HOMEPAGE



Leipzig

TRAGÖDIE UND ABBILD

Eine Woche lang zeigte das Off-Europa-Festival in Leipzig zeitgenössische Bühnenkunst aus Israel



Künstlerisch ausgesprochen geglückt – und politisch auch.


  • "Victims & Images" von Roni Chadash Foto © Orna Kalgrad
  • "Victims & Images" von Roni Chadash Foto © Yakir Meir
  • "It's All Good" von und mit Rotem Tashach Foto © Tamas Loky
  • "It's All Good" von und mit Rotem Tashach Foto © Tamas Loky
  • "It's Always Here" von Adi Boutrous Foto © Tamar Lamm
  • "It's Always Here" von Adi Boutrous Foto © Tamar Lamm
  • "Local/not easy" von Iris Erez Foto © Arale Hazamzam H-Boer
  • "Local/not easy" von Iris Erez Foto © Arale Hazamzam H-Boer

Es ist gleich der erste, groß und dick gedruckte Satz, der im Programmheft zum am vergangenen Sonntag zu Ende gegangenen Off-Europa-Festival zu lesen ist: "Gute Kunst ist immer auch politisch." Und so sehr man diesem markant postulierten Primat des Politischen gern widersprechen möchte, so sehr muss man zugeben, dass das schier eine Unmöglichkeit ist, wenn die Kunst wie zum diesjährigen Festivaldurchlauf mit "Mapping Israel" aus einem Land kommt, dessen Wahrnehmung von diesem Politik-Primat geradezu okkupiert ist.

Die Vermessung eines (europäischen) Landes mit den Mitteln der darstellenden Kunst; das Erstellen einer künstlerischen Kartographie abseits des ästhetisch Offiziösen und plakativ Repräsentativen: Das ist seit je das entscheidende Wesens- und Qualitätsmerkmal von Off Europa. Ein Entdecker-Festival in bester und mehrfacher Hinsicht. Und man muss genau das immer wieder erwähnen, weil eben auch genau das für einschlägige Festivals mitnichten selbstverständlich ist. Diese Mühe echten Entdeckens - und die große Lust an dieser Mühe.

Wer sich über die Wirklichkeit nicht hinauswagt, der wird keine Wahrheit erobern - es ist nicht ganz uninteressant, wie gut sich israelische Gegenwarts-Bühnenkunst ausgerechnet durch das Perspektivspektrum des deutschen Idealismus betrachten lässt. Und sei es in jenen Umkehrungen, die davon sprechen, wie jedwede Wirklichkeit, nur noch von der potentiellen Künstlichkeit jedweder Wahrheit spricht. Von deren Kunst-Fertigkeit im Sinne eines "Bereitseins, Kunst zu werden".

"It´s All Good" war gleich die zweite Bühnenshow des Festivals. Eine Inszenierung von und mit Rotem Tashach, in der der Künstler in einem von ihm kreierten Hybriden zwischen Tanz, Comedy-Talk und Lichtbilder-Vortrag an einer Stelle Théodore Géricaults Gemälde "Das Floß der Medusa" mit dem Foto eines kenternden Flüchtlingsbootes im Mittelmeer konfrontiert. Hier ein Schiffsuntergang als Melodram im malerisch pathetischen Gestus der Romantik, dort die journalistische Momentaufnahme eines brutal alltäglichen Gegenwartsdramas. Dazwischen: Der kräftige Wahrnehmungsreflex der Ästhetisierung.

Denn man mag staunen oder auch erschrecken, wie schnell man, zumal im Kontext von Tashachs perfide scharfsinnigem Tanz-Sprech-Spiel, das Foto mit den Verzweifelten auf dem kieloben treibenden Flüchtlingsschiff, nach bildkompositorischen Gesichtspunkten zu betrachten beginnt. Dass auch Géricaults Kunstwerk eine reale Tragödie aus der Zeit der napoleonischen Kriege schildert, ändert daran nichts. Im Gegenteil. Und denkt man diese Aspekte bei einer dritten Projektion mit, nämlich Margrittes berühmtem Bild einer Pfeife mit der Unterschrift "Das ist keine Pfeife", fliegt einem der Titel dieser Performance als bitterer Hohn um die Ohren. Man sieht die Tragödie - und darunter steht, das ist keine Tragödie.

Denn alles ist gut. Und vor allem sieht es gut aus. Um nicht 'schön' zu sagen. Wie in "It´s Always Here". Zwei Tänzer (Avshalom Latucha, Adi Boutrous) in einem dialogischen Miteinander-Gegeneinander, das als Raumvermessung beginnt: Als ein stoisch synchrones die Bühnenfläche umkreisendes Stehen, Fallen, Abrollen, Stehen... Stringent dann der Übergang zum an- und aufeinander Balancieren, zum gegenseitigen Heben und Tragen. Zum ineinander Wachsen und Auseinanderreißen.

