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Dresden

HELLERAUER STERNSTUNDEN

„Das Geometrische Ballett“ zum Festivalfinale „APPIA - Stage Reloaded“



Da passte doch alles zusammen: Im Rahmen des Jubiläums 100 Jahre Bauhaus hatte man im Hellerauer Festspielhaus noch einmal die berühmte Bühne Adolphe Appias und des Lichtkünstlers Alexander von Salzmann rekonstruiert.


  • "Das geometrische Ballett" im Festspielhaus Hellerau Foto © André Wirsig
  • "Das geometrische Ballett" im Festspielhaus Hellerau Foto © André Wirsig
  • "Das geometrische Ballett" im Festspielhaus Hellerau Foto © André Wirsig
  • "Das geometrische Ballett" im Festspielhaus Hellerau Foto © André Wirsig
  • "Das geometrische Ballett" im Festspielhaus Hellerau Foto © André Wirsig

Adolphe Appia wollte ja eigentlich seine Idee eines Theaterraumes ohne Trennung der Bühne von den Zuschauern als einen Raum für optische, klangliche und bewegungsmäßige Gesamtkunstwerke für die Festspiele in Bayreuth entwickeln. Das klappte nicht. Er konnte seine Idee zum Glück aber 1912 in Hellerau, auf dem „Grünen Hügel der Moderne“ bei Dresden, verwirklichen: eine Architektur des umbauten Lichtes; ein Raum mit doppelten Wänden aus weißen Stoffbahnen zwischen denen sich die 5000 Glühbirnen für die Lichtinstallationen Alexander von Salzmanns befinden; ein Raum aus Licht, das sich verändert, ohne dass es eine eigens auszumachende Quelle dieses Lichtes zu geben scheint. Und selbstverständlich gilt dieser Raum mit seiner Wirkung als eine der wesentlichen Anregungen für folgende Bauhausideen. In Hellerau fanden darin auch Aufführungen statt, etwa die der Szenen aus Glucks Oper „Orpheus und Eurydike“ mit choreografierten Bildern der Chöre, welche wiederum beeinflusst waren von den Neuerungen des Tanzes durch die Rhythmische Gymnastik von Émile Jaques-Dalcroze in Hellerau.

Jetzt kehrte zum Bauhausjubiläum im Rahmen des Hellerauer Festivals der Tanz mit den Tanzskulpturen von Ursula Sax, unter dem Titel „Geometrisches Ballett - Hommage à Oscar Schlemmer“, an jenen Ort zurück, von dem einst erste Anregungen eben für jenes 1922 in Stuttgart uraufgeführte „Triadische Ballett“ ausgingen, dieser genialen Formspielerei mit den 19 skurrilen Figuren von Oskar Schlemmer. Er folgte nämlich den Ideen des königlichen, klassischen Solotanzpaares Elsa Hölzel und Albert Burger aus Stuttgart, die auf Wunsch des Generalmusikdirektors Max von Schillings 1912 einen fünfmonatigen Fortbildungsurlaub in der Rhythmischen Bildungsanstalt von Émile Jaques-Dalcroze in Hellerau verbrachten. Schon 1916 gab es dann erste Tänze mit den fantasiereichen Figuren von Oscar Schlemmer.

In der Rekonstruktion des einmaligen Ambientes an diesem Ort, wo so vieles begann, was bis heute das Ballett und den Tanz beflügelt, gab es als Dresdner Uraufführung „Das Geometrische Ballett“ mit den Tanzskulpturen der über 80-jährigen Künstlerin Ursula Sax, die an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste lehrte. Erstmals wurden geometrische Figuren von Ursula Sax 1991 und 1992 in Berlin und Braunschweig von Studierenden bewegt. Diese Uraufführung gestaltete sich in der Choreografie von Katja Erfurth als eine Sternstunde in und vor allem für Hellerau und Dresden. Genau genommen waren es 75 Minuten, die wie im Fluge vergingen, am Ende war das Publikum im total ausverkauften Saal des Festspielhauses berührt und begeistert.

