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Stuttgart

ZU SCHÖN, UM WIRKLICH WAHR ZU SEIN

"Creations IV – VI" am Stuttgarter Ballett



Es ist der zweite Tanzabend der Saison, der unter dem Titel „Creations“ ausschließlich Uraufführungen bündelt - von Douglas Lee, Louis Stiens und Martin Schläpfer. Die größte ästhetische Reibung fordert dabei die Musikauswahl ein.


  • "Messenger" von Louis Stiens; Fabio Adorisio, Riccardo Ferlito, Shaked Heller, Henrik Erikson Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Messenger" von Louis Stiens; Shaked Heller Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Messenger" von Louis Stiens; Shaked Heller, Jason Reilly Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Naiad" von Douglas Lee; Sinéad Brodd Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Naiad" von Douglas Lee; Agnes Su, Flemming Puthenpurayil, Matteo Miccini, Alessandro Giaquinto, Fabio Adorisio Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Naiad" von Douglas Lee; Diana Ionescu Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Taiyō to Tsuki" von Martin Schläpfer; Miriam Kacerova, Roman Novitzky Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Taiyō to Tsuki" von Martin Schläpfer; Timoor Afshar, Daniele Silingardi, Marino Semenzato Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Taiyō to Tsuki" von Martin Schläpfer; Hyo-Jung Kang, Timoor Afshar, Daniele Silingardi, Matteo Miccini, Moacir de Oliveira, Martino Semenzato Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Taiyō to Tsuki" von Martin Schläpfer; Miriam Kacerova, Roman Novitzky Foto © Stuttgarter Ballett

Martin Schläpfer hatte noch eine Rechnung offen mit dem Stuttgarter Ballett. Als junger Tänzer – Jahrzehnte ist’s her – tanzte er Marcia Haydée vor; sie ließ ihn abblitzen. Der Rest ist Tanzgeschichte: Schläpfers tänzerische Erfolge, getoppt von seinem Werdegang als Choreograf und Ballettdirektor – hierzulande verantwortlich für das Mainzer Ballettwunder, gefolgt von einem unerhörten Aufstieg des Balletts der Oper am Rhein in die Chefetage der neoklassischen Kompanien. Kurz vor seinem Wechsel an die Wiener Staatsoper gab es für ihn noch eine späte Genugtuung: Die Einladung aus Stuttgart, ein Stück zum Uraufführungsabend „Creations IV – VI“ beizutragen.

„Taiyō to Tsuki“ (japanisch „Sonne und Mond“) ist der Titel dieses Stückes, das je zehn Tänzerinnen und Tänzer einbindet. Der für seine tiefe Musikalität gerühmte Schläpfer hat für die beiden thematischen Pole zwei höchst gegensätzliche Musikstücke ausgewählt: Schuberts Symphonie Nr. 3 in D-Dur, ein Jugendwerk voll übermütiger Energie – und den geheimnisvoll melancholischen Klangteppich „Seascapes of Fukuyama“ (einer Stadt in der Präfektur Hiroshima) des japanischen Komponisten Toshio Hosokawa. Jugendlich beschwingt wie beim 17-jährigen Schubert geht es anfangs auch auf der von Florian Etti mit stilisierten, glänzenden Quaderportalen ausgestatteten Bühne zu. Diese imaginären Tore – durch die nie jemand geht – sind im ersten Teil beleuchtet, im zweiten dunkel drohend.

Im Frühling des Lebens finden sich auf der Bühne hübsche Paare; Freunde, Liebende, Seelenverwandte Dabei dürfen die Damen selbstbewusst auftrumpfen; Schläpfer lässt sie – sozusagen eines seiner Markenzeichen – dafür mit den Spitzenschuhen auch mal hörbar stampfen. Mit der düsteren Musik ändert sich die Stimmung: Jetzt haben verpatzte Gelegenheiten Hochkonjunktur. Da wird sich verpasst und missverstanden, das wird sich aufgebäumt, bedauert und getrauert – alles aufs Feinste neoklassisch austariert. Handwerklich auf höchstem Niveau und mit jeder Menge Glanzgelegenheiten für die Stuttgarter Solisten, wirkt das Ganze unerwartet konventionell: Als hätte, unter allen Umständen, ein sicherer Erfolg zustande kommen sollen …

Längst hat der ehemalige Stuttgarter Tänzer und heutige Erfolgschoreograf Douglas Lee mehrfach unter Beweis gestellt, dass auch er ein ballettaffines Publikum zu begeistern vermag. Im Eingangsstück „Naiad“ ließ er eine geheimnisvolle, sanft bedrohliche schwarze Unterwasserwelt entstehen, für die ein apokalyptisches Gedicht von Nicola Sáava thematische Stichworte liefert. Freilich – die kompromisslose Schärfe der literarischen Vorlage erreicht das Stück nicht – dazu bleibt es zu vage und vielleicht auch einfach zu schön.

Noch in der Doppelrolle als Stuttgarter Halbsolist und hauseigener Nachwuchs-Choreograf ließ Louis Stiens in „Messenger“ seine Kolleginnen und Kollegen zuhauf auf unterschiedlichste Nachrichten reagieren. Auf der leeren Bühne herrscht dezente Endzeitstimmung; Stiens, selbst für die Ausstattung verantwortlich, demonstrierte beachtliches kreatives Talent als Kostümbildner. Auf enganliegende Unisex-Trikots ließ er eine zweite Muster-Haut (nach dem Vorbild von Hautkrebszellen) drucken – schon vom Zahn der Zeit angenagt und mit groben Nähten zusammengehalten. Immer wieder schält sich ein Einzelner aus der siebzehnköpfigen Gruppe und gibt einen neuen Ton an, während die Gruppe reagiert, imitiert, abändert, verfälscht – ein choreografisch genau austarierter Spiegel der anspruchsvollen musikalischen Vorlage: das Violinkonzert „Follow me“ von Ondřej Adámek.

Es ist der zweite Tanzabend der Saison, der unter dem Titel „Creations“ (in diesem Fall „IV – VI“) ausschließlich Uraufführungen bündelt. In der Staatsoper, mit Staatsorchester und James Tuggle am Pult, sollten die Choreografien für diesen Abend in ästhetischer Hinsicht wohl besonders konsensfähig sein. Die größte ästhetische Reibung fordert die Musikauswahl ein: Mit Ausnahme von Schubert gab es ausnahmslos anspruchsvollste Moderne zu hören. Aber der Tanz war vielleicht doch ein bisschen zu schön, um wirklich wahr zu sein.

Veröffentlicht am 25.02.2020, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Gallery, Kritiken 2019/2020

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Kommentare zu "Zu schön, um wirklich wahr zu sein"



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