Das alles geschieht in einer Selbstverständlichkeit, die als Natürlichkeit erscheint. Aber - natürlich - akkurate Inszenierung ist (Choreografie: Adi Boutrous), in deren Vertrautheit sich zugleich wie unvermeidliche Einsprengsel die Gesten der Gewalt, wie nebenher gezeigte Nahkampf-Figuren, einfügen.

Selbst dann, so scheint es, wenn das Gezeigte explizit nichts Politisches zeigt, ist es in ihm latent implizit. Ist eingeprägt bis in die Körpersprache. Gilt auch für das vermeintliche Unschulds- oder Opferspiel, das die Tänzerinnen Carmel Ben Asher und Roni Chadesh in "Victims & Images" vorführen. Als filigranes Gegen- oder Ergänzungsstück zu "It´s Allways Here", wirkt "Victims & Images" wie eine Verschleierungstaktik weiblicher Selbstbehauptung, bei der man wunderbar sehen kann, dass Zartheit nichts mit Schwäche und das Filigrane nicht zwangsläufig mit Gebrechlichkeit zu tun hat.

Victims and Images - it´s allways here. Es ist immer hier, immer präsent; die Opfer und die Abbilder. Die Geschichte in der Gegenwart. In ihrer Tanzperformance "Local/not easy" erklärt Iris Erez einmal, warum "Israel zum Fruchtbarkeitsimperium", zur Hochburg der künstlichen Befruchtung wurde. Erstens natürlich wegen des biblischen Gebotes "Seiet fruchtbar und mehret euch!". Zweitens ob des demographischen Problems, das mit "dem immensen Unterschied in der Geburtenrate zwischen der arabischen und der jüdischen Bevölkerung zusammenhängt". Und drittens wirke da noch, so spekuliert Erez in aller Lakonie, "wahrscheinlich das kollektive jüdische Bewusstsein, der fehlenden sechs Millionen."

Um wieder beim deutschen Idealismus zu sein. Was jetzt nicht nur sarkastisch gemeint ist. Denn dass die Kunst die geschichtliche Wahrheit verbirgt, wie die Urnen die Gebeine, wusste schon Schiller. Wie sich nun aber auch diese Gebeine durch Kunst beleben können, zeigte sich zu diesem Off Europa immer wieder. Mit Arbeiten, die sich weit über die lapidare Wirklichkeit des bloßen Polit-Primats hinauswagten, selbst dann wenn sie explizit politisch artikulierten. Ein künstlerisch ausgesprochen geglückter Jahrgang. Einer mit erfreulich starkem Zuschauerinteresse

Veröffentlicht am 30.05.2019, von steffen georgi in Homepage, Gallery, Kritiken 2018/2019

Dieser Artikel wurde 671 mal angesehen.



Kommentare zu "Tragödie und Abbild"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    JOHANN KRESNIK IST TOT

    Das deutsche Tanztheater hat einen seiner Pioniere verloren
    Veröffentlicht am 28.07.2019, von tanznetz.de Redaktion


    EHRUNG FÜR JOHANN KRESNIK

    "Goldenes Verdienstzeichen des Landes Wien" für den bedeutenden Vertreter des choreografischen Theaters
    Veröffentlicht am 12.07.2019, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    EUROPÄISCHER KULTURMARKEN-AWARD 2019

    Bis zum 31. August können noch Wettbewerbsbeiträge für den innovativsten europäischen Wettbewerb für Kulturmanagement, Kulturmarketing und Kulturförderung eingereicht werden.

    Europas avanciertester Kulturpreis zeichnet dynamische Kulturprojekte und das herausragende Engagement europäischer Kulturinvestoren, sowie trendsetzende Kulturmanagerinnen und Kulturmanager aus.

    Veröffentlicht am 21.08.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    ZU EHREN TERPSICHORES

    "Terpsichore-Gala I" im Nationaltheater zum 10jährigen Bestehen des Bayerischen Staatsballetts

    Veröffentlicht am 09.10.1999, von Katja Schneider


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal

    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    DAS WAR’S

    Rückblick auf die Tanzwerkstatt Europa 2019 in München

    Veröffentlicht am 15.08.2019, von Vesna Mlakar


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    JOHANN KRESNIK IST TOT

    Das deutsche Tanztheater hat einen seiner Pioniere verloren

    Veröffentlicht am 28.07.2019, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP