www.staatsballett.de

 

Kommentare

Noch keine Beiträge