Zu erleben gab es mit den Figuren von Ursula Sax und in der Art, wie sie von den fünf Protagonisten bewegt wurden und mit dem Publikum in Beziehungen traten, immer wieder diese Momente wunderbarer Zärtlichkeiten. Hier wird der Horizont der Fantasien weit geöffnet. Weiß ist eben nicht gleich weiß, zusammen mit Bewegungen, Licht und Klängen eröffnen sich, besonders in diesem Raum, ungeahnte Farbfacetten. Die Formen von Ursula Sax sind ja in ihren geometrischen Ausgangspositionen auf verblüffende Weise veränderbar. Da sind diese „Körperpappen“, also auf- und einklappbare Elemente an den Körpern der Protagonisten. Da sind die farbigen Luftkleider, die sich kraft des in ihnen gestauten Luftdruckes mit den Bewegungen der Tänzer verändern, das kann ganz skurril sein, komisch, kurios, und dann wieder übergehen in die luftige Eleganz des Tanzes aus den Traditionen des Balletts. Der Humor ist da, grandios die riesige durch den Luftstrom bewegte Figur, diese Windfigur eines Walfischs der Fantasien, eine witzige Skulpturenwand kommunizierender Ärmel zu rhythmisch genialem, stimmakrobatischem Rap von Erik Brünner.

Manche Figuren führen in die Welten der Malerei - ein Kriegerpapst, ein Grabritter, ein Soldat und ein Kürbispanzer-Krieger mit Spitzhelm erinnern an Motive eines Hieronymus Bosch, ohne diesen zu kopieren. So kommt nämlich immer wieder die Fanatsie der so wunderbar konzentrierten, staunenden Zuschauer ins Spiel. Ihre Geometrien tanzen im Geiste mit, lösen sich auf und kommen wieder zusammen. Grandios ist das Lichtdesign von Ted Meier, das Spiel mit Licht und Schatten, den Raffinessen, wenn sich im Original die Geometrie einer Figur auflöst, im kunstvoll geleuchteten Schatten sich farbig aber wieder aufbaut und dann doch zerfällt. Nicht zu vergessen im sensiblen Zusammenspiel mit den Protagonisten: den Tänzerinnen Helena Fernandino und Jule Oeft, dem Schauspieler Erik Brünner, dem Rhythmiker Liang Zhu und natürlich der tanzenden Choreografin Katja Erfurth, der Musiker Sascha Mock mit seinen im Fluss der Bewegungen zugespielten Sounds. Dazu sein Spiel mit Schlagwerk, die melancholische Verzauberung der Klangschalen, die klingelnde Heiterkeit kleiner Schellen. Zitate von Henry Purcell, mit dem zugespielten Gesang von Annette Jahns, setzten einen besonderen Akzent mit jazziger Kraft, tänzerischer Rhythmik, bei fröstelnder Abfolge der Töne dieses „Coldsongs“ in einem weißen Bild.

Insgesamt bezieht "Das Geometrische Ballett" seine Kraft aus der Konzentration durch die Feinheiten der Zwischentöne in den sensibel geführten Bewegungen der Menschen im Dialog mit den Materialien dieser Figuren und Formen. Ein Hellerauer Abend: Lebendig in der Verbindung von Traditionen und Gegenwart. Keine Verklärung, dafür große Klarheit. So ging ein angemessen inszeniertes Festival erfolgreich zu Ende, zu dessen Rahmenprogramm vor allem auch die von Gabriele Gorgas und Claire Kuschnig kuratierte Ausstellung „Raum der Visionäre - Appia, Dalcroze, von Salzmann“ gehörte, in der erstmals eine große Auswahl originaler Briefe von Émile Jaques-Dalcroze in deutscher Sprache gehörte und eine Ausstellung über Ursula Sax von Semjon H.N. Semjon, der auch zu den Initiatoren dieser ersten, choreografischen Produktion des Geometischen Balletts gehört.

Veröffentlicht am 23.09.2019, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Gallery, Kritiken 2018/2019

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